Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Gesehen: ORFEO ED EURIDICE

gesehen am 7. März 2013, Staatstheater

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_84194919.jpgFast hätte ich schreiben müssen, dass Sie diesen Marlene-Lichtenberg-Abend nicht mehr anschauen können. Doch wie man hört, bleibt das Stück im Programm, als Ersatz bei anderen Ausfällen. Also Achtung bei Änderungen, es lohnt sich!
Weshalb aber „Marlene-Lichtenberg-Abend“? Ist es nicht eine Oper mit Chor, Orchester und weiteren Darstellern? - Doch. Die alle dürfen Marlene Lichtenberg bei ihrer Ausnahmearbeit begleiten. Zumindest in Cottbus. Denn inszeniert wurde das Werk durch den Cottbuser Intendanten und Operndirektor Martin Schüler für das Schlosstheater in Potsdam Sanssouci. Und dort ist Marlene Lichtenberg nicht dabei, ebensowenig, wie das Philharmonische Orchester des Staatstheaters.
Im Interview meinte Martin Schüler: „... das Haus ist ja fünfmal so groß, wie das Schlosstheater, hier braucht es Volumen. Die Titelpartie des Orfeo singt bei uns ... Marlene Lichtenberg... .“* Den Satzanfang leitet er zwar vom Orchester her, doch schnell wird in Cottbus klar, dass er die verbliebenen Potsdamer Solistinnen Isa Katharina Gericke (Euridice) und Evmorfia Metaxaki (Amore) wohl ebenso meint.
Volumen fordert das Staatstheater nicht nur stimmlich, sondern besonders ausdrucksseitig und wird so zum Ort der Bestätigung für Marlene Lichtenberg.
Amor, regieseitig angelegt als Alter-Ego zu Orfeo, ergibt bei Evmorfia Metaxaki wirklich kein Spiegelbild sondern dessen unbeholfenen Versuch. Stimmlich geht es in Ordnung und ist auch mal richtig gut, doch die Gesamtfigur ist (obwohl strahlend weiß) nur ein Schatten.
Euridice kommt erst recht spät ins Spiel. Doch hätte Isa Katharina Gericke durchaus einige Gelegenheiten, den „Vorsprung“ der Anderen aufzuholen. Mit ihrem Gesang schafft sie diesen Anschluss durchaus, ist darstellerisch jedoch mal übertrieben und mal wie vergessen - beide agieren, gerade im direkten Vergleich zu Marlene Lichtenberg, viel zu gewollt.
Für Martin Schülers Idee, den gesamten Unterwelt- und Rettungsausflug Orfeos als dessen Traum spielen zu lassen, fand Gundula Martin bühnentechnisch einfache und gute Lösungen und am Ende den passenden Rahmen, das Ganze gehörig auf die Schippe zu nehmen. Ganz und gar nicht einfach, sondern ideal bis höchst aufwendig ist die zugehörige, wundervolle Kostümierung.
In der kann der Chor glänzen, ganz äußerlich in strahlenden Farben und ganz musikalisch mit sehr guten musikalischen Seiten. Szenisch übrigens ebenso, denn ob trauernd, gespenstisch oder verspielt barock: Martin Schüler inszenierte im Grunde jede Chorsängerin und jeden Chorsänger zu jedem Zeitpunkt fast ganz individuell.
Etwas geringer waren die Anforderungen für das Orchester. Was nicht an Marc Niemanns musikalischer Leitung lag und nicht am gemeinsamen, großen Können - beides steht außer Frage, sondern an der kompositorischen Vorlage von Christoph Willibald Gluck. Zwar wird diese musikwissenschaftlich gern als Teil eines großen Reformwerks gesehen, in dem die Musik den Stimmen zumindest gleichwertig sein soll, sowie Handlung und Handelnde aktiv unterstützend. Doch steht diese Entwicklung hier wohl eher noch am Anfang. Recht schwierig also für das Orchester und den Dirigenten, um so besser jedoch lösten sie die Aufgabe ... der Begleitung der Marlene Lichtenberg, die sich sehr bewegend, voller Gefühl und mit wunderbarem Klang auch keinesfalls selbst in den Vordergrund spielte - jedoch einfach zum Mittelpunkt des Abends wurde. Fast schon zu sehr Marlene, zu wenig „Mann Orpheus“ nach der Pause, als ob Martin Schüler bei der Führung der Figur selbst seiner großartigen Sängerin verfallen wäre.
Fast auch droht das Ganze dann etwas zu lang zu werden, käme es nicht am Ende - mit viel Humor und Augenzwinkern Richtung Gluck - zu einem fröhlichem Abschlussbild, bei dem dessen Hofmusik sogar homöopathisch auflebt.
* Lausitzer Rundschau, 15.2.2013


Foto: Marlies Kross
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus