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Gesehen: DER LADEN. Zweiter Abend

Premiere, 22.9.2012, Staatstheater, Großes Haus

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_55145312.jpgEs tat sich Unerhörtes am 22. September auf der Bühne des Großen Hauses.
Ein Idol wurde demontiert, genauer: Text und Regie ließen es sich selbst demontieren, Schritt für Schritt, Verzweiflung um Verzweiflung - und es war großartig. Großartiges Theater. Brisant, spannend, mitreißend zugespitzt.
Weit entfernen sich die Macher dieses Stückes am zweiten Abend von Strittmatters Vorlage, um sich ganz ihm selbst zuzuwenden. Fort mit Heimattümelei und Verstecken. Die Inszenierung ist ein Psychogramm des Verdrängers Esau-Erwin. Zusammengesetzt aus der idealisierten Romanwelt und dem, was man heute weiß (oder zu wissen glaubt) über Kriegstatsachen des Herrn S..
Mag das nun von jeder Seite in Frage gestellt werden, erzeugt Regisseur Mario Holetzeck hier nun ein Stück voller Zündstoff und Reibungsflächen, das alle Darsteller fordert und diese zu großen Leistungen führt. Esau steht eher zwischen den Ereignissen, während andere Charaktere wichtige Versatzstücke der Geschichte liefern.
Allen voran zu erwähnen bietet Gunnar Golkowski seinem russischen Kommandanten einige große Auftritte. Das bewegendste Bild liefert Michael Beckers Großvater im Sterben, der hiernach keineswegs aus der Handlung verschwindet, sondern Esau mit Fragen und fragenden Gesten kaum von der Seite weicht.
Zuspitzungen par excellence liefern Neu-Funktionäre, Altbauern, Wendehälse, Idealisten und Familie.
Mit einem Mal ist Esau auch noch Vater und bekommt eine Frau. Bäcker muss er sein, Neubauer, Ehemann, die Russen wollen auch was von ihm und die, die nun von der Diktatur des Proletariats und einem gerechten Arbeiter- und Bauernstaat reden.
Das alles will er nicht: „Ich will doch nur schreiben!“ Er will sich alles von der Seele schreiben und errichtet doch nur eine Mauer aus Buchstaben um das, was er vergessen und keiner sonst erfahren soll. Mario Holetzeck lässt dies gleich zu Beginn scheitern und einen russischen Panzer durch die bühnenhohe Mauer brechen, die gerade noch Bossdom umgab - und vielleicht ein Versteck hätte bieten können.
„Leben, Leben, Leben - und Tod am gleich Fleck ... Erinnerungen“, stammelt Esau, der ganz am Anfang wieder auf der leeren Bühne liegt, wie im ersten Teil. Begleitet wird das von schrill-wundersamen Tinitus-Tönen (aus dem eigens entworfenen Instrument, Klistirofon).
„Was ist ein Mensch?“ - „Was hast du gesehen? Was hast Du getan?“ - „Ich habe geschrieben. Ich war Schreiber.“ Seine Albträume foltern Esau mit Erschießungsbildern, die Russen foltern ihn (mit amerikanischen Wassermethoden) ganz leibhaftig und erteilen ihm doch ihrerseits die Absolution, da er so nett von Land und Leuten schreibt. Solcherart zum willfährigen Instrument der neuen Macht geworden mag Mario Holetzeck darauf nicht hereinfallen - er stellt Erwin an die Wand, als Esau in SA-Uniform und lässt ihn erschießen, lässt mit Esau die erfundene Wahrheit des Erwin Strittmatter sterben, an dessen Lebenslüge.
Die Buchvorlage der Inszenierung lieferte Holger Teschke, unterstützt wurde Mario Holetzeck bei seiner großen und dem Vernehmen nach hart erarbeiteten Tat von Dramaturgin Bettina Jantzen und den Assistenten Maria Bock und Matthias Grätz. Gundula Martin und Susanne Suhr gestalteten Bühne und Kostüme. Die Begleitmusik kam von Hans Petith, Dietrich Petzold und Lu Schulz. Es spielten Oliver Breite (Esau Matt), Susann Thiede (Helene Matt), Amadeus Gollner (Heinrich Matt), Heidrun Bartholomäus (Magdalena Kulka), Michael Becker (Matthäus Kulka), Michael von Bennigsen (Tinko Matt), Laura Maria Hänsel (Elvira), Johanna Emil Fülle (Christine), Corinna Breite (Nona/Umsiedlerin), Johannes Wingrich (Esaus Sohn), Rolf-Jürgen Gebert (Engelbert Weinrich), Kai Börner (Erich Schinko), Gunnar Golkowski (Sowjetischer Kommandant), Oliver Seidel (Jeremias Konsky), Johannes Kienast (Alfredko Sastupeit) und Thomas Harms (Edwin Schupank).
Am 17. und 29. November sind die nächsten Vorstellungen.
Ob Lausitzer oder zugezogen - sie sollten sie nicht verpassen.


Foto: Marlies Kross
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