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Gesehen: ARSEN UNDSPITZENHÄUBCHEN

Staatstheater Cottbus, Premiere 27. April 2013

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_86008029.jpgChristoph Schroth, zwischen 1992 und 2003 Intendant des Cottbuser Staatstheaters und Leiter der Sparte Schauspiel prägte den Satz: „Wo ich bin, ist keine Provinz.“
Mit seinen Inszenierungen, seinen Darstellern und Spielformaten, wie der „Zonenrandermutigung“ hatte er es geschafft, dass hier in der märkischen Provinz zumindest das Theater ganz und gar metropolenverdächtig wurde.
Nach der Episode Wolf Bunge „gelang“ es vor allem Bettina Jahnke als Schauspieldirektorin dieses Niveau fast vergessen zu machen. Vom Ensemble selbst als Retter geholt übernahm Mario Holetzeck diese Aufgabe 2008. Einiges brachte er wieder auf die Füße, anders auf den Weg, manches waren tolle Theatererlebnisse, einiges stolperte in Gewohnheiten seiner filmorientierten, künstlerischen Herkunft. Ein Suchen, Finden und erneut Verlieren, ein Auf und Ab, das Gefühl von Unsicherheit vermittelnd anstelle einer Theatervision - mit derzeit ungewisser Zukunft bei auslaufenden Verträgen 2014.
Warum diese Vorrede? „Arsen und Spitzenhäubchen“ war ein 1440-Vorstellungen-Broadway Erfolg, lief ebenso erfolgreich in London und Altstar Cary Grant gab die Hauptrolle einer 1944-iger Verfilmung. Soweit so gut. Nichts, aber auch garnichts gibt es zu meckern an der Umsetzung des Stückes durch die Darsteller, an den fein erarbeiteten Details so mancher Figur, kleinen und großen Gesten, funktionierenden Running-Gags, großartigen Kostümen und Masken (besonders der von Oliver Breite) und dem rosa Rosenbühnenbild mit Herbeidreh-Keller von Gundula Martin. Eine gelungene Premiere für Regisseur Mario Holetzeck im für ihn neuen Metier der Komödie.
Und doch, irgendwie ist es, als hätte er mit der Wahl dieses Stückes die Provinz wieder nach Cottbus gebracht - passt das Stück einfach nicht in das Niveau, das eben den Unterschied ausmachte, von dem Christoph Schroth sprach - muss man genau an dieser Stelle die Frage nach dem Anspruch des Brandenburgischen Staatstheaters stellen. Besonders klar wurde dies wenige Tage später bei einer anderen Schauspielpremiere, über die in dieser Ausgabe ebenfalls gesprochen wird.
Eine Sache noch. Es gibt erneut Videoeinspieler. Produziert von Schauspieler Oliver Seidel. Deren Anliegen ist es, den zeitlichen Kontext des Stückes zu zeigen. Wir schreiben das Jahr 1941, in Europa ist seit zwei Jahren Blitzkrieg, Land um Land wird von der Wehrmacht überrannt, die Opferzahlen steigen. Während dessen üben sich die Brewster-Schwestern im fernen Brooklyn in einer besonderen Art der Barmherzigkeit und haben inzwischen ein gutes Dutzend armer Seelen von deren traurigem Dasein erlöst. Zumindest im zweiten Video dann passiert in Cottbus eine böse Entgleisung - werden Kriegstote, Erschießungen und Nazi-Verbrechen völlig undistanziert verharmlosend mit der soeben laufenden Spaßhandlung gleichgestellt. Das geht leider garnicht liebe Macher, jeder weitere Lacher sollte einem im Hals stecken bleiben, mir geht es noch immer so und ich kann über die vielen schauspielerischen Kabinettsstückchen einfach nichts mehr sagen.
Was wirklich schade ist für Thomas Harms und Kai Börner (Abby und Martha Brewster), Oliver Breite (Jonathan), Rolf-Jürgen Gebert (Teddy), Johannes Kienast (Mortimer), Heidrun Bartholomäus (Dr. Einstein), Ariadne Pabst (Elaine), Susann Thiede (Polizistin O´Hara), Michael von Bennigsen (Polizist) und Michael Becker als Dr. Harper, Mr. Gibbs und Mr. Witherspoon.


Foto: Marlies Kross
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