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Gesehen: 7. Philharmonisches Konzert

Lausitz Arena, 4. Mai 2013

von Jens Pittasch, Kultur

´Mächtig gewaltig Evan!´, könnte man abgewandelt zu den großen Plänen des Egon Olsen sagen. Wir erinnern uns, da wurde oft Einiges aufgefahren und präzise umgesetzt - mit dem immer gleichen Ergebnis: Egon saß im Knast.
Unser Generalmusikdirektor Evan Christ wird nun weder hinter Gittern landen, noch ist das zweite Groß-Experiment Lausitz Arena misslungen - nur, so richtig geklappt hat es halt auch wieder nicht. In die Halle kann man stellen, was und wieviel(e) man will, es reißt einen nicht vom Hocker. Aufgeboten waren diesmal 600 (!) musikalische Mitwirkende. Das Orchester auf 100 Personen verstärkt, Kinderchöre mit 100 Kehlen, ein 400 Personen Erwachsenenchor und acht Solisten, teils abgenommen und elektronisch verstärkt. Und doch versackt diese schiere Macht und Menge zwischen Wellblechdach und Beton. An einzelnen Stellen des riesigen Raumes mag es gehen, an vielen nicht. Nur ein kleiner Frequenzbereich überträgt sich in der Halle gleichmäßig, der Klang findet einfach nicht zu einem ausgeglichenen Volumen. So kam es, dass man einzelne Solisten sehr gut, 100 Kinder dafür nicht hörte; dass man zwei falsche Einsetzer mitbekam, während 100 Instrumente ein Brei aus einer Höhle waren.
Der Ort und das riesige Aufgebot für die 1400 Gäste entstand, da Gustav Mahler für die Aufführung seiner Musik vermerkte: „Meine Sinfonien wird man in 100 Jahren in Riesenhallen aufführen, die 20.000 bis 30.000 Menschen fassen und zu großen Volksfesten werden.“ Entsprechend geriet 1910 die Premiere der Sinfonie Nr. 8 Es-Dur zu einem „Event“ in einer der neuen Hallen der Messe München mit 3.200 Besuchern. Zur damaligen Zeit eine unerhörte Zahl, vergleichbar vielleicht der gefüllten O2-Arena. Wie damals die Akustik war, ist nicht überliefert, zu groß war vermutlich die Überlagerung der Kunst durch die Masse.
In etwa dieses Gefühl hatte ich am 4. Mai in der Lausitz Arena, als das Publikum jubelnd und mit stehendem Beifall die Realisierung des 100 Minuten-Werkes würdigte.
Ein Dank und eine Anerkennung, die den Mitwirkenden und Machern auch ohne jeden Zweifel gebührt. Nicht etwa nur wegen der unerhörten Logistik und Organisation, sondern ganz besonders künstlerisch. Denn dass das riesige Ensemble nicht den von Mahler beabsichtigten perfekten Klang zu Gehör bringen konnte, lag nicht daran, dass die Musiker ihn nicht in großartiger Leistung erzeugten. Er kam lediglich durch die Umstände des Ortes nicht so zu den Ohren der Hörer, wie er es verdient hätte.
Dabei ging es beim Mahler immerhin besser (da er in einigen Arrangements kräftig zulangt), als beim einleitenden Werk von Philippe Manoury, „Melencolia-Figuren“. Die halbstündige, moderne Komposition kennt viele sehr leise und sehr besondere, zerbrechliche Passagen, die man teils nur erahnen konnte. Zudem gestört (wir bereits oft beschrieben) von unaufmerksamen Besuchern, die diese experimentelle Musik laut kommentieren, noch schnell Bonbons auspacken, sich auf den äußerst unbequemen Sitzschalen erst einmal versuchen einzurichten et cetera. So konnte sich, wie nachfolgende Gespräche ergaben, nicht nur bei mir, über die Uraufführung dieses Auftragswerk des Staatstheaters überhaupt kein Eindruck einstellen. Bleibt zu hoffen, dass es eine Aufnahme davon geben wird und man zu Hause, unter Kopfhörern, die verpasste Gelegenheit ausgleichen kann. Mit der Orchester-CD „Impulse“, die 24 vorangegangene Uraufführungen moderner Musik enthält, ging es mir so, dass deren Neuentdeckung erst möglich wurde.
Alles in Allem also „mächtig gewaltig“ mit einem lachendem und einem traurigen Auge.
Sehr schön umrahmt übrigens anfangs von einem wundervollen Sonnenuntergang und einem beeindruckendem Abendhimmel hinter den weiten Hallenfenstern.
Es sangen und spielten: Magna peccatrix – Cornelia Zink (Sopran), Una poenitentium – Debra Stanley (Sopran), Mater gloriosa – Gesine Forberger (Sopran), Mulier Samaritana – Alexandra Petersamer (Mezzosopran), Maria Aegyptiaca – Marlene Lichtenberg (Alt), Doctor Marianus – Mathias Schulz (Tenor), Pater ecstaticus – Thomas de Vries (Bass), Pater profundus – Derrick Ballard (Bass), Opernchor, Extrachor sowie Kinder- und Jugendchor des Staatstheaters Cottbus, Sinfonischer Chor der Singakademie Cottbus e. V., Kinderchöre des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums Berlin, Singakademie Potsdam e. V., Berliner Oratorienchor, Berliner Lehrerchor, Arditti Quartet, Philharmonisches Orchester des Staatstheaters Cottbus - unter Leitung des Dirigenten GMD Evan Christ.
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