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Gesehen: WANDERER

BÜHNEacht, Premiere 16.7.2011, gesehen 4.2.2012

von Christiane Freitag, Kultur

pictures/artikel/IMG_42377852.jpgZugegeben, die Premiere von „Der Wanderer“ ist schon eine Weile her, doch das ist ja kein Grund nicht darüber zu berichten. Vielmehr eine gute Gelegenheit das Stück noch einmal zurück in die Erinnerung zu bringen, denn diese Stückinszenierung (Regie: Mathias Neuber) ist es wirklich wert, dass man sie sieht und sie im Programm der BÜHNEacht bleibt.
Nicht nur beweist sie, dass wirklich, wirklich gutes Theater auch mit Laienschauspielern geht (die in diesem Fall auch genausogut auf die Vorsilbe „Laien-“ verzichten könnten), sondern es ist auch ein Stück mit aktuellem politischem Bezug. Denn wer kennt sie nicht, die alltäglichen Nachrichten aus Nahost über Selbstmordattentäter, On-/Off-Waffenstillstände oder verheerende Geschehnisse im Gaza-Streifen – dort schwelt seit Jahrzehnten ein Konflikt, der aus unserer Sicht überflüssiger und sinnloser nicht sein könnte…, und darum geht es auch im Stück (Text: Joshua Sobol). Vor allem aber handelt es von der Existenz des ‚Richtigen‘ oder des ‚Falschen‘: Wir lernen also Bob (Karsten Pätz) kennen – einen abgewrackten, bärtigen, alten Mann. Durch eine Zeitungsanzeige von Bob trifft auf ihn die junge, israelische Frau Ana (Karoline Leder), die seine Geschichte aufschreiben soll. Eine Geschichte, die sich auf unsortierten Papierschnipseln in Kartons wiederfindet. Stück für Stück bekommen wir nun anhand subtil aggressiver Wortgefechte Bobs Lebensgeschichte vermittelt: Er ist Doppelagent, arbeitet für den israelischen Geheimdienst und vereitelt palästinensische Terroranschläge gegen Israel. Der Geheimdienst verlangte dafür von ihm eine wohlhabende Palästinenserin zu heiraten, um möglichst unverdächtig seinen Aktivitäten nachgehen zu können. Da er aber bereits mit einer Israelin verheiratet und Vater zweier Kinder ist, macht ihm dieses Doppelleben zunehmend zu schaffen, und er gerät immer mehr ins Strudeln. Sind es doch zum Teil auch Freunde oder Familienväter wie er, die er verraten muss. In diesem Prozess des schmerzhaften Erinnerns und Vergessen-Wollens springen Ana und Bob in die Rollen der verschiedenen Protagonisten. Es verschwimmen Realität und Illusion. Was ist wirklich, was unwirklich? Wer ist eigentlich Freund, wer Feind? Wer ist schuldig, wer unschuldig?
Diese zuweilen schon sehr schizophrenen Züge des Stücks werden von den beiden Hauptdarstellern Karoline Leder und Karsten Pätz mit purem Leben erfüllt. Mit einer unglaublichen Souveränität „wandern“ die beiden zwischen den Rollen hin und her und erzeugen dabei ein perfekt ineinandergreifendes Zusammenspiel, das in Theatern nicht oft zu erleben ist. Die Bühne kommt dabei mit dem wenigsten aus: ein Tisch, zwei Stühle, weiße Vorhänge – den großartigen Rest erspielen die Schauspieler, so dass es dieses Stück locker mit professionellen Produktionen aufnehmen kann. Chapeau!

Und so bleibt die Frage nach dem ‚Richtigen‘ oder dem ‚Falschen‘ am Ende nicht unbeantwortet: Es gibt kein richtig oder falsch. Es gibt nur ein anders.
Wieder einmal ein Stück mit einer Moral am Ende…


Foto: Patrick Niegsch
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