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Gesehen 6. Philharmonisches Konzert

Großes Haus, Premiere 12.4.13

von Christiane Freitag, Kultur

Das 6. Philharmonische Konzert stand unter einem ganz besonderen Stern, war es doch ein Konzert des Deutschen Musikrats (Projekt gGmbH) insbesondere des DIRIGENTENFORUMS, das sich an den besonders vielversprechenden Dirigentennachwuchs richtet, ihn unterstützt und auf die spätere Tätigkeit vorbereitet. In diesem Rahmen gibt es die Künstlerliste „Maestros von morgen“, auf die es auch der begnadete Jungdirigent Francesco Angelico geschafft hat, der unser Philharmonisches Orchester durch das 6. Philharmonische Konzert leitete.
Diesmal im Programm: Nina Šenk: The Chase; Luigi Dallapicolla: Variazioni per orchestra; Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 15 A-Dur op.141 – wie sich herausstellen sollte, ein leider sehr zehrendes Pensum.
„The Chase“ thematisiert mit orchestralen Mitteln das menschliche Leben. Zu Beginn ein Bratschensolo als Synonym für einen einzelnen Menschen: Quo vadis oder Ecce homo?!
Im weiteren Werkverlauf ist der Name, also „The Chase“, die Jagd, Programm. Zunehmend hetzt das Stück das Orchester durch die 5 Minuten Spielzeit. Mit treibenden Trompeten und drohenden Streichern wird durchs Schicksal gejagt um schließlich zu enden, wie begonnen, mit einem Bratschensolo, mit dem Menschen – sehr philosophisch.
Im Anschluss folgen Dallapicollas 15-minütige „Variazioni per orchestra“. Sie sind in gewisser Weise eine Weiterentwicklung der „Quaderno musicale die Annalibera“ die er auf einer Reise von Montreal über New York nach Mexiko City für seine Tochter schrieb. Elf Variationen umfassen sie. Deren Grundlage bildet eine Reihe von zwölf Tönen, die Dallapicolla durch Experimentieren gefunden hat, und nach Experiment klingen dann auch seine Varianten, sind diese doch weniger Abwandlungen eines Themas, als Erkundungen. Selbige sorgen dann auch für den etwas wankelmütigen Charakter des Werks. Laut, leise, schnell, langsam- und alles ohne Vorwarnung. Es ist ganz schön viel los, und dann wieder nicht. Der Hektik folgt die Ruhe, der Ruhe die Hektik. Irgendwie werde ich langsam ganz wuschig. Dem restlichen Publikum scheint es ebenso zu gehen. Der Applaus ist verhalten – ein Höflichkeitsapplaus. Schade für´s Orchester, dem viel abverlangt wurde und das Großes leistete.
Meine Hoffnungen auf einen etwas besonneneren Konzertabschluss liegen nun auf Schostakowitschs Sinfonie Nr. 15 A-Dur op. 141. Wie auch Dallapicolla legt Schostakowitsch seinem Werk die Zwölf-Ton-Methode zu Grunde. Also: auch er verwendet 12 Töne, von denen kein Ton erneut gespielt darf, bevor nicht alle anderen elf erklungen sind – musikalische Gleichberechtigung. Wie bei Dallapiccola sorgt dieses Verfahren auch in der Sinfonie Nr. 15, deren Uraufführung am 8. Januar 1972 im Tschaikowski-Konservatorium übrigens Schostakowitschs Sohn leitete, nicht für die nötige Ruhe und Balance. Schostakowitsch war im Übrigen eigentlich ausgesprochener Gegner dieser Kompositionstechnik. Ihm zufolge ist sie „bestenfalls […] in der Lage, Zustände der Niedergeschlagenheit, der völligen Erschöpfung oder Todesangst auszudrücken, das heißt Stimmungen, die der Gemütsverfassung des normalen Menschen, und so mehr derjenigen des Menschen der neuen, sozialistischen Gesellschaft, entgegengesetzt sind“ (Dmitri Schostakowitsch beim Musikfestival „Warschauer Herbst“ 1959; Zitat aus: Konzertprogrammheft Nr. 10). Demzufolge ist auch diese Sinfonie Schostakowitschs eine musikalische Auseinandersetzung mit dem Tod, umgesetzt mit der Zwölf-Ton-Methode. Nun ja, unverzichtbares Kompositionshandwerk würden sie einige nennen, verzichtbaren Unfug nenne ich sie. Wie dem auch sei, zwei Stunden Konzert mit schiefen Stücken dieser Art zu bestreiten ist nur schwer hörbar und erträglich. In Maßen in Ordnung, in der Masse zu viel. Es war ein zäher Abend, zumindest mit einem begnadeten, jungen Nachwuchsdirigenten und einem tapferen Orchester – immerhin etwas.
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