Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

22. FILMFESTIVAL COTTBUS

von Christiane Freitag, Jens Pittasch, Film

Mit „Osteuropa der Religionen“ war die Programmsektion >Fokus< des diesjährigen Filmfestivals überschrieben. Ich weiß nicht mehr genau, wie viele Filme (von 18 insgesamt – ein eigener Rekord) wir zu diesem Thema tatsächlich gesehen haben, doch zwei, die polnische Dokumentation „Der Mond ist jüdisch“ und der Spielfilm „Mein Australien“ (Ami Drozd, Polen, Israel 2011) kamen mir gerade wieder deutlich in den Sinn, als sich die Nachrichten erneut mit israelisch-palästinensischen Opfern und Kämpfern, Raketen und Antiraketen und gegenseitigen Vernichtungsdrohungen füllten.
>Fokus<, wie das ganze Festivalprogramm, gestattet Einblicke in Kulturen und Länder, besonders jedoch zu den Menschen darin, wie man sie in dieser Dichte niemals näher erleben kann.
Die Bilderflut dieser Woche war nicht - beziehungsweise nicht einfach - Unterhaltung, man spürte mit jedem neuen Beitrag: Hier waren Sichtungskönner am Werk, mit einer Idee, einer Vision und mit der Fähigkeit, die gefundenen Filme zu einem sehr bemerkenswerten Programm zu verbinden. Und das trägt Früchte. Erfahren habe ich es am eigenen Leib. Denn Film baut auch Brücken – Brücken des Verständnisses. So verschaffte mir der außerordentlich hohe Anteil gesehener russischer Film, eine völlig neue Perspektive auf jenes große und mystische Land. Peinlich berührt von meiner eigenen Ignoranz, fiel mir auf, dass ich mich noch nie so wirklich mit Russland beschäftigt hatte: Russland war eben Russland so wie Osteuropa eben Osteuropa war. Alles irgendwie eins – differenzierte Betrachtung ausgeschlossen, es leb(t)e der Eurozentrismus. Aber: Besser eine späte Erkenntnis als gar keine. Ich danke dem FilmFestival dafür!
Fast jede Leinwandminute gab Einblicke, zu denen man sonst niemals kommen würde. Auch nicht bei Besuchen in den Ländern, soweit die Handlungen in der Gegenwart lagen. Schon der Eröffnungsfilm „Final Cut“ (Regie: Györgi Pálfi, Ungarn 2012) war Metapher dafür. Entstand die Idee, aus 400 Archivfilmen einen zusammen zu schneiden, doch mehr oder weniger aus der Not heraus, als vor 4 Jahren die ungarische Filmförderung komplett zusammenbrach. In gleicher Weise zeigte zum Beispiel auch „Cannibal Vegetarian“ (Branko Schmidt, Koratien 2012) eindrucksvoll, wie in Kroatien Medizin und Kriminalität beängstigend eng miteinander verstrickt sind oder „Eine albanische Chronik“ (Artan Minarolli, Al/Fr/It/Gr 2009) wie allein und simpel die Liebe zweier junger Menschen ein ganzes Dorf aus dem Gleichgewicht bringen kann. Film kann Orte und Geschehen vollkommen anders verdichten, Bezüge aufzeigen, Sichtweisen anbieten, Fragen stellen und Antworten versuchen - oder offen lassen.
Gerade im eingangs genannten Bereich gibt es meist nur Fragen und sehr wenige Antworten. Ganz ähnlich zeigt sich dies in den Staaten des ehemaligen Jugoslawien und den Republiken der damaligen Sowjetunion. Ganz Osteuropa, so scheint es und der arabische Raum gleich hinzu, sind fern von Lösungen. Doch führten die Filme zum Thema gerade nicht zur bedauerlichen Sprachlosigkeit der Realität, die immer wieder bewaffnete Antworten verursacht. Die Kunst in ihrer Ausdrucksform Film kann bewegen und muss bewegen. Sei es nun mit hochdramatisch-ernsten und/oder traurigen Drehbüchern oder lebenslustig-beschwingten Spielfilmen. Gute Beispiele zeigen der bestechend charmante Freundinnen-Film „KoKoKo“ (Advotja Smirnova, Russland 2012) oder der Berliner Streifen „Puppe, Icke & der Dicke“ (Felix Stienz, Deutschland 2012). Film verändert und das nicht nur einen selbst.
Um hierfür eine Chance zu erhalten, ist es wichtig, diesen Filmen zu einer großen Öffentlichkeit zu verhelfen. Und die Bedeutung, die das Festival des osteuropäischen Films Cottbus hier in 22 Jahren erreicht hat, ist den unermüdlichen Machern sehr hoch anzurechnen. Denn die mehr als 19.500 (!!!) Zuschauer der Festivalwoche sind ein großartiger Erfolg (neuer Rekord). Die Säle waren gefüllt und gefühlt waren noch nie so viele Vorstellungen ausverkauft, wie in diesem Jahr.
Für die Fachleute ist dies ein Höhepunkt ihrer kontinuierlichen Arbeit mit Produzenten, Verleihern und Künstlern. So bot nicht nur das Filmfest selbst eine Plattform für 130 Filme aus 30 Ländern, sondern Teilnehmer aus 27 Staaten waren auch bei ´connecting cottbus´ vertreten, dem Ost-West-Koproduktionsmarkt für Produzenten-Autoren-Regie-Teams, um Partner für die Realisierung ihrer neuen Projekte zu finden. Zum Ergebnis teilte Bernd Buder, Direktor von connecting cottbus, mit: „Ich bin mir sicher, dass der größte Teil der Projekte realisiert wird und freue mich, diese Filme in den nächsten zwei bis drei Jahren auf der Leinwand zu sehen.“
Unbedingt noch zu erwähnen: Ein wenig in die Vergangenheit blickend, doch ganz und gar nicht unbeachtet, ehrte die „Retrospektive Helke Misselvitz“ das Werk dieser Regisseurin und Dozentin der HFF Potsdam. Saß man in ihren Filmen, erlebte man schon währenddessen eine offene und vor allem symphatische Frau, die wohl wie keine andere so herzlich und schön über eigene Filme lachen kann. Und die in den Nachgesprächen so viel Interessantes darüber und die Arbeit daran zu erzählen hatte.
Den Cottbusern selbst kaum bewusst, findet hier bei uns also weit mehr statt, als Filme-Zeigen. Möglicherweise - wahrscheinlich sogar - entstehen hier Bausteine, die nicht zu Mauern, sondern zu Straßen zwischen den Menschen werden.

Preisträger und viele weitere Informationen: www.filmfestivalcottbus.de
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus