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Gesehen: 5. Philharmonisches Konzert

Staatstheater Cottbus, 24. Februar 2013

von Jens Pittasch, Kultur

Strawinski im Doppelpack umrahmt Rachmaninow und Sannicandro, was für ein Programm!
Und das Ganze mit Tzimon (´Recke´) Barto und einem wirklich großen Chor, vor dem zu Beginn ungleich weniger Musiker in einer ganz eigenen Anordnung Platz nehmen. Sieben Cellisten ungewohnt allein in der ersten Reihe, dazu Bässe, etliche Bläser, Schlagwerker und gleich zwei Klaviere.
Dieser seltsame Aufbau gehört zur sogenannten „Psalmensinfonie“ (Symphonie des psaumes) von Igor Strawinski. Als Auftragswerk für das Boston Symphony Orchestra 1930 entstanden, nutzt Strawinski sowohl die Abfolge der russisch-orthodoxen Liturgie zur Dramaturgie einer quasi ganz eigenen Kunstform, wie auch den Einsatz der Stimmen als den Instrumenten gleichgestellter Klänge. Inhaltlich werden Texte dreier alttestamentlicher Psalmen verwendet. Strawinski, 1882 geboren, lebte seit 1920 vorwiegend in Frankreich und war in etwa zu dieser Zeit, nach Jahrzehnten religiöser Abkehr, wieder der Russisch-Orthodoxen Kirche beigetreten. Selbst aufgewachsen im zaristischen Sankt Petersburg als Anwaltssohn, dort den strengen Vorschriften und Vorstellungen zunächst gefolgt und das eigene Jurastudium mit 23 abgeschlossen, gelang dann die Befreiung: Strawinski wurde Schüler bei Rimski-Korsakow. Schon 1910 entstand „Der Feuervogel“, 1913 „Le sacre du printemps“, Werk folgte auf Werk, während in der Heimat, die er verlassen hatte, eine Revolution entbrannte. Eindrücke, die natürlich Spuren hinterlassen und schwerlich dazu führen, anhand der Psalmen ein „normales sakrales Tonwerk“ zu komponieren.
Was wir hören, ist denn auch eher hymnischer Psalmen-Jazz, Barock durch einen Modernisierungsfilter gejagt, Bach-Händel feat. Strawinski. Es ist eine ganz besondere Sichtweise, die hier in ganz besondere Töne gefasst wurde, die das besondere Orchester und der besonders eingesetzte Chor zu einem großen Erklingen bringen.
Die von ihnen gemeinsam erzeugte Stimmung führt Gefühle und Gedanken in eine recht fremde und bedrückte Welt, ein Aufbruch folgt, wie nach einer Verschwörung und geht über in ein weiteres großes Geheimnis.
Die Choreinstudierung dürfte keine leichte Sache gewesen sein, ebensowenig die Arbeit mit den Instrumentalisten. Eine große Anerkennung an Christian Möbius, den Opernchor des Staatstheaters, den Sinfonischen Chor der Singakademie Cottbus und die ausgesuchten Musiker des Orchesters unter Leitung von Generalmusikdirektor Evan Christ.
Auf der Bühne wird umgebaut. Ein Konzertflügel wird zum Mittelpunkt. Es folgt das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 g-Moll op. 40 von Sergej Rachmaninow. Solist Tzimon Barto tritt auf und führt bei der Dame hinter mir zu der Bemerkung: „..sieht so´n bisschen aus, wie Arnold Schwarzenegger..“, sei es drum, ich selbst schrieb 2009: „..Gefühlte zwei Meter groß, rein körperlich eher in einer Wrestling-Arena zu vermuten ...., doch was er dann mit dem Klavier macht ... . Der Kampf, den er anführt ist einer um den besten Ton. Deutlich ist seinem Gesicht anzusehen, dass er ihn nicht weniger intensiv führt, als der Streiter im Ring. Sein Flügel fliegt wahlweise, schwebt oder bricht sich im Sturm des Orchesters seine Bahn.“
Diesem Zitat bliebe wenig hinzuzufügen, wäre Barto immer gleich. Gleich gut, das stimmt, gleich gut - anders.
Diesmal beginnen er und das Orchester einen Tanz. Umschwärmen sich, tief atmet Barto alle Gefühle, wieder spricht sein Ausdruck Bände voller Bewegtsein und wird hör- und nachfühlbar in seinem Spiel. Kein bisschen muss sich das Orchester mit der eigenen Leistung verstecken. Evan Christ lässt seine Musiker auftrumpfen in kleinen und großen Tönen. Nach deren Verklingen auf der Bühne abgelöst von Bravo-Rufen und stürmischem Applaus aus dem Saal. Mit seiner Zugabe, einer Nocturne von Chopin, entlässt uns Tzimon Barto in die für alle verdiente Pause.
Weiter geht es mit dem neuesten Auftragswerk der 2012/13-er Serie von Valerio Sannicandro. Nach „Perturbazione nel settore trombe“, „Sutras“ und „Windströme“ fließen nun die „Seelenströme“. Dreimalzweifaches Steine-Klacken kombiniert mit allerlei schwebenden, um sich greifenden Geräuschen, dann wieder die Steine - Störfeuer im ohnehin unruhigen Seelenleben, oder nur Störungen im EEG? Nein. Diese liegen tiefer, haben Psycho-Duschvorhang-Potenzial, beziehungsweise reicht dieses für ein ganzes, duschendes Irrenhaus. Sehr unruhig ist es leider auch wieder im Saal, was ein weiteres Einlassen auf die Klänge sehr schwer macht - dann sind sie vorbei.
Abschluss, Rachmaninow No. 2, Symphony in Three Movements - diesmal treibende, voran stürmende Musik, fast eine Verfolgungsjagd, bis sich einzelne Stimmen darüber erheben, sich freisingen können, ringsumher geht das aufgeregte Treiben weiter. Kurze Zwischenfragen finden sich bald darauf, von atemlosen Impulsen fort und weiter getrieben. Alles instrumental, es ist nun ohne Chor.
Ganz verspielt beginnt der 2. Satz, scheint nichts mehr davon zu wissen, was gerade noch war, geht über in eine zwar verträumte doch von etwas aufgewühlte Situation, kurz zurückkehrend zu Harmonie - um mit einer neuen, fremden Kraft infiziert schließlich auf und davon zu eilen.
Die überraschenden Wendungen all dieser verschiedenen Elemente sorgen für ein Schwirren im Kopf, Actio est Reactio, das Philharmonische Orchester hebt ab zu einem furiosen Finale.
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