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Gesehen: RUSALKA

Premiere am 7. Juli 2012, Staatstheater

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_46251254.jpgDer letzten Premiere der Spielzeit 2011/12 vorangestellt war ein Abschied. Dr. René Serge Mund, Geschäftsführender Direktor seit 2005, verließ das Staatstheater auf eigenen Wunsch.
"Eine ethische Grenze ist überschritten.", hatte er festgestellt und damit die (nicht nur aus seiner Sicht) unhaltbaren Budgetvorstellungen des Brandenburgischen Kulturministeriums gemeint und die Uneinigkeit zwischen kommunaler und landesseitiger Finanzierung.
"Das Versteckspiel will ich nicht mittragen", meinte der auf Malta geborene Theaterwissenschaftler, der auch Betriebs- und Volkswirtschaft studierte, als Banker und
als Theatermanager arbeitete, in Frankfurt, Brüssel, Washington - Potsdam, Gera und Cottbus. Unser Theater muss nun auf einen Fachmann verzichten, der in besonderer Weise mit Geld und Kunst umgehen kann, die heutige Kulturstiftung ganz wesentlich prägte und dessen besonderer, bleibender Verdienst die mehrstufige, großartige Grundsanierung des Staatstheaters zu dessen 100. Jubiläum ist. Zwar wurde dies seitens der Kommune nun mit einem Eintrag in die Ehrenchronik der Stadt Cottbus (das Goldene Buch) gewürdigt, einen Mann, wie Serge-Mund vertrieben zu haben, macht das nicht vergessen.

Noch ganz in diesen Gedanken sehen wir eine Art Rübezahl vor den Vorhang treten. Er gibt dem Orchester den Auftakt zu einer Ouvertüre ganz traumhafter Melodien, während er - sichtlich erschüttert - von einem Blatt liest.
Die Bühne öffnet sich zu einem riesigen Zimmer, das auch schon bessere Zeiten sah. Wässrige Farbtöne an den Wänden, die Türflügel lose, ein Klavier ohne Füße und im Rollstuhl eine junge Frau, fahl und krank.
Von der Trübnis unbeeindruckt erkunden Elfen den Raum mit seinem geheimnisvollen Loch im Boden, aus dem Nebel steigen und eine Stimme dringt.
Eine Leiter führt dort herauf, durchstrebt die gesamte Bühne und verschwindet im Nirgendwo - irgendwo da oben.
Sehr schön singen die Elfen zur schönen Musik im seltsamen Ambiente, größer könnte der Bruch zwischen gleichzeitiger Traurig- und Fröhlichkeit kaum sein.
Sie necken auch „Opa“, womit deutlich wird, Ingo Witzke spielt nicht den Berggeist, sondern den Wassermann und Vater der so Schwachen im Krankenstuhl: Rusalka (als Gast: Judith Kuhn).
RUSALKA stammt aus der Feder von Antonín Dvořák (Libretto Jaroslav Kvapil) und beschreibt die Volkssage der Nixe, die lieber Mensch sein will. Hans Christian Andersen gründete sein Märchen „Die kleine Meerjungfrau“ auf der Geschichte und die bunte Disney-Filmwelt gab ihr den Namen „Arielle“.
Der Regisseur der Cottbuser Fassung Ralf Nürnberger entschied, die Figur weitab vom Schönen und Bunten zu zeigen. Es reicht ihm nicht, dass ihr das Laufen an Land schwer fällt, gesundheitlich fast verfallen setzt er sie als Behinderte auf die von ihm entworfene, abgewirtschaftete Bühnenwelt.
In nur einem Bild, dem geschilderten Raum, ist diese See und Land, Wald und Schloss, Festplatz und Hexenküche.
Würde nun „semiszenisch“ über der Inszenierung stehen, könnte man die Umsetzung verstehen oder gar als gelungen ansehen. So jedoch bietet das Stück für´s Auge doch etwas wenig, dafür jedoch noch so manches Rätsel: Weshalb kommt der Wassermann als Rübezahl daher? Was erlesen die Figuren aus den allgegenwärtig herumliegenden und fliegenden Blättern? Weshalb kommt und geht die Hexe durch einen Elektroschaltraum? ...
- Wobei genau dieses Bild (es öffnet sich eine verborgene Tür im Überunterwasser-Zimmer; dahinter sichtbar wird ein elektrischer Betriebsraum) mich ganz unmittelbar an „Die Truman Show“ erinnert. Will also Ralf Nürnberger auf das Künstliche seiner Erzählwelt hinweisen? Auf eine allgegenwärtige Manipulation von außen, manifestiert in Gestalt der Ježibaba, der Hexe, die Rusalka hilft, den See verlassen und als Mensch leben zu können - natürlich gegen einen hohen Preis.
Dabei versteht man doch sehr gut auch so, was die Nixe antreibt. Die Grenzen des Sees, wenngleich weit, sind ihr zu eng. Nichts sieht sie darin für sich. Doch diese Blicke hinaus, ans nahe Ufer, versprechen so viel mehr.
„Die Ferne ist ein schöner Ort. Doch wenn ich da bin, ist sie fort. Die Ferne ist, wo ich nicht bin. Ich geh und geh und komm nicht hin.“, sangen SILLY 1985. Und Bei SANDOW hieß es: „Wir können bis an unsere Grenzen gehen. Hast du schon mal drüber hinweggesehen?“
Das war auf der anderen Seite der Mauer, die Regisseur Nürnberger als Kind entstehen sah und deren Westberliner Freiheit er doch in den Norden, Westen und Süden entfloh - um nun als Gast im Osten zu arbeiten.
Jeder hat ganz persönliche Erfahrungen mit (oft enttäuschten) Erwartungen an diesen anderen, besseren Ort.
Möglicherweise verhindert eben dieses starke, eigene Bild - in Kombination vielleicht mit schönen „Arielle“-Bildern - dass sich Ralf Nürnbergers RUSALKA wirklich erschließt.

Es ist ein Abend der sehr schönen Stimmen und der vom ersten Ton an hochemotionalen Musik. Von Evan Christ und dem Philharmonischen Orchester ebenso empfindsam und punktgenau als Begleitung der Sänger dargebracht, wie auch eigenständig tragfähig und stark.
Bis auf Ingo Witzke (dessen Wassermann häufig recht statisch herumstehen muss, was auf seine gesanglich-darstellerische Interpretation leider auch abfärbt) lassen sich die Sängerinnen und Sänger von den Begrenzungen ihres Spielfeldes nicht beirren, sondern schaffen überwiegend den Ausbruch. Judith Kuhn gibt Rusalka eine Stimme, die natürlich aus dem See ans Licht gehört, wo sie durch Hexenzauber dann leider wieder für einige Zeit verstummt. Kein Wunder, dass der Prinz (Jens Klaus Wilde) ihr sofort auf magische Weise verfällt. Wenngleich ihn das Stück gleich darauf eher als Triebtäter, denn als Verliebten zeigt.
Gesanglich jedoch schwingt er sich in wahre Höhen auf, dabei selbst kurz seine Grenzen testend. Die Hexe Ježibaba (Marlene Lichtenberg) und die Fremde Fürstin (Gesine Forberger) tragen ihre Teile bei, um Nixe und Prinz zu entzweien. Was Marlene Lichtenberg und Gesine Forberger sowohl darstellerisch, als auch gesanglich vorzüglich gelingt.
Gesine Forberger gar erinnert mich an ihre Ausnahmeleistung als Salome.
Andreas Jäpel und Dirk Kleinke erhalten Gelegenheit für (schwarz-)humoristisch gestaltete Zwischenspiele als Küchenjunge und Jäger. Und es liegt wahrlich nicht an ihrem Können, dass erneut ein Stück Symbolik im Dunkeln bleibt.
Die Elfen sind Gesangsstudentinnen der Musikhochschulen Leipzig und Rostock, von ihrem Dozenten Martin Schüler als Gäste zum ersten, sehr gelungenen Bühneneinsatz gebracht (Carla Frick, Theresa Dittmar, Julia Bernhart, Annemarie Schlag, Alba Vilar, Eva Schuster, Maria Schlestein). Als Nixen singen und locken die Damen des Opernchores und würden mit ihren Klängen so manchen Seemann unvorsichtig werden lassen und in Untiefen führen.

Dvorák nannte sein Werk aus Sehnsucht, Erwartungen, dem Tun böser Mächte, Liebe und Tragik ein lyrisches Märchen. Wird somit am Ende alles gut?
Schauen Sie es sich selbst an und gewinnen Sie ab 3. Oktober Ihren persönlichen Eindruck aus den Geheimnissen der Tiefe und der Regie.


Foto: Marlies Kross
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