Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Eine Sprache des Gemeinsamen Wirtschaftens

Die Transition-Town-Bewegung

von Enrico Noack, Politik

Die Herbstakademie an der Alanus Hochschule widmete sich den schädlichen Auswüchsen des aktuellen wirtschaftlichen Mainstreams und der Suche nach Alternativen. Das kreist in etwa das ein, was sich Ende September 5 Tage lang in Alfter bei Bonn zugetragen hat - doch es wird ihm so nicht gerecht. Denn es ging darüber hinaus darum, das Phänomen der Gemeinschaft als Wurzel solcher Alternativen – dem „Wirtschaften des Gemeinsamen“ - zu finden. Als Besucher der Herbstakademie versuchten wir die dafür notwendige Sprache zu ergründen und sie während des Tagungszeitraumes selbst zu erfahren.
Es entstanden Räume für Begegnungen und Zusammenschlüsse und des Erfahrungsaustausches. Es ging darum ein Gespür für die Synergien, die uns als einzelne Mitglieder über unsere Summe hinaus zu etwas Größerem machten, zu entwickeln und eben jene gemeinsame Sprache zu sprechen.
Es sind Räume wie dieser, die verschiedene Menschen mit ähnlichen Ideen und Idealen auf Augenhöhe zusammenk ommen lassen. Räume die auf einer gemeinsamen Basis, einem Wunsch, einem Bedürfnis gründen, welche die, die sie teilen, zusammenbringt, zusammenschweißt.
Es sind also Räume aus denen ungeahnte Kräfte geschöpft werden können, aber dennoch gleiten sie uns mehr und mehr aus den Händen. Denn unsere Art Wirtschaft zu betreiben, hat sich als nicht in der Lage erwiesen, solche Räume zu bewahren und zu pflegen, ihre Sprache zu verstehen. Weder hier in der Bundesrepublik noch in weiten Teilen der Welt.

Afrika steht unter Druck. Wegen der Schuldenfalle in die es aufgrund von Strukturanpassungsprogrammen der Weltbank tappte, sehen sich immer mehr Regionen und Staaten Afrikas aber auch Asiens und Lateinamerikas gezwungen Grund und Boden zu privatisieren. Es handelt sich oft um Landstriche, die von Kleinbauern auf Grundlage von Gewohnheitsrecht gemeinschaftlich und nachhaltig genutzt werden. Es sind Ressourcen, welche die Familien vor einem Abgleiten in die Armut bewahren. Diese Landstriche sind nun vermehrt „von Räumung, Vertreibung oder schlicht und einfach vom Entzug ihres Lebensunterhaltes und ihres Bodens bedroht.“ (Liz Alden Wily in „Commons“, S. 171)

Wir haben gelernt in einer Art und Weise zu wirtschaften, die sich nicht in soziale Gefüge einbettet, sondern sich über sie stellt, Räume der Gemeinschaftlichkeit aufbricht. Sie verwandelt uns in Individuen, die den globalen Mechanismen und ihren negativen Auswirkungen (Arbeitslosigkeit, Diskriminierung, sozialer Ausschluss) ausgeliefert sind. Jeder bleibt dabei auf sich allein gestellt und muss sich gegen seine Mitmenschen behaupten, seinen Lebenslauf ausschmücken, sein „Humankapital“ maximieren, um potentielle Kontrahenten hinter sich zu lassen. Mit genügend Leistungsbereitschaft kann man schließlich jeden Gipfel ersteigen und wem auf der Hälfte die Luft ausgeht, ist eben selbst Schuld.
Es ist ein fragwürdiges Menschenbild an dem sich der wirtschaftliche Mainstream ausrichtet. Es ist das Modell des Homo oeconomicus, also des rational entscheidenden und ausschließlich am Eigeninteresse orientierten Menschen. Dieses Bild bestätigt sich aufgrund seiner Dominanz wie eine selbst erfüllende Prophezeiung ganz von allein und reproduziert sich in unserer Gesellschaft.

Doch auch wenn dieses Modell vom Menschen als unveränderlichen Egoisten per Geburt ausgeht, ferner sogar ein „egoistisches Gen“ (Richard Dawkins) nachgewiesen sein soll, darf sich doch jeder ganz persönlich einige Fragen stellen: Bin ich ein willenlos Erlegener meiner Genetik, meiner Gelüste, meiner angeblichen Natur? Oder sind da doch die ein oder anderen äußeren Einflüsse aus der Umgebung? Ist mein Denken, mein Handeln nicht wesentlich von ihnen geprägt oder sogar bestimmt? Ist da nicht noch mein Umfeld, meine Familie und Freunde, Mitschüler, Kommilitonen oder Kollegen, das Fernsehen, die politischen Diskurse, unsere Gesellschaftsstruktur und die wirtschaftlichen Dogmen, die all dies gestalten? Wollen wir diese Einflüsse, die einen so wesentlichen Bestandteil unserer Identität unseres Miteinanders ausmachen, so wie sie sind hinnehmen? Wollen wir sie dulden?
Oder wollen wir stattdessen anfangen am eigenen Beispiel die These des individualisierten homo oeconomicus zu widerlegen?
Wir wären nicht allein.

Denn viele Menschen haben damit bereits begonnen und innovative Wege eingeschlagen. Viele dieser Bewegungen gründen auf Räume der Gemeinschaftlichkeit und Kooperation. Sie verabschiedeten sich von der Sprache der Gewinnmaximierung und des bedingungslosen Wachstums. Leitmotive wie Vertrauen, Solidarität und das Bedürfnis nach Zufriedenheit, Identität, Sinn scheinen die neuen Triebkräfte zu sein. Sie lassen aus einer neuen Bescheidenheit ungeahnte Quellen der Lebensqualität entspringen.

Die Transition-Town-Bewegung verbindet beispielsweise verschiedene lokale Initiativen der nachhaltigen und ökologischen Lebensführung. Deren Aktivisten streben ein Leben in Subsistenz - das heißt so viel wie Selbstversorgung - an, indem sie ihren Konsum einschränken oder besser gesagt konzentrieren und dabei mehr und mehr aus eigenen bzw. lokalen Ressourcen decken. In Berlin, Bielefeld, Freiburg, Kassel, Witzenhausen und immer mehr Städten wie auch Hamburg, Dresden, Hannover, Düsseldorf, entsteht so eine neue Nachbarschaftlichkeit und ein Miteinander in einer neuen Form von Wohlstand. Und so etwas spielt sich auch in grünen Oasen zwischen Betonwüsten ab: den Gemeinschaftsgärten. Man sieht sie auf abgelegenen Parkanlagen, Hinterhöfen, dem Tempelhofer Feld und sogar Häuserdächern und Parkdecks empor sprießen. Hier begegnen sich Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus und Kulturhintergründen, bauen Gemüse an, stellen Honig und Naturkosmetik her, teilen Fähigkeiten und Fertigkeiten und gestalten sich ihre eigene grüne Zukunft.
Unter dem Dach der solidarischen Landwirtschaft schließen sich Erzeuger und Verbraucher zusammen, um schädlichen Mechanismen der Nahrungsmittelbranche etwas entgegenzusetzen und regional sowie biologisch produzieren zu können ohne Mensch, Tier und Umwelt auszubeuten.
Darüber hinaus schließen sich Menschen in Haus- und Wohngemeinschaften, sogenannten Cohousings und Ökodörfern zusammen und erproben die Lebensweise von Morgen.

Was all diesen Bewegungen gemeinsam ist, ist eine neue Definition von Wohlstand und Reichtum, der weniger in der Anhäufung von Finanz- und Sachkapital, in Statusgegenständen und gesellschaftlicher Position liegt, sondern sich in Unabhängigkeit, Zeitwohlstand, Sinnhaftigkeit und sinnlicher Erfahrung äußert. Dem guten, dem einfachen Leben wenn man so will.
Es bedarf eines Netzwerks von Menschen, die eine Idee teilen, ihr Herzblut zusammenbringen, einen gemeinsamen Pool an geistigem und physischem Potential füllen aus dem die Kraft geschöpft wird, mit der Berge versetzt, verkrustete Strukturen aufgebrochen und Pessimisten belehrt werden. Räume der Begegnung, der Zusammenschlüsse und letztendlich der Verwirklichung entstehen. Alles auf der Grundlage einer revolutionär anmutenden Lebenspraxis und Vision auf der einen Seite und einem so ursprünglichen, wenn man so will universellen menschlichen Grundbedürfnis auf der anderen Seite: Einer gemeinsamen Sprache; einer Sprache des Gemeinsamen.
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus