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Gesehen: GÖTTERDÄMMERUNG

Staatstheater Cottbus, Premiere 30.3.2013

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_85834756.jpgJa gut, möglicherweise ist dieser Superlativ übertrieben. Doch es geht ja um meinen persönlichen Eindruck. Und da ist mir, während sich der überwältigende Abend von Höhepunkt zu Höhepunkt schwingt, vor allem ein Wort eingefallen: epochal!

Martin Schüler (Regie) und Evan Christ (musikalische Leitung) ist die Vollendung eines Werkes gelungen, das es verdient hat, sehr weit über Cottbus hinaus zu strahlen und Gäste zahlreich in unsere Stadt und unser Staatstheater zu locken.
Ganz sicher werde ich mir diesen vierten Teil, der von Richard Wagner musikalisierten, germanischen Saga, nochmals ansehen - und dabei an meinen eigentlichen Wunsch denken, alle vier Teile in Cottbus am Stück sehen zu können.
Die Vernunft allerdings spricht dagegen, denn das Staatstheater hat mit der schrittweisen Umsetzung der Tetralogie Grenzen ausgelotet und dabei ein Maß gefunden, das die Herausforderung aufgreift und als exakt kalibrierte Spitzenleistung umsetzt.
Bereits fünf Stunden Wagner (für einen Teil) oder auch alle neun Beethoven-Sinfonien an zwei Tagen setzen unübersehbare und weit strahlende Zeichen für die Qualität und die außerordentlichen Fähigkeiten dieses Hauses, seines Ensembles und seiner Mitarbeiter.

Dieser Teil 4 nun, die „Götterdämmerung“, wurde von Martin Schüler und Gundula Martin (Ausstattung) äußerst geschickt mit Teil 3, „Siegfried“, verbunden. Gerade recht für die Zuspitzung der Ereignisse sind einerseits Konstanten in der Besetzung, wie die wunderbare Sabine Paßow als Brünnhilde, andererseits Verstärkungen von größtem Format.
Hervorstechend als Hagen, Gary Jankowski; ganz anders und ganz wunderbar in der Unbeschwertheit seines Siegfried, Craig Bermingham; gruselig als Alberich Thomas Gazheli.
Doch wer meint, es kämen nur Gäste zu Zug, irrt.
Gesine Forberger ist als Gutrune, die sich „den stärksten Helden zum Manne“ wünscht und durch einen verwirrenden Trank auch bekommt, erneut in bestechender Form als Sängerin und Darstellerin. Marlene Lichtenberg hat drei Rollen und strahlt stimmlich noch über die glänzende Rüstung ihrer Waltraute hinaus. Carola Fischer, in der „Walküre“ (2008) als Fricka auf Rollschuhen in den Saal brausend, ist diesmal als eine der Nornen, die das Seil des Schicksals spinnen, bedacht und die Vorahnung erfühlend, was sie in Spiel und Gesang ganz nah bringt. Auch Cornelia Zink finden wir auf der ruhigen und damit oft schwierigeren Seite des Spiels. Das singend, schwirrende Waldvögelchen des „Siegfried“ gibt mit großer Ausstrahlung eine der verzweifelt, sorgenvollen Nornen und die warnend-trickreiche Rheinnixe Woglinde. Unterstützt wird sie von Debra Stanley als Rheintochter Wellgunde, deren Gesang nichts zu wünschen lässt, die jedoch darstellerisch teils etwas neben ihren Schwestern steht (oder stehen gelassen wird).
Als einziger Mann der Cottbuser Ensemblesolisten ist Andreas Jäpel mit vom Spiel und betont mit seinem vielschichtig-stimmvollen Gunther die Steigerung, die er bereits in „Hoffmanns Erzählungen“ zu seinen bereits vorher sehr guten Fähigkeiten zeigte.
Was wäre das Ganze jedoch ohne die von Christian Möbius gesanglich glänzend einstudierten Chöre und das Philharmonische Orchester, geleitet im legeren Outfit von Evan Christ. Nur zu kurzem, schönen Einsatz kamen die Damen des Operchores. Umso gewaltiger die Auftritte des verstärkten 40-Männerchores aus Herren des Opernchores, Gästen aus Bratislava und Herren des Extrachores.
Das Orchester nahm, die Cottbuser kennen dies bereits, auf der Bühne Platz und ist die gesamte Zeit sichtbar. Die zugrundeliegende Inszenierungs- und Spielweise, als „semiszenisch“ bezeichnet und einstmals aus Not(wendigkeit) entstanden, ist in den Händen von Martin Schüler zu einer ganz eigenen, sehr faszinierenden Kunstform gereift.
„Semi“, also „halb“, ist hier nichts. Ganz im Gegenteil. Wenn das Ganze 100 Prozent sind, erreicht diese Schüler-Methode 150 Prozent und mehr. Und das nicht mathematisch, formell, sondern als hohe Schule des Opernspiels.
Einer der Effekte ist die enorme, eben auch visuelle Präsenz des Orchesters und dessen deutlich konzertanter Klang. Eine Wirkung, die Wagner gefallen haben dürfte, wollte er doch auf neue Weise Musik und Drama verknüpfen. Eine Absicht, die Martin Schüler nunmehr gelungen ist und die Eingang in die musikalischen Lehrmeinungen verdient.
Und es ist eine Wirkung, deren Chance Evan Christ mit seinen Musikern hervorragend nutzt und ebenfalls zu einer eigenen Blüte führt. Im 8. Philharmonischen Konzert, am 24. und 26. Mai, ist übrigens „Das Rheingold“, der Auftakt des „Ring des Nibelungen“ in konzertanter Aufführung zu erleben. Eben dieser „Ring“ war einer der Gründe, die Evan Christ als Generalmusikdirektor nach Cottbus führten. Geradezu entspannt nimmt er schließlich am Ende, gemeinsam mit allen Mitwirkenden und Machern, den Dank und Jubel des Publikums bei stehendem Applaus entgegen.
Was für ein Glück, dieses Werk nun - in genau dieser besonderen Cottbuser Gesamtheit - gesehen zu haben.


Foto: Marlies Kross
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