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Gesehen: FAMILIENBANDE! EIN SPEKTAKULUM

Staatstheater Cottbus, 8.2.2012 (Premiere am 28. Januar 2012)

von Jens Pittasch, Christiane Freitag, Kultur

Seit Ende Januar 2012 gibt es am Staatstheater ein neues, großes Schauspiel-Spektakulum zu erleben. Diesmal nicht in der Kammerbühne, wie vor einem Jahr beim Heimat-Spektakel, sondern an verschiedenen Spielorten im Großen Haus. Auf der Bühne von vorn und hinten und auch in der alten Tischlerei werden fünf Stücke an einem Abend gezeigt, davon allerdings drei gleichzeitig, so dass man mehrmals ins Theater kommen kann, um alles gesehen zu haben. Wenn man das denn möchte. Ich bin mir da nach dem ersten Durchlauf nicht mehr sicher.
Schauspieldirektor Mario Holetzeck und die Dramaturgen Bettina Jantzen und Sophia Lungwitz entsannen eine Zusammenstellung dieser FAMILIENBANDE, die auf dem Programmheft des Abends durch ein leichtes Abkippen des Wortes BANDE angedeutet wurde. Was hier subtil in Schräglage gerät, entpuppt sich in den Stücken als Anhäufung kaputter bis kranker familiärer Verhältnisse. Nun ist vollkommen klar, dass es diese in der Realität häufig gibt. Wie hier kombiniert ergeben sie aber eine Ausschließlichkeit, wie sie weder der Familie an sich, noch dem Spielzeitmotto FAMILIE gerecht werden kann.
Bei allem Verständnis dafür, die Finger auf kritische Stellen zu legen und bei allem eigenen Misstrauen gegenüber Volkstümelei-Kitsch und Boulevardtheater, ist doch an dieser Stelle der Familienspielzeit zu hinterfragen, ob die Institution FAMILIE nicht zu schlecht wegkommt.

Das Spektakulum beginnt mit Brechts „Die Kleinbürgerhochzeit“.
pictures/artikel/IMG_42376541.jpgAuch wer Brecht weniger kennt, weiß doch zumindest, dass dessen Familiensinn begrenzt und sein Verhältnis zum Kleinbürgertum kein gutes war. Wie auch der Begriff des Kleinbürgers generell nicht für eine Lebensart steht, die positiv belegt ist.
Brecht schrieb das Stück als 21-Jähriger, 1919. Es hieß da noch „Die Hochzeit“ und Bertolt war noch Eugen Berthold Friedrich Brecht, Student der Philosophie, Medizin und Literatur in München und frisch gebackener Vater. Eine Hochzeit für ihn und Jugendliebe Paula kam allerdings nie zustande. Ihre Eltern lehnten den Teilzeitstudenten und linken Arbeiter- und Soldatenrätler Brecht rundheraus ab. Es kann also gut sein, dass sein Schauspiel seine Art war, diese Situation zu verarbeiten und mit den verhassten Kleinbürgern abzurechnen.
Wie solche Familienfeiern oft verlaufen, hat fast jeder schon erlebt. Gelingt es den Anwesenden noch einige Zeit den schönen Schein zu wahren, geraten bald einige Dinge aus- und die Gäste aneinander. Ein herrlicher Stoff für deftigen Klamauk, ebenso jedoch - besonders aus der Feder eines satirisch-zynischen Könners, wie Brecht - für intelligente Komik und Eulenspiegeleien.
In der Cottbuser Fassung (Regie: Mario Holetzeck) war bis zum Essenverteilen alles noch ganz lustig. Brautpaar und Gäste finden sich an der überlangen Tafel ein. Die Bühne hat etwas von einem aufgeklappten Eisenbahnwagon (Gundula Martin), drückt also ein bisschen, die Verengung passt aber zu einem Anliegen a la Brecht.
Es spielen Johanna Emil Fülle, Heidrun Bartholomäus, Laura Maria Hänsel, Sigrun Fischer, Oliver Seidel, Thomas Harms, Oliver Breite, Berndt Stichler und Arndt Wille. Hans Petith ist die Ein-Mann-Hochzeitskapelle.
Der Friede am Tisch hält nur bis kurz nach der Suppe. Der Zusammenhalt im Stück leider auch. Einzelne Episoden entwickeln sich sehr schön, einige Personen haben wunderbare Momente, doch leider verlieren sich dabei das Gemeinsame, die Übergänge und der Fluss des Spiels. Und das leider nicht so, wie sich künstlich herbeigeführter Familienfriede in Intrigen und Keilereien auflöst, sondern mangels regieseitiger Führung. Kaputtgehende Möbel bekommen mehr Bedeutung als Personen, Schauspieler müssen sich auf Sollbruchstellen von Stühlen und verborgene Halterungen für umklappende Tischbeine konzentrieren und springen dann schnell auf ihre Einsätze. Schade, schade. Das Kleinbürgerliche kann so garnicht auf´s Korn genommen werden, und Zuspitzungen wirken gestellt und bleiben in Symbolik hängen. - PAUSE -

Der Besuch eines der drei Stücke, den den Mittelteil der FAMILIENBANDE bilden wurde unter den Zuschauern verlost. In der alten Tischlerei gibt es „In einem finsteren Haus“, einen Psychothriller für drei Personen. Auf der Hinterbühne treffen in „Die ganze Welt“ zwei Ehepaare aufeinander. Und auf der Vorbühne spielt Geschäftsmann „Steinkes Rettung“, die ich sah.
Jens Pittasch

Doch zunächst in die Tischlerei: „In einem finsteren Haus“ (von Neil LaBute)
Grundtenor dieses Stücks ist häusliche Gewalt und Vergewaltigung Minderjähriger. Und obwohl ich mich frage, was ein solches Werk in einem Kompendium mit dem Titel „Familie“ sucht, muss ich doch gestehen, dass Neil LaBute einen ungewöhnlichen aber interessanten Zugang dazu gefunden hat: Das Dreimann-Stück erzählt die Geschichte der Brüder Drew (Roland Schroll), einem erfolgreichen Anwalt und glücklichen Familienvater und Terry (Arndt Wille), dem ‚verstoßenen‘ und drogenabhängigen Sicherheitsmann. Drew hat trotz seines vermeintlichen Bilderbuchlebens, selbiges einmal zu sehr und zu oft genossen und will nun in einer psychiatrischen Klinik „reinen Tisch machen“ mit seiner Vergangenheit, die er für alles verantwortlich macht. Terry soll ihm helfen, indem er aussagt, ein Freund der Familie, Todd, habe ihn damals missbraucht. Dass am Ende überraschend alles anders kommt, und nichts so ist, wie es zunächst scheint, ist an dieser Stelle noch in weiter Ferne. Denn dass Terry zwar eigentlich missbraucht wurde, ihm das aber gefiel und Drew seinen Missbrauch nur erfunden hat, um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, dafür aber Todds Tochter Jennipher (Laura Maria Hänsel) Terrys Eifersucht auf Drew büßen musste – das alles offenbart sich erst in den letzten Minuten des Stücks. In einem Monolog Terrys, worin sich mit jedem Wort tiefere Abgründe auftun. Die gefühlten zwei Stunden davor verbringen die Darsteller mit eloquent-aberwitzigen und schnellen Dialogen darüber, was man eigentlich noch gar nicht weiß. Und zwar auf eine Art, dass dieses große „Hä?“, das man beim Zuschauen im Kopf hat, irgendwann nur noch nervt (Regie: Anniki Nugis). Emotionale Ausbrüche hier, unterschwelliger Hass da. All das kann man nicht wirklich einordnen, und das irritiert immens. Man kann die Figuren nicht verstehen, weil man nicht weiß worum es ihnen eigentlich geht. Abwechslung bietet da die unbeholfen-flirtative Szene zwischen Terry und Jennipher, die aber leider auch relativ unaufgelöst bleibt.
Wer also Stücke mag, deren Sinn sich erst am Ende vollständig enthüllt und die mit zynischen und tiefsinnigen Dialogen auftrumpfen, der wird an „In einem finsteren Haus“ sicherlich Gefallen finden.
Christiane Freitag

Programm-Mittelteil: „Steinkes Rettung“ (von Oliver Bukowski)
Steinke, Werner Steinke (Rolf-Jürgen Gebert), ist eigentlich kein Geschäftsmann. Er kann im Grunde nichts, hat sich aber hochgedient und seine Verkaufserfolge im LKW-Geschäft hart erarbeitet. Nun ist er Top-Mitarbeiter, meint er zumindest und lässt sich von Frau und Tochter „Käptn“ nennen.
Der Käptn ist es gewohnt, alles zu steuern, das Schiff Familie stabil und im Kurs zu halten, Frau und Kind zu ernähren und deren Welt zu drehen, beziehungsweise der Nabel seiner Welt aus Firma und Familie zu sein. Undenkbar, dass beide ohne ihn existieren könnten.
Lange vor ihm selbst erfahren wir sehr schnell, dass nichts so ist, wie Steinke meint.
Die Tochter (Johanna Emil Fülle) kennt den Käptn kaum und kann auf seine Anwesenheit auch gut verzichten. Auf Urlaub mit ihm besonders. Genau der steht jedoch nun an.
Die Frau (Sigrun Fischer) ist es, die in Wahrheit dieses Etwas von Familie zusammenhält, die den Käptn in Gefühl und Glauben an seine Größe und Bedeutung lässt und in den ganz normalen Konflikten mit der jugendlichen Tochter steht. Im Beginn des Stückes zeigen dies Sigrun Fischer und Johanna Emil Fülle wirklich gelungen. Auch Rolf-Jürgen Gebert bringt uns diesen Steinke aus Einbildung, Selbstverliebtheit und ihm verborgener Realitätsferne sehr überzeugend. Seine Firma hat ihm als Auszeichnung Urlaub in einer Almhütte spendiert, Präsentkorb, Fernblick und Bergluft inklusive - Telefon und Internet exklusive.
Auf geht´s in die Höh´ mit einer Seilbahn, die nur Matti bedienen darf, ein bayrisches Original mit der Schlüsselgewalt zur Gesellschaft. Bereits beim ersten Auftritt (und auch bei den weiteren) bekommt Michael Becker Szenenapplaus für seinen Matti, dem er die ungewohnte Mundart in ganz eigener Weise verleiht. Die Lacher halten auch an, als die Situation längst nicht mehr zum Lachen ist. Und das liegt daran, dass die Zuspitzung, das untergründige, unterdrückte Sieden, die heraufziehende Gefahr von eben diesen Lachern und einigen anderen Bildern überdeckt werden. Leider kann so Rolf-Jürgen Gebert der Spagat in der Persönlichkeit seines Steinke und die Eskalation seines Zwiespaltes bis zur Amokgefahr nicht ausreichend gelingen. Das ist dann zwar plötzlich da und bekommt in einer sehr starken Szene (nachts, allein, verzweifelt) intensiven Ausdruck, doch das Angestaute, Unterdrückte - all die Jahre Buckeln und Sich-Kleinmachen bieten für den Charakter noch einiges Potenzial. Mag sein, es liegt daran, dass Regisseur Peter Kupke (bestens bekannt als der Schöpfer des Cottbuser „Der Hauptmann von Köpenick“) sich in Zeit und Mitteln stark beschränken musste, um ins Familienbande-Format zu passen; mag sein, das Pensum war ohnehin für alle Beteiligten sehr hoch; hier knackt es jedenfalls im Stück und es wird den verletzten Seelen nicht genug Aufmerksamkeit gegeben. Denn nicht nur Steinke selbst steht am Rande der Beherrschung. Die größere Last trug Ehefrau Gerit. Und Tochter Miriam flüchtete sich schon längst in ein eigenes Leben. Zu dem gehört Freund Carlo (Oliver Seidel), der uneingeladen mit auf den Berg kommt und den Familienurlaub nur knapp überlebt. Damit immerhin geht es ihm besser als anderen. Wie sich das im bemerkenswerten Nähkästchen-Bühnenbild von Gundula Martin alles abspielt und zuspitzt ist insgesamt in jedem Falle sehenswert.

Abschluss des Abends: „WEILL.FAMILIE.BRECHT“
pictures/artikel/IMG_42376555.jpg„Songs über die Liebe“, ist der letzte Teil der BANDE benannt. Wie der Titel verrät, tragen Kurt Weill und Bert Brecht für diese Lieder Verantwortung. Und über die Familienfähigkeit des Herrn Brecht sagte ich eingangs etwas. Was Brecht schrieb und Weill vertonte, mag ich allerdings überwiegend sehr. So werde ich nicht weiter darauf eingehen, dass ihre Charaktere, die hier zu Wort kommen, eher die Anti-Familie repräsentieren. Oder die, für die Familie ein Traum blieb oder Alptraum schien. Wie unsere Schauspieler jedoch die ausgewählten Lieder sangen und wie dieses ganze Schlussstück gestaltet wurde, ist wirklich äußerst gelungen und sehr eindrucksvoll. Der gesamte Bühnenraum ist frei und offen, die verruchte Bar oder der heruntergekommene Tanzsaal der dargestellt ist (Bühne: Gundula Martin) liegen allerdings überwiegend in Dunkel und Rauch. Die Zusammenstellung der „Songs über die Liebe“ und deren Inszenierung lag bei Mario Holetzeck, Hans Petith und Sophia Lungwitz. Nachteil des gemischten Rauches aus Brechtschen Zigarren, Zigaretten und Bühnennebel: Das Publikum hustet hörbar, anhaltend und ist anfangs unkonzentriert.
Was schade ist, denn nahezu jede Silbe und jeder Ton und jede geschickt, sparsam, klein doch wirkungsvoll angelegte Aktion auf der Bühne verdienen alle Aufmerksamkeit. Es ist ein Liederprogramm der Familienlosen, jedoch nicht der Hoffnungslosen.
Vielen Dank dafür an Heidrun Bartholomäus, Sigrun Fischer, Johanna Emil Fülle, Laura Maria Hänsel, Johanna-Julia Spitzer, Susann Thiede, Oliver Breite, Michael Becker, Kai Börner, Rolf-Jürgen Gebert, Gunnar Golkowski, Amadeus Gollner, Thomas Harms, Roland Schroll, Oliver Seidel, Berndt Stichler, Arndt Wille und Musikus Hans Petith.
Ach ja, und nachdem ich Christianes Beschreibung gelesen habe, ist meine Unsicherheit von vorhin dem Entschluss gewichen: Das Stück in der Tischlerei sehe ich mir unbedingt noch an.
Jens Pittasch


Fotos: Marlies Kross
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