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Gesehen: HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN

Premiere 27. Oktober 2012, Staatstheater

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_62061720.jpgSelten zuvor hatte ich so umfangreiche Anmerkungen zu einem Stück noch während dessen Vorstellung notiert. Was wohl einfach daran liegt - und bereits der Plural „Erzählungen“ im Titel vermuten lässt - dass auf der Bühne gleich mehrere Handlungen geschehen.
Ohne großes Vorspiel geht das los, wenige Töne, Vorhang auf, und wir befinden uns im Weinkeller am Gendarmenmarkt. Mächtig ragen Säulen auf und tief erstreckt sich das Restaurant bis in den Bühnenhintergrund. Ob Hans-Holger Schmidt (Bühne) sich an das Lutter & Wegener Original hielt, die Stammkneipe des Autors E.T.A. Hoffmann, ist mir nicht bekannt. Beeindruckend jedenfalls ist dieses Bild, wie auch seine Gestaltung der weiteren Szenen (Kostüme Jessica Karge).
Ins Dunkel steigt eine Dame herab, die Muse (Marlene Lichtenberg). Ihr Ansinnen ist es, den Wein, Weib und Gesang verfallenen Hoffmann (Jens Klaus Wilde) wieder zur Literatur zu führen. Verwandelt zu Niklas, einem der zechenden und auch mal Degen ziehenden Studenten, steht die Muse dem stets unglücklich Verliebten zur Seite.
Stella (Nora Lentner) ist es diesmal, die er erwartet - und auf die noch ein anderer, Stadtrat Lindorf (Andreas Jäpel), ein Auge geworfen hat. Sie steht oben (heutiges Schauspielhaus) auf der Bühne, während unten die Stimmung schnell steigt und Hoffmann - wie offenbar immer - an den Punkt kommt, den anderen von seinen amourösen Schicksalsschlägen zu erzählen.
Eh wir uns versehen, sind auch wir mitten in seiner Welt. Hans-Holger Schmidts Bühne wird heimlich-schnell zu einem wundersamen Labor eines recht verrückt erscheinenden Physikers (Matthias Bleidorn). Dessen großes Werk ist eine mechanische Puppe, die Olympia.

Es sind drei Geschichten, die Jaques Offenbach nun in seiner Phantastischen Oper erzählt (Libretto Jules Barbier, Michel Carré) und die Martin Schüler (Regie) zu einem Cottbuser Zauberwerk macht. Ganz und gar lässt er Theatertricks sprühen und seine Sänger die Magie der Orte und die Gefühlswelt ihrer Charaktere erspüren und uns zeigen.
Als geschickt gesponnenen roten Faden lässt Andreas Jäpel seinen Stadtrat erst zum geheimnisvoll-hinterhältigen Optiker Coppelius werden, dann zu Doktor Mirakel und schließlich zu Kapitän Dapertutto. Jede dieser Figuren durchkreuzt kräftig die Absichten des armen Hoffmann und Andreas Jäpel singt und spielt uns diese mit einer bisher nicht gesehenen Vielfalt, Freude und Stimme.
Als skurriles Faktotum und ebenfalls in vier Rollen, quierlt sich Hardy Brachmann in seiner unnachahmlichen Art durch Orte und Zeiten, wie auch die Damen und Herren des Opernchores ihre vielfältigen Einsätze ganz wunderbar gestalten (Leitung Christian Möbius).
Während die Herren also, besonders auch Jens Klaus Wilde als tragischer Titelheld, immer wieder Gelegenheit haben, Kunst und Können zu zeigen, ist dies seitens der Damen nur Marlene Lichtenberg im gesamten Stück gegönnt. Eine Chance, sie sie bestens nutzt.
Doch sind da nicht noch die Geliebten, beziehungsweise, die das werden sollten?
Allerdings. Und hier gestalten Debra Stanley (Olympia), Cornelia Zink (Antonia) und Gesine Forberger (Giulietta) jeweils Einzelkunstwerke der besonderen Art. Nicht nur, dass sie den Charakter ihrer Figuren ganz und gar verinnerlichen, sie geben ihnen Ausdruck und Stimme, dass einem teils Hören und Sehen vergeht. Ganz ebenso gilt das für den nur kleinen Auftritt (jedoch die viele Geduld im Glasschrank) von Carola Fischer.
In ihren kleineren Rollen stehen Matthias Bleidorn, Heiko Walter, Ingo Witzke, Dirk Kleinke und Jörn E. Werner musikalisch und spielerisch keinesfalls im Hintergrund. Ebensowenig, wie die Damen des Balletts und natürlich die Musik.
Generalmusikdirektor Evan Christ und sein Philharmonisches Orchester beweisen erneut, dass sie eigene Konzerte ebenso hervorragend meistern, wie die Begleitung der Sängerinnen und Sänger und die Untermalung eines Stückes, das in diesem Falle ein Krimi nach Noten ist.
Im Dezember stehen Hoffmanns Erzählungen zweimal auf dem Spielplan, danach seltener.
Überzeugen Sie sich also möglichst bald davon, ob die Muse siegt, Hoffmann eine der Frauen für sich gewinnen kann und wer den Tricks des bösen Geistes zum Opfer fällt.
Ein neues Kapitel des Theaters-zum-Angewöhnen wurde für Sie aufgeschlagen.


Foto: Marlies Kross
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