Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Gesehen: 1. + 2. Philharmonisches Konzert

LUDWIG VAN BEETHOVEN Alle Sinfonien

von Jens Pittasch, Kultur

Am 6. und 7. Oktober (Wiederholung 14./13.10.) gab es ein sinfonisches Ereignis im Staatstheater, das sich einer Einzelbewertung im üblichen Sinne durch die Außerordentlichkeit der Leistung entzieht.
Anstatt selbst ausgelassen die 100 Jahre seines Bestehens zu feiern, vollbrachte das Philharmonische Orchester einen Musikmarathon. Alle neun Beethoven Sinfonien erklangen in zweimal fünf Stunden, verteilt auf zwei Tage. Einerseits durch deren geschickte Anordnung (mit passenden kurzen und einer längeren Pause), besonders jedoch wegen der durchweg mitreißenden und wahrhaft unermüdlichen Spielweise, wurde das keineswegs anstrengend (zumindest nicht als Zuhörer) oder langweilig. Ganz im Gegenteil. Am Ende des ersten und auch des zweiten Abends begriff ich kaum, so lange im Theater gewesen zu sein, so intensiv hatte sich so viel konzertante Musik geradezu mit mir verschmolzen.
Sehr gut auch die Idee, Peter Gülke, einen der Beethoven-Kenner, jeweils in der ersten Pause über interessante Details, Hintergründe und Zusammenhänge sprechen zu lassen.
Professor Gülke machte an sich spezielle Themen für jeden fassbar und zeigte ungeahnte Verbindungen der Kompositionen, so dass man geradezu darauf wartete, gleich die musikalische Fortsetzung zu hören.
Generalmusikdirektor Evan Christ, den man selbst als einen der besten Schüler Gülkes bezeichnen kann, griff dessen Erzählfaden nahtlos auf und führte mit seinen Musikern zu dessen wirklich spannender Fortsetzung.
Nur eine der Besonderheiten der Einstudierung war die genaue Einhaltung der von Beethoven ursprünglich vorgegebenen Tempi, die je Sinfonie und Satz auch im Programmheft angegeben wurden. Vieles hatte sich im Verlauf der Jahrhunderte abgeschliffen bzw. wurde der Wille des Komponisten jeweils den Hörgewohnheiten der Zeit angepasst. Evan Christ zeigte bereits bei anderen Konzerten sein Bestreben, die ursprüngliche Musik erklingen zu lassen. Um dies zu unterstreichen, kamen beispielsweise auch Naturtrompeten zum Einsatz.
Das Philharmonische Orchester hat sich bei der Umsetzung dieser Idee selbst übertroffen und nachdrücklich bewiesen, welch besondere Entwicklung es in den Jahren mit Evan Christ und den 95 Jahren zuvor genommen hat.
Übrigens vergaß Evan Christ auch im Rahmen dieses Großvorhabens nicht die Uraufführungen eigens komponierter, moderner Musik. Statt dessen erhielt diese sogar deutlich mehr Raum, sprich Spielzeit. An beiden Abenden wurden neue, längere Teile der Komposition „Perturbazione nel settore trombe“ von Salvatore Sciarrino aufgeführt, der auch selbst anwesend war.
Ob fragilen Installationen ähnliche Klänge oder Klassik - nicht wenige Musiker spielten in allen Sinfonien, während andere - durch den Vorteil der recht kleinen Beethoven-Besetzung - die Chance hatten, sich abzulösen.
Bis dann ganz zum Schluss fast jeder gebraucht wurde und noch weit über 100 Mitwirkende hinzukamen. Als Solisten Gesine Forberger, Marlene Lichtenberg, Matthias Bleidorn und Heiko Walter - und ein vereinter Chor der Singakademie Cottbus, des Opernchores und des Extrachores des Staatstheaters. Obwohl nun 200 Personen und trotz der sichtbaren Ziellinie des Projektes kam es weder zu Eile noch zu falscher, lauter Euphorie. In feinen Nuancen und klingenden Widersprüchen entwickelten sich die Hauptthemen der 9. Sinfonie und steigerten sich präzise zu den bekannten Höhepunkten.
Mehr als gerechtfertigt war schließlich der langanhaltende, stehende Applaus der Besucher mit vielen Bravo-Rufen. Vielen Dank an alle Beteiligten des Staatstheaters für die Realisierung dieses Erlebnisses.
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus