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Gesehen: Der Kirschgarten

Großes Haus Premiere 2.3.13

von Christiane Freitag, Kultur

pictures/artikel/IMG_84194569.jpgEs war Anton Tschechows letztes Stück bevor er im Sommer 1904 starb, das am 2. März im Großen Haus Premiere feierte – der Kirschgarten. Im Zentrum der gesellschaftskritischen Komödie steht Ljubow Andrejewn Ranjewskaja (Sigrun Fischer), die nach einer gescheiterten Ehe und dem Unfalltod ihres Sohnes nach einer 5-jährigen Auszeit im Ausland zurückkehrt zum Landgut der Familie – dem Kirschgarten. Ihre Tochter Anja (Laura Maria Hänsel) hat sie aus Paris zurückgeholt.
Es ist Mai. Jetzt blühen die Kirschbäume wunderschön, doch die Idylle trügt – die Familie ist praktisch bankrott, das Land muss verkauft werden. Während die Hausherrin naiv in den Tag lebt, nur selten ans Sparen denkt, dem senil-fuchsigen Boris Borisowitsch Simjonow-Pischtschik (Michael Becker) ständig Geld leiht, versuchen ihr Bruder Leonid Andrejewitsch Gajew (Oliver Breite) und Adoptivtochter Warja (Johanna Emil Fülle) Geld aufzutreiben um der anstehenden Zwangsversteigerung doch noch zu entgehen. Das allgegenwärtige Gewissen Jermolai Alexejewitsch Lopachin (Thomas Harms) hat die rettende Idee: Man solle das Grundstück in Parzellen aufteilen und einzeln verkaufen. Doch er trifft auf taube Ohren und nimmt am Ende die Zügel dann eben selbst in die Hand… .
In diesem ganzen Hin und Her - zwischen der Kirschgarten soll verkauft werden, wird verkauft, ist verkauft worden - tummeln sich nun in einem wunderschönen Bühnenbild (Ausstattung: Thomas Lorenz-Herting) die Schauspieler mal deftig, mal heftig, mal zart, mal hart. Konstantes Gewusel herrscht auf der Bühne. Wenn nicht gerade herumgealbert wird, werden lange, tiefgreifende Dialoge (die an einigen Stellen wirklich ein wenig Kürzung vertragen hätten) fast vom Getrampel auf hohlen Bodenbohlen übertönt. Klamauk wechselt sich mit Tiefsinn ab und irgendwie kehrt keine Ruhe ein – es ist so wahnsinnig viel los auf der Bühne. Es ist aber auch genau das Tschechow typische, das sich diese Inszenierung (Peter Kupke) damit bewahrt. Figuren im Geschehen die scheinbar überflüssig ablenken, aber nun mal dort an dieser Stelle ihren Einsatz haben. Figuren, die rastlos und unruhig umherirren, permanent hyperaktiv auf der Suche nach irgendetwas sind. So es ist es nicht verwunderlich, dass dies auch auf das Publikum abfärbt, so dass selbiges hier und da mal etwas hibbelig mitbrabbelt. Wer das mag, mag’s. Wer nicht, der nicht.
Mal abgesehen von dieser Hektik, die diese Inszenierung mal nebenbei erwähnt irgendwie auch zu etwas Besonderem macht, lebt das Stück dennoch auch durch Leichtigkeit, humoreske Darbietung und durch ihre Schauspieler, die sich dann auch geradezu symbiotisch ins detailreiche Bühnenbild einfügen, und in der Hektik offensichtlich Ruhe bewahren. Allen voran Sigrun Fischer, die als zerrissene, von Gefühlen geschaukelte Ljubow überzeugt, sowie Amadeus Gollener, der als Kammerdiener Firs, zwar als kleine Rolle angelegt, mit seinen urkomischen Episoden aber eine ganz große Wirkung erzielt. Das Publikum dankt es mit tosendem Applaus. Überzeugen können auch Laura Maria Hänsel als liebende Tochter Anja, Johanna Emil Fülle als die biedere, prinzipientreue Adoptivtochter Warja, Oliver Breite als Lebemann, Thomas Harms, als gewieft-arroganter Lopachin, Oliver Seidel, der in seiner Figur des Pjotr Sergejewitsch Trofimow für den ein oder anderen philosophischen Hauch sorgt, Michael Becker als der immer in Geldnot befindliche, etwas zu laute Simjonow-Pischtschik, Heidrun Bartholomäus als unterhaltsame Gouvernante Charlotta, Kai Börner vorzüglich als der Buchhalter Jepidochow, Ariadne Pabst als naives Stubenmädchen Dunjascha und Johannes Kienast als junger Diener Jascha.
Trotz aller Leichtigkeit, humoresker Darbietung und nervöser Unruhe, besitzt das Treiben um den Kirschgarten dennoch auch diese unterschwellige Bedrücktheit. Permanente Bedrohung gibt der vermeintlichen Fröhlichkeit einen bitteren Beigeschmack – und genau diese Zerrissenheit darzustellen ist Peter Kupke vortrefflich gelungen. So ist der Kirschgarten ein ganz und gar nicht verstaubter Klassiker, sondern ein Werk mit aktueller Brisanz – symbolisierten die Kirschbäume in der damaligen Zeit schließlich den allmählichen Untergang sowie Macht- und Funktionsverlust des russischen Adels…


Foto: Marlies Kross
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