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Gesehen: 4. Philharmonisches Konzert

Staatstheater Cottbus, 13. Januar 2013

von Jens Pittasch, Kultur

13.01.13 für Abergläubische sicher ein Angstdatum - unbeliebt auch bei Theaterleuten.
Draußen Kälte, Glätte und im Wind verwehender Schnee - drinnen passenderweise die „Sinfonia Antarctica“ von Ralph Vaughan Williams und „Windströme“ von Valerio Sannicandro - als Rahmen für Brahms Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 83.

An diesem Sonntag, einem Dreizehnten, wehten zwar Stürme durch´s Haus - doch ausschließlich musikalisch und dies in einer Art, die große Freude bereitete.

Ja, tatsächlich Wind kam auf bei der Uraufführung des Auftragswerkes „Windströme“.
Kein sehr starker, ausreichend jedoch, um Einiges hin und her zu schaukeln, zum Anstoßen zu bringen oder Umfallen. Valerio Sannicandros luftige Ströme singen, rauschen hoch und tiefer und lassen es knarren und knirschen. Viele andere der musikalisch interpretierten Wirkungen lassen sich nicht in sprachliche Begriffe fassen. Man begreift sie mit anderen Sinnen. Erstaunlich, dass es offenbar eine Notation dafür gibt, um dem Orchester - in großer Besetzung - und dem Dirigenten Marc Niemann diese Klangideen zu vermitteln.
Wir erleben immerhin eine ganz großartige Umsetzung, die bewirkt, dass die sonst häufige Unruhe während der Uraufführungen garnicht erst aufkommt. Möglicherweise liegt das auch an den „Sutras“, Sannicandros letzter musikalischer Premiere (3. Philharmonisches Konzert). Schon dort erlebte man zu Recht gefesselte Zuhörer beim Live-Surround aus Mantras, Bläsern, Industrieklängen und Computerloops.
Es scheint, dass die Beharrlichkeit, mit der Generalmusikdirektor Evan Christ den Cottbusern neue Klänge nahebringt nicht nur eine neue Hörbereitschaft erzeugt hat, sondern jedes weitere Werk geradezu erwartet wird. Schon am 22. und 24. Februar wird Valerio Sannicandro mit der Uraufführung „Seelenströme“ eine Fortsetzung anbieten.
Im Konzert folgt auf Jahrgang 1971 nun 1833, Johannes Brahms - allerdings mit dem erst 25-jährigen Solisten Joseph Moog am Klavier. Die Cottbuser kennen den Ausnahmemusiker bereits vom März 2010. Damals schrieb ich: „Ein Solist, wie entstiegen einem Leni Riefenstahl Film vom makellosen, Deutschen, vielleicht auch Wagners Musiksagen um Siegfrieds Nibelungen. Oder, um im Bild seiner Generation zu bleiben: Leonardo DiCaprio am Klavier.“ Während er uns damals Rachmaninow um die Ohren haute und das Orchester als Begleitung wirkte, zeigte sich Moog diesmal als hervorragender Ensemblespieler dieses Konzertes für Klavier und Orchester.
Was Horn und Klavier fast volkstümlich eröffnen, wechselt mit der ersten Solopassage den Charakter, um sich im vollen Orchesterklang von romantisch zu stürmisch zu steigern.
Es ist ein wirklich ungewöhnliches Werk, das Johannes Brahms 1881 fertigstellte und zu dessen Uraufführung in Budapest er den Klavierpart selbst übernahm. Man spürt deutlich, dass sich Brahms in seiner Komposition zwischen musikalischen Stilen und Gattungen bewegt, zwischen Romantik und Klassik, zwischen Konzert und Sinfonie. So entsteht ein Wechselspiel - nein, eher ein musikalisches Miteinander von Klavier und Orchester, in dem beide sich herausragend ergänzen und voran treiben. Meisterhaftes von Könnern gespielt, erarbeitet und geleitet von Marc Niemann.
Ich erwähnte Schnee und Eis vor der Tür, nach der Pause sollte es in die Antarktis gehen.
Ralph Vaughan Williams Sinfonie Nr. 7 (Sinfonia Antarctica) entstand aus seiner Filmmusik zu “Scott of the Antarctic” (1948, Charles Frend). Filmmusik ist es unverkennbar. Das Stück beginnt wie etwas, das man schon mehrmals gehört hat - schwingt sich dann auf zu einem ersten Gipfel. Eine kleine Unterbrechung tritt ein, dann kommen diese Stimmen ins Spiel, Stimmen, wie man sich die der Loreley vorstellt. Nur kann es hier kein gefährliches Wasser sein, um das es geht, sondern das ewige Eis, das Robert Falcon Scott und seine Männer nicht wieder hergab - nachdem sie den Wettlauf zum Südpol gegen Roald Amundsen verloren hatten.
Wind kommt ins Spiel, nur schlechter gemacht, als am Anfang des Abends bei Valerio Sannicandro, gleich darauf erklingen Phrasen, die wirken, wie abgeschrieben von E.T.´s Höhenflug (J. Williams, "Flying Theme"), nur entstand John Williams Musik wesentlich später. Mit dem Abschreiben war es also eher anders herum. Wie dem auch sei, ich werde nicht richtig warm mit diesem Herrn Williams.
Schon sind da wieder die Stimmen aus dem Off (Cornelia Zink − Sopran, Damen des Kammerchors der Singakademie Cottbus e. V.), sehr schöne Klänge, ohne Zweifel, doch musikalisch-thematisch aufgesetzt und zu gewollt.
Ein triumphal, gewaltiger Klangteppich folgt, sehr laut, sehr Hollywood, aus dem Vollen schöpfend. Das kurze Arktische weicht im zweiten Satz einer Verspieltheit irgendwo zwischen Märchen-Nussknacker-Zauber-Motiven. Dann tönen asiatische Klänge, als ob Alice mit Lars dem Eisbären Kung-Fu-Panda besucht.
Landscape, der dritte Satz, entfaltet sich als Traumwelt mit versteckten Gefahren, Schrecksekunden, Erleichterung, Schwermut und epischer Orgel, wie beim Auftritt des Grafen Krolock („Tanz der Vampire“, auch später entstanden).
In ähnlicher Form geht es weiter, schöpft nicht immer aus dem Vollen - aber oft, setzt nicht immer auf Effekte - jedoch gern. Auch das eine oder andere schöne Motiv entwickelt sich, eines darf gar einen Satz ausklingen lassen, nicht ohne verfolgt zu werden von persischen Elefanten am Südpol, die den nächsten eröffnen.
Eine Sinfonie - berauschend schön gespielt vom Philharmonischen Orchester und verführerisch gesunden von Cornelia Zink und den Chordamen - kompositorisch jedoch ein Ideen-Mischmasch mit genug Stoff für fünf Filme oder zehn Sinfonien.
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