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Gesehen: DER EINGEBILDETE KRANKE

Premiere 15. Dezember 2012, Staatstheater, Kammerbühne

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_65153485.jpgWir sitzen vor einem großen Bühnenrund, wahlweise Tanzboden oder Zirkusarena.
Im ersten Licht dann bekommt das Ganze etwas ufo-haftes, in der Mitte der Kommandant auf einem kleinen Sessel, - wären da nicht Gesundheitstipps für 31 Tage per Lautsprecher.
Der da sitzt im klinisch reinen Rund ist also wohl nicht Raumfahrer, sondern der Eingebildete Kranke. Da passt es auch, dass er (Argan, Amadeus Gollner) nach seiner Suppe ruft.
Susann Thiede trägt einiges Gemüse herbei, besser gesagt immer wieder und immer mehr an ihm vorbei, und sofort wird klar, dass Sie als Hausangestellte Toinette idealbesetzt ist.
Eher verfolgt, als begleitet wird Toinette von einem Wesen in Grellbunt-Mini, Angélique, Argans Tochter (Johanna Emil Fülle). Angélique dekoriert sogleich den bisher so .. nun ja, aufgeräumten Raum mit Loverfotos. Ihr Thema ist überhaupt Sex, gern mit kleinwüchsigen Insulanern.
Denkt Vater Argan ähnlich? Will er sie auf jener Insel verheiraten? Verheiraten schon, allerdings für ihn vorteilhaft, so dass ein Arzt in Familie und Haus kommt. Dieser Hallodri auf den ringsum gepinnten Bildern scheidet damit aus.
Ein Arzt im Haus? Davon weniger begeistert ist Argans (zweite) Frau Béline. Wünscht diese sich doch, das vom Mann zu verfassende Testament sollte bald wirksam werden.
Notarius Bonnefoy (Oliver Seidel) sieht da Schwierigkeiten und Möglichkeiten. Schwierigkeiten mit Argan und Möglichkeiten für sich und Frau Béline.
Mit dem Auftritt von Cléante (Johannes Kienast No.1) durch ein Fenster, ein Schlagzeug erst herbeitragend und dann betrommelnd, erscheint nun die Person zu den großformatigen Fotos, die Angélique anfangs verteilte. - Nein, Arzt ist der offenbar nicht, vermutlich auch kein Vertreter des Musikladens, dessen Name große auf der Bassdrum prangt, sondern der Freund der Tochter. Ein kleinwüchsiger Insulaner? Aus Ihrer gehobenen Sicht vielleicht.
Wie wohl aus dieser Schilderung der erscheinenden Personen deutlich wird, geht es recht turbulent zu. Besonders, wenn man bedenkt, wie krank doch Argan ist und welcher Fürsorge er in streng kontrolliertem Tagesablauf mit klarem Diät- und Medikamentenplan bedarf.
Diesen Teil der Sache behält Toinette souverän im Blick und ebenfalls diese Dame Béline. Wir ahnen schon, dass es Toinette nicht nur um den Haushalt, sondern den Hausherren geht. Nur ist sie die Einzige, deren Beweggründe nicht eigennützig sind. Diese komisch verzweifelt engagierte Rolle, gelingt Susann Thiede (ich erwähnte es) sehr gut.
Wer nun meint, es gäbe genug Akteure im ungestümen Treiben - irrt. Zur Steigerung fehlen Dr. Diarrhoerius (Rolf-Jürgen Gebert) und dessen Sohn Thomas (Johannes Kienast No.2).
Ah. Ja! Dieser Sohn des Doktors würde natürlich den Arzt ins Haus bringen. Was für ein passender Verlobter aus Sicht Argans. Und einen interessanten Geschmack bei Verlobungsgeschenken hat er auch. Diarrhoerius beeilt sich, andere Vorteile des Herrn Söhnchens hervorzuheben.
Während dessen ist Johannes Kienast schon wieder in einer seiner zahlreichen folgenden und schnellen Verwandlungen von Thomas zu Cléante und umgekehrt - hat also die wunderbare Chance (und Aufgabe), den gewollten und den verhassten Liebeskandidaten für Angélique zu spielen. In beiden Rollen bestätigt er sich als Neuzugang von Format für unser Schauspiel.
Auch Oliver Seidel, über dessen Wirken in Cottbus wir uns schon längere Zeit freuen können, erscheint nun in einer zweiten Rolle, Argans Bruder Béralde taucht auf und versucht, diesem Einiges klarer zu machen.
Ob und wie weit das gelingt, wer wen bekommt, welche Intrige aufgeht, welche Bedeutung der Hüpfer Toinettes hat, welches Mittel wirkt - von der heilsamen Wirkung zweiter Darmausgänge auf der Stirn, bis zum Sterben auf Probe - das sollte man sich unbedingt selbst ansehen.
Reinhard Göber (Regie) schuf eine wunderbare, bestens gelungene Modernisierung des Molière Stoffes. Dieser übrigens spielte bei der Premiere am 10. Februar 1673 den Titelhelden selbst, erlitt bei der vierten Vorstellung, am 17., einen Blutsturz und starb im Kostüm. Ganz sicher hätte dem Schalk Molière, der der Gesellschaft im Lachen den Spiegel vorhielt, sehr gefallen, mit welch vielen besten Ideen Göber sein Anliegen 340 Jahre später aufgreift. Die absolut gelungene Bühne und Ausstattung zum Spiel stammen von Ariane Salzbrunn. Und alle, auch nicht mit Einzelleistungen erwähnten Darsteller, boten darin schauspielerisch viel. Am Ende schlägt Reinhard Göber einen Bogen zu meinem Raumschiff-Eindruck vom Anfang, der so falsch also nicht war: Intensiv rot leuchten die Fensteraugen der Arena zur durchdringenden Filmmusik aus „2001: Odyssee im Weltraum“, HAL 9000 starrt uns an, Stanley Kubricks neurotischer Computer, der seine Mannschaft umbrachte.


Foto: Marlies Kross
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