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Gesprochen & Gesehen: Dieter Moor live: Lieber einmal mehr als mehrmals weniger.

Staatstheater Großes Haus, 28.3.2013

von Christiane Freitag, Kultur

In der Hotellobby sitze ich also und warte auf Dieter Moor. >>Pling<<, die Fahrstuhltür öffnet sich: Auftritt: Dieter Moor. Der kantige (ehemalige) Schweizer und jetzt Wahlbrandenburger und ich, wir haben ein Date. Ich spreche mit ihm über seine Bücher, sein Leben auf dem Land und am Ende wird’s gar philosophisch: Neben seinen TV-Sendungen, wie Canale Grande, ttt-titel, thesen temperamente oder Bauer sucht Kultur, ist er vor allem bekannt für seine zwei mehr als erfolgreichen Bücher oder aber auch sein Dasein als Landwirt, das er in kleinen literarischen Meisterwerken in kurzen witzigen Episoden darstellt. Die Landwirtschaft ist ganz pragmatisch das zweite Standbein von ihm und seiner Frau Sonja, erzählt er; warum nun die Bücher so ein Erfolg sind, kann er sich aber selbst nicht wirklich erklären und hat das auch gänzlich unterschätzt, ist aber schlussendlich doch ganz froh darüber. Er vermutet es ist die leichte Kost, die einfachen Geschichten, die jeder versteht in die sich jeder hineinversetzen kann. Ich vermute vielmehr es ist dieser unglaubliche Charme mit dem die Geschichten daher kommen, gepaart mit der unglaublich interessanten Figur Dieter Moor - und natürlich das Landleben. Ob es eigentlich unterschiedliche Reaktionen auf die immerhin sehr schweizkritische und brandenburglobende Darstellung gäbe frage ich. Er berichtet, dass sich die Brandenburger gebauchmiezelt fühlten, die restlichen Deutschen erleben ihn als doppelten Exoten: ein Schweizer, der in Brandenburg seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat und sich dort auch noch wohl fühlt - allen Vorurteilen über das oft als karg und langweilig beschriebene Bundesland zum Trotz. Sofort darauf gerät er ins Schwärmen, ist fasziniert von Land und Leuten… - wir haben in ihm einen leidenschaftlichen und gleichzeitig besonders authentischen Botschafter. Übrigens so sehr, dass er bereits die Staatsbürgerschaft beantragt hat oder, naja, es zumindest vorhat. Es läge ihm sehr viel daran endlich mal mitreden zu können. Aber in einem so voll gespickten Terminkalender zwischen Leseterminen und Ställen ausmisten, Fernsehaufzeichnungen und Hufpflege ist nachvollziehbar schwerlich Platz für nervige Behördengänge zu finden. In seiner ursprünglichen Heimat, der Schweiz, stößt Moor übrigens auf wenig Gegenreaktion zu seinem Buch. Ist es der kritische-satirische Umgang mit seinen Landsleuten oder doch einfach nur Desinteresse? Auch hier spekulieren wir beide nur. „Der Schweizer ist ziemlich unsicher“, sagt Dieter Moor schließlich.
„Wie kann ich mir eigentlich so ein Leben auf dem Bauernhof vorstellen“, möchte ich anschließend wissen, gänzlich davon überzeugt, er würde mir mein idealtypisch-idyllisches Bild vom Leben auf dem Bauernhof bestätigen. Nun ja, es ist nicht ganz das, was ich zu hören hoffte: Denn ein Bauernhof ist alles andere als stressfrei, mühelos und eben idyllisch. Wer was anderes erwartet, solle sich einen Ponyhof oder so etwas anschaffen, resümiert Dieter Moor schließlich.
Ob man es empfehlen könnte, frage ich etwas desillusioniert. Er antwortet trocken: „Man braucht einen breiten Rücken und einen starken Willen.“ Gut okay, aber immerhin bestätigt mir Bauer-Poet-Moderator Moor daraufhin aber auch, so abgedroschen es auch klingen mag: Das Leben im Einklang mit der Natur hätte etwas unglaublich Befriedigendes. So nah an der Natur, an Leben und Tod, immer wieder fasziniert von den Eigenheiten und Sonderbarkeiten, immer wieder beschäftigt mit den banalsten Dingen - das Landleben ist zwar furchtbar anstrengend aber es macht glücklich. Es ist nicht paradiesgleich, denn dem was Adam und Eva im Paradies hatte, käme es wirklich nicht nah, aber es sorgt für Ausgeglichenheit.
Und ehe wir uns versehen diskutieren wir – gerade eben noch über die Tücke, Ecken und Kanten des Landlebens – plötzlich und sprichwörtlich über Gott und die Welt. Geradezu philosophisch wird es dabei und spannend. Wir erörtern das System Kapitalismus, wundern uns über die doch sehr seltsame Welt in der wir leben und Dieter Moor zeigt sich plötzlich von einer ganz anderen, ernsteren Seite. Er hofft, dass sich doch alles irgendwie noch zum Guten wendet. Ich nicke zustimmend. Beinahe hätten wir so den Zeitrahmen des Interviews gesprengt, sehr pünktlich zur Lesung schaffte er es jedoch. In dieser erweckte er vor fast vollem Haus seine Geschichten aus der arschlochfreien Zone zum Leben. Gelesen sind diese ganz wunderbar, von ihm vorgetragen geradezu entzückend – den Crash-Kurs Landwirtschaft gibt es sozusagen als gratis Download dazu.
„Anstandslos lebenswert ist das Leben auf dem Bauernhof.“, fasst er am Ende schließlich zusammen. Das Publikum jubelt. Abgang Dieter Moor.
Dieter Moor – Lieber einmal mehr als mehrmals weniger.
Frisches aus der arschlochfreien Zone,
rororo, Taschenbuch, 288 S., 9,99 €, 978-3-499-62762-0

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