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Gesehen: DER GUTE MENSCH VON SEZUAN

Premiere 24. November 2012, Staatstheater

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_62063401.jpgAls Gedankenstütze hatte ich ein kleines Ranking, ähm - eine Rangliste, halt einfach eine Reihenfolge derer notiert, die ich in dieser Inszenierung am besten fand.
Ganz am Anfang steht Kai Börner. Er hat nicht nur die Aufgabe, das Stück zu eröffnen - auch in jeder seiner drei anderen Rollen besticht er an diesem Abend und bringt uns Brechtsche Lichtblicke. Was bereits verrät, dass es damit sonst weniger gut bestellt ist.
Den zweiten Platz meiner Hitliste teilen sich die drei Götter und sämtliche weitere Nebenrollen, gespielt von Michael Becker, Thomas Harms und Gunnar Golkowski, Heidrun Bartholomäus und Oliver Breite.
Wobei Heidrun Bartholomäus, der es doch besonders liegt, ihre typische Brecht-Frau diesmal eher verhalten gibt, auch im Gesang. Das mag daran liegen, dass sie im Wechsel zwischen Polizistin („Achtung, laut“; Schuss), Witwe Shin und Hinkender bereits so viel wunderbar Komödiantisches zeigt, dass die zugrundeliegenden Konflikte in den Hintergrund geraten. Doch das betraf keinesfalls Heidrun Bartholomäus allein, ich komme darauf zurück.
Anfangs ein Problem hatte ich mit Oliver Breite. Als er die helle, offene Bühne betritt, ein Köfferchen in der Hand, denke ich: ´Ah, Esau kommt.´ Es dauert eine ganze Weile, bis ich ihn nichtmehr mit dem „Laden“ in Verbindung bringe, seine vier Rollen sehe und sich die Esau-Präsenz verliert. Dabei bietet er als Frau Yang, Yang Suns Mutter, Nichte und Schreiner wirklich sehr viel.
Das Göttertrio, ob als Videoeinspieler oder auf der Bühne, überzeugt mit Biss, Witz und besonderem Charme gegenüber uns Menschlein. Dabei spielt auch ihr Erscheinungsbild eine Rolle, kostümiert wurde das Stück von Ulrike Melnik. - Auch diese Drei sind im Verlauf des Abends (sieben) weitere Personen. Jede einzelne vermitteln sie, teils im Sekundentakt, mit wenig Äußerlichkeiten, dafür um so mehr Gespür für feine Details der Darstellung.
Den dritten Podiumsplatz meiner Wertung erhält Laura Maria Hänsel. Sie spielt die Hauptrolle Shen Te, die sich zeitweise als ihr eigener Vetter ausgibt, Shui Ta. Besonders wenn sie in dessen Kleider schlüpft, erreicht sie ihre bisherigen darstellerischen Grenzen.
Was dann leider auch auf Shen Te rückkoppelt, die Laura Maria Hänsel (nach übertrieben nuttigem Anfangsbild) zunächst sehr überzeugend, nahezu mitreißend spielt. Doch dann gelingt der Sprung zwischen den Charakteren zunehmend weniger, je mehr auch ihre Figur damit ein Problem hat und diese Zuspitzung höchste Anforderungen stellt. Statt Brisanz kommen Hektik und Lautstärke ins Spiel, wodurch beiden Rollen viel verlieren.
Nicht auf´s Siegertreppchen schafft es Michael von Benningsen mit seinen beiden Rollen als Junge und Yang Sun. Leider gelingt ihm der etwas zurückgeblieben angelegte Junge weit besser, als die wichtige Darstellung des Yang Sun, in den sich Shen Te verliebt und der doch nur sich im Sinn hat. Insofern bietet er auch einen zu schwachen Anspielpartner für Laura Maria Hänsel, was deren Doppelspiel nicht eben hilft.
Was ist nun, nach langer Betrachtung von Personen, zum Stück zu sagen?
Ambivalenz. Das Wort ist mir lange nicht mehr untergekommen. Ich hätte auch nicht gedacht, es jemals selbst zu gebrauchen. Doch fiel es mir gerade als erste Antwort auf die gestellte Frage ein.
Mario Holetzeck (Regie) hat von Ingo Putz ein halbfertiges Stück übernommen und zu einem insgesamt guten Werk vollendet. Wesentlich Bestandteile, wie die Videoeinspieler von Heiko Kalmbach, waren bereits entstanden und nur noch drei Wochen Probenzeit übrig.
Als weiteres Handicap war die musikalische Fassung der Schaubühne Berlin verpflichtend vorgegeben. „Paul Dessau, eingerichtet durch KANTE“, steht im Programm zu lesen. „Paul Dessau, zugrunde gerichtet durch KANTE“, wäre die bessere Formulierung. Und leider auch kaum zu retten von unseren hervorragenden Musikern Hans Petith, Dan Baron und Heiko Liebmann.
Doch Brecht selbst kam Holetzeck zu Hilfe, sagt doch dessen episches Theater: „Über die Wahl aller dramatischen und bühnenmäßigen Mittel, über das Wie der Gestaltung entscheidet das Ziel.“*1
Und so entschied sich Mario Holetzeck für eine gänzlich offene Fassung, in der die Rollen auch einmal verlassen werden können, gar er selbst mitten im Stück angesprochen wird, das Publikum sehr eng einbezogen ist, ein echter Texthänger wirkt, wie inszeniert und die Inszenierung als Improvisation. Alle Darsteller betreten zu Beginn die Bühne (Gestaltung Gundula Martin, Mario Holetzeck) und bleiben dort. Wie in einem Wandertheater hat jeder einen Koffer dabei, der alle Utensilien aller Rollen enthält. Wer gerade nichts zu tun hat, sitzt im Hintergrund mit den Kollegen, springt dann als Figur A kurz nach vorn, zieht sich Hut oder Kopftuch auf und ist Figur B.
Das alles funktioniert wunderbar, ist sehens- und erlebenswert, ist große Schauspielkunst, ist Theater.
Brecht ist es allerdings nicht, oder kaum noch. Weichgespült, wie die Musik. Viel Komödie, viel Klamauk - wo Brecht gesellschaftliche, persönliche und politische Brisanz vermitteln wollte. Schicksalsglaube einerseits, Materialismus und Gier andererseits. Mitgefühl und Hilfsbereitschaft auf der einen Seite, Ausnutzung und Egoismus auf der anderen. Und das alles klug zugespitzt, das Theater als Kampfplatz für Veränderungen - so sah es Brecht.
Übrig blieb in dieser Fassung, was er hasste, die Unterhaltung.
Nun gut, man mag es als Anpassung an unsere Zeit sehen, in der jeder alles sagen, denken und tun darf und weite Teile der Menschen vor „scripted reality“ verblöden.
Nimmt man diese Unterhaltung als Vergleich, spielt Mario Holetzecks „Sezuan“ in einem weitaus besseren Universum und ist möglicherweise ein legitimer Versuch, Systemkritik und Veränderungswillen auf neue Weise zu zeigen.


*1 Walter Hinck: Die Dramaturgie des späten Brecht.

Foto: Marlies Kross
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