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Gesehen: „Schmiere stehn“

Premiere, 11. März, Piccolo Theater

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_42375449.jpgHabt Ihr auch schonmal Schmiere gestanden? Ich weiß es beim besten Willen nicht mehr. Wir hatten meist Cowboy und Indianer Spiele, da gab es irgendwie nur Helden und Böse und Gute.
Nur - um´s Spielen geht es auch gar nicht im neuen Stück am Piccolo. Und um wirkliche Kindheit nur ganz, ganz am Anfang. Da sitzt Nina (Maria Schneider) schon vorn, als das Publikum herein kommt, liest in einem Kinderbuch und nascht Schaumtiere. Was sie liest, erklingt für uns als kleines Hörspiel via Lautsprecher. Doch das ist ihr langweilig. Sie hat etwas anderes vor und braucht dafür erstmal jemandem zum Schmiere stehen. Im Publikum meldet sich eine Freiwillige: Lisa.
Ja, Leute für ihre Zwecke einbinden, kann Nina gut. Dann macht sie sich auf ins Zimmer ihrer großen Schwester. Ihhh, wie die sich schminkt. Und bähhh, wie der Typ auf dem Foto da aussieht. Aber schau her, Geld ist in ihrem Portemonnaie, nichtmal wenig, da fällt sicher nicht auf, wenn was fehlt. Nina weiß auch, weshalb ihre Schwester die Scheine hat. Sie ist nicht dumm und kann Nachrichten-Meldungen von Überfällen der „Baby-Faces“ mit dem, was ihre Schwester tut gut in Übereinstimmung bringen. Neue Klamotten, Geld, dieser Typ Tom,...
Gleichzeitig hält Nina nicht so viel von ihrer Schwester Jessi (Anne Diedering), diesmal aber ist die schneller, auch „Wachmann Lisa“ sieht sie nicht rechtzeitig. Ertappt, jedoch kaum irritiert, muss Nina zwar die Beute wieder herausgeben, dreht den Spieß jedoch gleich um. Sie macht Jessi klar, dass sie Bescheid weiß über die Bande und sie dabei sein will.
Dort hat Tom (Hauke Grewe) das Sagen, zumindest meint er das. Als wir ihn kennenlernen, erzählt er erstmal von seiner einsam-langweiligen Kindheit. Dabei war da offenbar an sich alles normal ... eben, zu normal. Bei ihm, im Quartier der kleinen Gang mit dem zweifelhaften Presseruhm, sitzt noch einer, der Russe, eigentlich Nikolai (Florian Donath). Der packt Beute liebevoll und sorgfältig um zu kleinen Geschenkpäckchen für seine fünf Schwestern.
Jessi kommt, Nina im Schlepptau. Tom ist kurz erschrocken, dann schnell interessiert. Denn diese Zwölf-(einhalb)-Jährige ist so ganz anders, als Jessi. Viel tougher. Sie will dazugehören, und sie weiß, wie sie bekommt, was sie will. Mangels anderer Anregungen ist ihr ihr wohlbehütetes Leben viel zu langweilig. Tom lässt sie mitmachen, und da Nina clever ist, steht bald nicht mehr sie Schmiere, sondern Jessi. Tom und Nina ziehen gar zu eigenen Touren los, mit 50:50 Gewinnteilung. Zur Bandenkarriere gehört dann auch eine eigene Waffe. Auf die bloße Aussage hin, sie sei nicht geladen, hält Nina sie Tom ohne Skrupel an den Kopf und drückt ab.
Ab und zu schauen seit einiger Zeit Mütter besorgt zu ihren für das Stück etwas zu jungen Söhnen (7-9), immer dann, wenn ein Wort, wie „Porno“ fällt. Es sind auch andere, sehr kleine Kinder im Saal. Die Altersempfehlung lautet ab 12, und man sollte ihr auch folgen. Allzu leicht könnte sonst als spannende Anregung empfunden werden, was als Warnung gemeint ist.
Denn die Sache eskaliert. In der Bande, bei den Überfällen und in Nina selbst. Äußerlich immer mehr Gangsterbraut stößt sie Jessi und auch den Russen vor den Kopf, den sie eigentlich irgendwie beginnt zu mögen. Immerhin hilft das Nikolai selbst auszusteigen. „Nina, das ist kein Spaß“, warnt er. Doch noch lacht sie ihn aus, als er dabei ist sie in den Beschützerkreis einzubeziehen, den er für seine Schwestern bildet und hält ihm die Waffe an den Kopf. In ihren Träumen aber sieht Nina die Opfer ihrer Raubzüge sterben. Sie isst kaum noch und kann nur noch Galle kotzen. Es brodelt in ihr, aufhören also? Einmal noch sagt Tom, doch endlich macht die große Schwester etwas richtig und nimmt in dieser Nacht ihre Stelle ein .....
„Schmiere stehn“ wurde im Oktober 2010 im Landestheater Linz uraufgeführt. Jörg Menke-Peitzmeyer, der in Cottbus selbst Regie führte, ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren für das Kinder- und Jugendtheater. Für das Piccolo schrieb er eine eigene Fassung. Und gemeinsam mit Jan Helling erdachte er sich dazu ein Bühnenkonzept, in dem die Darsteller ihre Figuren ideal entwickeln können. Diese Chance nutzen die Vier sehr bemerkenswert. Lediglich die Jessi gerät Anne Diedering in wenigen Momenten zu distanziert. Wie schon oft gesagt, ist auch hier anzuraten, dass weniger Kinder, als Eltern in die Vorstellungen kommen sollten. Denn sie sind es, die verstehen müssen, das Vernachlässigung kein Phänomen von Hartz-IV ist, sondern aus mangelndem Einfühlungsvermögen, fehlenden oder unangepassten Angeboten für die Kindern, falschverstandener Fürsorge und nicht gezeigter oder nicht erkennbarer Liebe. Diese Aufzählung ist unvollständig und muss es sein. In „Schmiere stehn“ aber kann sich jeder selbst prüfen und vielleicht erkennen, möglicherweise auch sich einfach nur erinnern - und Schlussfolgerungen daraus ziehen. Maria Schneider, Anne Diedering, Hauke Grewe und Florian Donath geben dabei emotional und nachfühlbar die bestmögliche Hilfestellung.


Foto: Michael Helbig
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