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Gesehen: I LOVE YOU, YOU’RE PERFECT, NOW CHANGE

Premiere 1. Dezember 2012, Staatstheater, Kammerbühne

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_62063060.jpg„´I Love You´ ist ein typisches Off-Broadway-Musical“, steht im Programmheft.
Hm, zumindest nach meinem Empfinden ist es ein sehr munterer musikalischer Abend, den es in der Kammerbühne zu sehen gibt, ein Musical sicher nicht. „Das Musical ist "Drama mit Musik"“, definiert Wikipedia, so sehe ich es auch. Dabei meint Drama ein Stück mit einer Rahmenhandlung, „I Love You, You’re Perfect, Now Change“ hat ein Rahmenthema mit 27 Handlungen in ebensovielen Nummern, ist also ein buntes Unterhaltungsprogramm.
BUNT ist zugleich eine farbliche, wie auch inhaltliche Charakterisierung des Stückes - und von beidem hätte es etwas weniger sein können.
Wir sehen vier (klassisch ausgebildete!) SängerInnen in sage und schreibe 73 Charakteren!
Diese hat Michael Kreissig (Regie) als klischeehaft überzeichnete Figuren angelegt und Nicole Lorenz in entsprechend grelle Kostüme gesteckt.
Zum großen Teil verlangt dieses „Musical“ zwar Gesang, überwiegend fordert es jedoch den Schauspieler im Darsteller. Und hier liegt die wirklich große Leistung von Carola Fischer, Debra Stanley, Dirk Kleinke und Heiko Walter. Denn es ist nicht lange her, da hätte kein klassischer Sänger sich an derartig viel Text und Charakter gewagt. So aber gelingt den Vieren ein im Großen und Ganzen unterhaltsam, froher Abend zum endlosen Thema „Männer sind anders. Frauen auch.“
Den Stück-Oskar als beste Schauspielerin verdient Debra Stanley für ihr unglaubliches Solo vor der Kamera. Dicht gefolgt von Carola Fischer als „Martha in Trauer“, da meinte man teils Evelyn Hamann wiedererweckt zu sehen. Überhaupt habe ich mich gefreut, dass Carola Fischer in dieser Inszenierung gleichberechtigt im Vordergrund stehen und neben den gesanglichen ihre schauspielerisch-komödiantische Talente zeigen kann.
Dirk Kleinke und Heiko Walter erhalten meinen Gesangspreis. Insgesamt fühlen sie sich musikalisch - in den besonderen Anforderungen dieses Genres - offenbar viel wohler, als ihre Partnerinnen.
Für alle ist es eine irre Herausforderung, die sie mit großen Leistungen auf die Bühne bringen - und doch wäre es gerade darum die bessere Entscheidung gewesen, dieses Stück vom Schauspiel umsetzen zu lassen.
Oder die Finger ganz davon zu lassen. Denn bestimmt gibt es auch tolle deutsche Musikprogramme, bei denen nicht wesentliche Teile des Verständnisses und des Humors durch die schlichte Unmöglichkeit, diese aus dem Amerikanischen zu transportieren, auf der Strecke bleiben. So erschließt sich uns nunmal das Besondere der Situation einer amerikanischen Brautjungfer ebensowenig, wie interreligiöse Hochzeiten oder die Einklagbarkeit von Schadenersatz für jeden Anlass. Überhaupt ist der Umgang mit Beziehungen und Ehe ein kulturell sehr verschiedener. Natürlich verstehen wir, worum es geht, doch trifft es nicht den Nerv, auf den das Original zielte.
Und so mag es am „Off-Broadway“ passen, 27 Nummern daraus zu machen - für uns aber unterscheiden sich diese zu wenig und werden einfach viel zu lang - beziehungsweise ist das gesamte Stück, als deutsche Adaption, eigentlich unspielbar.
Was für die pure Musik überhaupt nicht gilt, denn es gab noch eine fünfte Person auf der Bühne, den musikalischen Leiter am Klavier: Andreas Simon. Er begleitete nicht nur ganz wunderbar die Sänger sondern überbrückte auch Umzugspausen mit schönen Soli. Und zeigte dabei, wie ein passendes Paar Schuhe daraus geworden wäre: Klavier, 2-3 Sketche, Klavier, ... das Ganze in einer Stunde - und gut.


Foto: Marlies Kross
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