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Gesehen: Die Räuber

10.3.2012, Kammerbühne

von Anika Goldhahn, Kultur

pictures/artikel/IMG_42375025.jpgVier Amalias und Franz im Doppelpack in Schillers „Die Räuber“? Nein, da hat einer vor dem Theaterbesuch nicht zu tief ins Weinglas geguckt. Das ist wirklich so, zumindest in der neuen Produktion des Theaterjugendclubs in der Kammerbühne. Hier rücken die eigentlichen Räuber und selbst Karl in den Hintergrund. Im Fokus steht die Familie Moor mit der rasenden Amalie, Geliebte von Karl Moor, und dem hasserfüllten Franz Moor, der nicht nur auf das Erbe, sondern auch auf Amalia aus ist.
Aber warum dann gleich so viele Darsteller für die beiden Hauptrollen? Waren da etwa zu viele Schauspieler übrig? Keineswegs. Regisseur Rudi Piesk wählte die Aufspaltung der Rollen auf mehrere Darsteller ganz bewusst, um die inneren Widersprüche der Charaktere aufzuzeigen. Tolle Idee, jedoch hielten sich die inneren Widersprüche doch eher verdeckt. Oft wirkten die beiden Franze wie das doppelte Lottchen, Unterschiede waren nur selten zu erkennen. Hinter der Idee steckt viel Potential – die Umsetzung dagegen ist eher schlecht als recht.
Überzeugender war da schon das chorische Sprechen, das gleich die doppelte oder auch vierfache Wirkung erzielte. Im Mittelpunkt stand das Wort Schillers. Für Fans der Wortkunst ist diese Inszenierung ein Muss. Mit dem chorischen Sprechen als immer wiederkehrendes Motiv geht jedes Wort bis unter die Haut. Für den ein oder anderen war dies jedoch vielleicht etwas zu viel des Guten. Bei einer Spielzeit von 180 Minuten ist das gesprochene Wort allein doch etwas langatmig. Gerade in einem Stück mit dem Titel „Die Räuber“ sollte doch ein wenig mehr Aktion auf der Bühne möglich sein.
Die Räuber selbst, gekleidet in Outfits von Versicherungsvertretern, bekamen allerhöchstens ein paar Gastauftritte. Mit Dem Fokus auf Amalia und Franz stellt sich jedoch die Frage: Wer ist hier Räuber? Franz ist genauso Räuber wie sein großer Bruder. Dem Vater raubt er seinen Sohn, der Amalia ihren Geliebten, zusammen mit ihrer Unschuld und später raubt er sich selbst noch sein Leben. Und Amalia? Raubt sie nicht den Verstand von Franz, und spielt immer wieder Katz und Maus mit ihm? Räuber von heute.
Während die Umsetzung des bekannten Schiller-Werkes fragwürdig und letzten Endes doch wirklich Geschmackssache ist, haut den Zuschauer doch zumindest eins vom Hocker oder Theaterstuhl: Die schauspielerische Leistung. Auch wenn diese auch von unterschiedlichem Niveau ist, überzeugen doch einige der 14-22 jährigen Darsteller mit ihrem Können. Tobias Nowakowski glänzte in seiner Rolle als Franz und Musa Kohlschmidt gab eine vorzügliche Amalia ab. Der Star des Abends war jedoch ohne Frage Andreas Titze als Franz. Mit seiner Brillanz und Perfektion im Spiel übertraf er bei weitem alle Erwartungen eines Laien-Theaters. Andreas, wir wollen mehr von dir sehen!
Die Version des Theaterjugendclubs von „Die Räuber“ nach Schiller ist voll von Wiederholungen, die man entweder liebt oder hasst, ohne Frage voll von Amalias und einem Doppel-Franz, voller alten Schiller-Texten und neuen Perspektiven auf sein Stück. Zu viel von allem? Das Publikum war geteilter Meinung. Ein Stück, über das der Theaterbesucher noch Stunden später diskutieren kann – das an sich macht doch schon ein gutes Stück aus, oder?


Foto: Marlies Kross
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