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Geschichte von links unten

Nachruf auf Eric. J. Hobsbawm

von Daniel Häfner, Politik

Geschichte ist nicht die Aneinanderreihung von verschiedenen geschichtlichen Daten und „Fakten“. Es geht eben nicht darum, Geschichte als Abfolge verschiedener Herrschenden und ihrer Kriege zu erklären. „Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“ fragte sich ein lesender Arbeiter bei Berthold Brecht. Und der Historiker Eric J. Hobsbawm suchte eben gerade solche Antworten. Geschichte meinte bei ihm gerade das Auffinden von Strukturen in der Vergangenheit.

Am verbreitetsten dürfte Hobsbawms Theorie des langen 19. Jahrhunderts sein, welche für ihn von der Französischen Revolution 1789 bis zum ersten Weltkrieg 1914 reichte – in diesem Zeitalter erkannte er eine relativ homogene Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft in Westeuropa.
Das Zeitalter der Extreme, lässt Hobsbawm mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs einsetzen und mit dem Zerfall der Sowjetunion zu Ende gehen. Dies interpretiert er als das „kurze 20. Jahrhundert“.

Seine Arbeit widmete er vor Allem einer historischen Perspektive von unten, z.B. in der Arbeit „Die Banditen“ in dem er das Sozialrebellentum der letzten Jahrhunderte analysierte.

Einflussreich auf die internationale Diskussion des Umgangs mit Geschichte war der von Hobsbawm zusammen mit Terence Ranger eingeführte Begriff der „erfundenen Tradition“ (invention of tradition). „Erfundene Traditionen“ sind historische Fiktionen, die suggerieren, etwas sei „immer schon“ Element der eigenen Geschichte gewesen. Ein prägnantes Beispiel ist der sogenannte Schottenrock, eine Erfindung des ausgehenden 18. Jahrhunderts, die im Laufe des 19. Jahrhunderts auf angeblich keltische Wurzeln zurückgeführt wurde. (siehe Wikipedia) Ähnliches lässt sich aber auch im Bereich vieler weiterer verschiedener Trachten beobachten.

Solchen Mythen folgend veröffentlichte er 1992 das Buch „Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780“. Die Ideologie des Nationalismus sei zentral von der Annahme geprägt, dass Völker „natürlich“ seien. Darüber hinaus wird im Nationalismus versucht, „zwei ganz verschiedene Phänomene miteinander gleichzusetzen: ein Gruppen- oder Kollektivbewusstsein und die Herausbildung einer bestimmten Staatsform, des 'Nationalstaats', die angeblich auf diesem Bewusstsein beruht.“ (S. 7)
Die Konstruktion solcher Gemeinschaften findet vor Allem durch historische Mythen statt, also durch eine stark gefärbte Geschichtsbetrachtung, die Identität schaffen soll. So geschaffene „Wir“-Gemeinschaften grenzen sich dann von „Sie“-Gemeinschaften ab. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es die Vorstellung, dass die Organisation von Gesellschaften in Staaten geschehen müsse, welche diesen Kriterien entsprechen.

Als „Reiseführer in die Geschichte“ (Spiegel.de) verstand sich Eric J. Hobsbawm – und war Historiker in marxistischer Tradition mit globalem Einfluss. Er wurde am 9. Juni 1917 in Alexandria geboren und erlebte in seiner Kindheit die Zeit der großen Depression in Europa, die ihn zum Marxisten werden ließ. Von 1971 bis zu seiner Emeritierung 1982 hatte er an der Universität London eine Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte inne. Mit seiner Lebensgeschichte ist er ein besonderer Zeuge des „Zeitalters der Extreme“. Er verstarb am 1. Oktober 2012 in London. Sein Tod fand ein breites Echo in den Medien.
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