Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Gesehen: Liederbühne - Eisbrenner singt Brecht

Haifischtour zu Brechts 115. Geburtstag, Bebel, 17. Februar

von Michael Becker, Kultur

Mein bisher zartester Brecht
Ein schmächtiger blondhaariger Mann mit schwarzem Hut.
Ein schmächtiger schwarzhaariger Mann mit Bajan (eine Akkordeon-Art), ohne Hut.
Beide mir unbekannt, bin ich gespannt auf sie, auf ihren Brecht.
Tino Eisbrenner markiert seine Haltung zu B.B.. Gewusstes wird aufgefrischt, wir erfahren, dass Brecht, die linke Ikone, immer das Gegenteil zu Einheit und Geschlossenheit war, nämlich ein Dichter des Zweifels und der Gewissheit, dass das Sichere nie sicher ist, dass man in ihm einen hat, auf den man nicht bauen kann, nie bauen sollte. Dann geht’s los. Eisbrenner zieht mich langsam rein, ich staune, fange an mitzusingen, mitzusprechen, ich beginne mich zu amüsieren. Ich fühle mich verwandt, unter meinesgleichen. Das könnte mein Abend werden. Immer mehr wird mir klar, er ist es. Ich bin begeistert. Da gluckst und jauchzt einer, plärrt, nimmt die Seeräuber auf seine unnachahmliche ironisierende Art hops. Das Musikinstrument peitscht die Strophen. Dann säuselt Eisbrenner süffisant wie eine rollige Katze, ein Jongleur der Töne, seiner Mittel mächtig, von mädchenhafter Zartheit bis hin zu hämisch gehässigem Keifen einer Fettel. Immer intelligent, gewichtet, unangestrengt, leicht wie Wind und stets mit Witz und sehr eigenem Pfiff. Die „Ballade von der Judenhure Marie Sanders“ überrascht mit einem Vorspiel und einem Schluss auf den man erst mal kommen muss. Lassen Sie sich überraschen. „Nannas Lied“ singt eine Femme Fatale, hocherotisch, zum Totlachen komisch. Wie er uns mit „Wenn die Haifische Menschen wären“ den real existierenden Kapitalismus erklärt, ist von so hinterlistiger, weil derartig naiv daher kommender Suggestivkraft, dass auch der letzte der Diktatur des Kapitals Verfallende abspringen müsste vom Glauben. „Die Legende von der Entstehung des Buches Taoteking“ – unaufwendig, leicht vorgetragen, macht Spaß, wie ein gutes Hörspiel. Den „Kanonensong“ erkennt man auch nicht wieder, kein martialisches Gedonner einer Kriegsmaschine, zart, ganz weich, überraschend anders – beeindruckend, fremd, aber gut, sehr gut, sehr unerwartet anders. Eisbrenner ist mit seiner begnadeten Stimme (man, hat der Höhen) in der Lage, den zartesten Brecht zu erschaffen, den ich je gehört habe. Immer aber ist er hoch politisch, wie Brecht es immer war, böse zum Bösen im Sinne von heiterstem, angriffslustigstem Eigensinn, den Zweifel säend, freundlich drohend, dass das Sichere nicht sicher ist. In diesem Sinne haben wir in Eisbrenner einen, auf den wir bauen können. Er benutzt seine Mittel immer mit starken eindeutigen Haltungen zum Text, eine konkrete Absicht verfolgend. Sein Musiker Heiner Frauendorf – ein kongenialer Großer seiner Zunft auf dem Bajan. Nach etwa zwei Stunden ist leider Schluss. Ich will mehr von den beiden hören. Dazu soll es kommen. Ich arbeite daran. Also auf Wiedersehen in Cottbus, meine Herren. Bis dahin sollte sich jeder an neuer, einmaliger, witziger und intelligenter Brecht-Interpretation Interessierte die vom Programm erhältliche Scheibe kaufen. Ach ja, der Zöllner, der Bebel-Chef, Frieder Friedersdorf, sei auch bedankt, weil schließlich er es war, der diesen beiden köstlichen Künstlern ihre Kunst entrissen hat. Ich danke allen dreien für einen großen Abend.
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus