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Gesehen: Holger & Hanna [und der ganze kranke Rest]

Filmpremiere, Weltspiegel, 23. März 2013

von Dennis Depta, Kultur

Hahnenkampf um Hanna

pictures/artikel/IMG_85834950.jpgHolger steht auf Hanna. Hanna auf Gerhard. Der ist Holgers Vater. Gerhards Trennung von der Tempeltanz-Mutter Verena ist in vollem Gange, die Scheidung steht an. Den Jugendtheaterstoff „Holger, Hanna und der ganze kranke Rest“ von Jan Demuth brachte Regisseur Matthias Heine in deutscher Erstaufführung bereits auf die Piccolo Theater-Bühne. Nun wird er ihm und Partnerin Maria Bock zur Vorlage ihres Filmregie-Debüts. In Produktions-, Kamera- sowie Schnittarbeit gelenkt und geleitet von den Cottbuser Film-Brüdern Erik und Clemens Schiesko gelingt es dem Streifen das Humor- wie Konfliktpotential der Vorlage in einen sehenswerten deutschen Coming-of-Age-Film zu übertragen.
Während sich das schieskosche Spielfilm-Debüt „Blaue Stunde“ vor 2 Jahren noch stolz mit der Kategorie Jugendfilm schmückte, sucht der Kinogänger diese Selbstverortung bei „Holger & Hanna [und der ganze kranke Rest]“ vergeblich. Größere lokale Zuschauerschichten können durch diese Aussparung vor die Leinwand gelockt werden. Und auch der wichtige hiesige Mundpropaganda-Motor läuft: überall ist nur die Rede vom Cottbus-Film. Wodurch zeichnet sich ein solcher Film aus, könnte man fragen. Dass er von Cottbusern für Cottbuser in Cottbus gedreht wurde? Wer am 23. März Teil der gut inszenierten Premierenparty im Weltspiegel war, konnte beinahe eine Idee von Klein-Hollywood bekommen. Die Soundtrackler von Marxx reduzierten ihren wuchtigen Titelsong auf ein iPhone-Gefrickel, die Unmöglichkeit einer Bewegung zur eigenen Handymusik versuchten sie gar nicht erst. „Schaut euch all die schönen Gesichter an“, hauchte ein charismatischer Moderator – im Rücken die Darsteller und Produzenten des Films, wartend auf ihren Auftritt am Mikrophon – wenige Minuten später einem nicht minder schönen Publikum entgegen.
Natürlich hat dieser Film eine Herkunft und Basis. Es ist großartig, wie viele helfende Hände mit in dem süßen Teig gerührt haben und noch schöner, dass gerade ein Film es vermag, auch die übersättigten DSDS-Hintern aus den P2-Wohnungen zu locken. Wer den Anspruch der cleveren Macher von „Blaue Stunde“ jedoch kennt, der weiß, dass sie letztlich nicht sich selbst genügen wollen. Dass es mit „Holger & Hanna“ gelingen könnte, filmische Impulse auf überregionaler Ebene zu setzen, zeigen uns wunderbare Darsteller wie Kai Börner, Ruth Maria Thomas, Andrea Kulka und Florian Donath, die ihre stoischen Charaktere mit Leben füllen.
Seine Intimität gewinnt der Film deshalb gerade nicht in stadtbekannten Settings wie dem BEBEL oder dem Schulhof des Niedersorbischen Gymnasiums, wo die amerikanische Highschool-Komödie eins zu eins kopiert wurde und die Orte bedeutungslos, weil austauschbar werden. Die Story wird immer dann lebendig, wenn kein Pseudo-Promi-Dinner den Zuschauer auf Distanz hält oder Hanna als überirdische Erscheinung über den Schulhof flanieren muss. Sondern wenn mit einfachsten Mitteln die etwas verschrobenen, liebevoll gezeichneten Charaktere und ihr Aufeinandertreffen in den Mittelpunkt der Handlung gerückt werden. Mit den Augen des Protagonisten Holger (Florian Donath) sehen wir die kleine, skurrile Welt, die so nah an der eigenen Realität der Zuschauer liegt. Wenn der Junge mit dem falschen Geschenk im Treppenhaus der Angebeteten steht, spürt man das dumpfe Gefühl der Einsamkeit. Die Leichtigkeit kehrt aber sofort wieder zurück, wenn Holgers schriller Kumpel Paul (Eric Born) auf dem Schulweg auch mit 16 Jahren noch das Ich-darf-die-Pflastersteinrille-nicht-betreten-Spiel spielt. Auch vom Erwachen des Pubertierenden wird erzählt: auf der Hollywoodschaukel im eigenen Garten wird Holger erstmals klar, dass er seine von Energiemeridianen besessene Mutter Verena nicht pausenlos beim Vornamen nennen muss, um ihr auf Augenhöhe zu begegnen. Hier erkennt er, dass sie mehr als seine spleenige Midlife-Crisis-Mutter ist: eine Frau, die sich in ihrer eigenen Verletzlichkeit und ohne Masterplan erst wieder Geborgenheit und Sinn in der kruden Ordnung der Welt suchen muss.
Schließlich lernt der 16-jährige auch in der bitteren Niederlage im Hahnenkampf um Hanna noch dazu. Sein schnöseliger Zahnarzt-Papa (Kai Börner) hat ihm im Umgang mit Frauen einfach die nötige Lebenserfahrung voraus. Da hilft auch kein Schwanzvergleich.


Foto: Clemens Schiesko
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