Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Im Januar in Cottbus gesehen

„1984“ im Staatstheater und „KRG. Eine Heimatbetrachtung“ im Piccolo Theater

von Angelika Koch, Kultur

„1984“ Schade, da wäre viel mehr drin gewesen

Der 1949 erschienene Roman des Engländers George Orwell war für die DDR-Leser, wenn sie ihn denn in die Hände bekamen und heimlich gelesen hatten, eine erschreckende Offenbarung über das Überwachungssystem, das der „große Bruder“ Sowjetunion unter seinem Führer Stalin aufgebaut hatte und bis zu dessen Tod praktizierte.

George Orwell war 1903 in Indien geboren, später Eton-Schüler, diente danach in der britischen Kolonialpolizei in Birma, verließ sie aber nach fünf Jahren wegen deren Brutalität der einheimischen Bevölkerung gegenüber. Mit vielen Gelegenheitsjobs finanzierte er mühsam sein Leben als Journalist und Schriftsteller, engagierte sich für Arme und Schwache und kämpfte im spanischen Bürgerkrieg auf der republikanischen Seite. In England hatte die Polizei ihn schon seit 1936 wegen seiner sozialkritischen journalistischen Beiträge als Kommunist registriert. Seit die Sowjetunion mit Waffenlieferungen in den Spanienkrieg eingegriffen hatte, wurden auch in den internationalen Brigaden Säuberungen bei nicht linientreuen Kämpfern durch russische Politkommissare durchgeführt, und Orwell, Angehöriger einer kommunistischen Splittergruppe, musste sich verstecken und nach Frankreich fliehen.
In diesen Erlebnissen fußte Orwells tiefe Abneigung gegenüber dem Stalinismus. Neben anderen Romanen und Essays erschien 1945 „Farm der Tiere“, ehe 1949 sein satirischer Roman „1984“ als große Dystopie eines totalitären Überwachungsstaats herauskam.

„Big brother is watching you“ ist inzwischen ein Zitat, das auch Menschen kennen, die den Orwellschen Roman nicht gelesen oder eine der Verfilmungen gesehen haben, und sein Inhalt ist beängstigend aktuell angesichts z.B. der NSA-Affäre, die durch die Enthüllungen von Edward Snowden 2013 ausgelöst wurde.

Die Hauptfigur in Orwells Roman, Winston, lebt in Ozeanien, einem der drei Superstaaten, der in ständigem Krieg mit Eurasien liegt. Er arbeitet im „Ministerium für Wahrheit“, wo er die Aufgabe hat, Geschichte „zurechtzuschreiben“. Winston, selber Parteimitglied, ist das totale Überwachungssystem satt. Er führt heimlich ein Tagebuch, sehnt sich nach Gedankenfreiheit und einem offenen Liebesverhältnis zu Julia, die ebenfalls Parteimitglied ist. Er weiß, dass allein seine Gedanken, wie erst die heimlichen Treffen mit Julia bei Entdeckung durch die Gedankenpolizei ein Todesurteil nach sich zöge. Letztlich stellt sich heraus, dass selbst erhoffte Freunde im Untergrund Teil des Systems sind und Winston verraten. Das beklemmende Ende ist Folter und Hirnwäsche durch O’Brien, bei dem Winston sich vormals sicher war, dass der seine Gedanken und Hoffnungen teilt. Schließlich verrät Winston alles, was ihm lieb und heilig war, zum Schluss auch Julia. Er endet als gleichgeschalteter, gebrochener Mann, der nach allen Torturen nicht nur sagt, sondern auch glaubt, dass 2+2=5 ist.

Regisseur Andreas Nathusius, der 2017 am Staatstheater Cottbus einen interessanten Inszenierungseinstand mit Arthur Millers „Hexenjagd“ gegeben hatte, ist mit dem Anspruch angetreten, den vor 70 Jahren erschienenen Roman mit der Gegenwart in Bezug zu setzen. Er und sein Regieteam bieten dazu einiges auf. Zum einen ein karges Bühnenbild (Annette Breuer, die auch die Kostüme entwarf) mit einem stets anwesenden riesigen Überwachungsauge, das variabel genutzt wurde. Dazu kommen Videosequenzen (Thomas Lippick) auf mehreren Video-Projektionsflächen, „Retro-Sciencefiction“-Soundflächen, die von Felix Huber während der Inszenierung komponiert wurden (hört sich sehr bedeutend an, sind aber letztlich die Stimmung untermalende Geräusche) und sogar ein Bürgerchor (Leitung Schauspieler Michael von Bennigsen und Dramaturgin Wiebke Rüter), der im Vorfeld medial ziemlich „gehypt“ wurde.

Die fünf SchauspielerInnen Schützenberger, Gebert, Golkowski, Gollner und Schwiebert in merkwürdig anmutenden grauen Kostümen und gleichen Pagenperücken agieren auf der Bühne und sind auch immer wieder in Videosequenzen zu erleben.
Warum sich alle Figuren wie Avatare eines alten Computerspieles bewegen und keinerlei Emotionen, selbst in den Liebesszenen, zeigen dürfen, bleibt mir ein Rätsel. Nur Angst und Schmerz darf Boris Schwiebert während der Folterszenen darstellen. Der langsame, mechanische Bewegungsrhythmus auf der Bühne ermüdet mich im Laufe des Abends zunehmend. Die Schauspieler halten mit bewundernswerter Technik diesen Gestus während der gesamten Inszenierung durch. Einzig Amadeus Gollner darf in beiden Figuren, in die er abwechselnd schlüpft, die Handlung vorantreiben, und man schaut ihm gerne zu.
Da die Figuren wie Puppen agieren, kann der Zuschauer ihnen und ihrem Schicksal gegenüber kein Mitleid entwickeln.
Und was den Gegenwartsbezug betrifft: Die Handlung wird immer wieder durch Videoeinblendungen mit Interviews einiger Bürger zu ihrem Internetverhalten unterbrochen. Auch ein ziemlich langer Kantinendiskurs der Schauspieler Gollner und Golkowski über Vor-und Nachteile des Smartphones soll wohl Aktualitätsbezug vermitteln, aber es bleibt doch alles sehr an der Oberfläche und kommt recht brav daher.
Nichts davon, dass ein Edward Snowden seit fünf Jahren im russischen Exil sitzt und nach wie vor damit rechnen muss, in den USA als Verräter verurteilt zu werden. Nichts davon, dass auch Deutschland neben dutzenden anderer Staaten ein Asylgesuch des Whistleblowers aus vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem „großen Bruder USA“ abgelehnt hat. Nichts von aktuellen Vorkommen z.B. in Brandenburg, wo der bildungspolitische Sprecher der AfD ein Lehrermeldeportal für Schüler und Eltern eingerichtet hat.
Der mit vielen Vorschusslorbeeren bedachte „Bürgerchor“ stürmte dann in der letzten Minute des langen Theaterabends forschen Schrittes auf die Bühne, um uns im Agitprop-Stil eines Erwin Piscator zu beschwören, nicht zu sorglos mit unseren Daten umzugehen.

Woran liegt es nur, dass das Theater momentan „eingeschüchtert ist“, wie der große Schauspieler Jürgen Holtz in einem „Freitag“-Interview vom 17.1.19 meinte?

pictures/artikel/IMG_53258111.jpgFoto: 1984 © Marlies Kross


„KRG.“ des Piccolotheaters macht es vor


Liegt es vielleicht daran, dass man sich lieber etwas bedeckt hält, als eventuell schlafende Hunde zu wecken? Das hatte offensichtlich das Piccolotheater mit der Eigenproduktion des Inszenierungsclubs „KRG –eine Heimatbetrachtung“ getan, denn seit Herbst des vergangenen Jahres interessiert sich die AfD-Fraktion des Brandenburger Landtages verstärkt für die Kulturförderung, insbesondere auch die des Piccolotheaters. Vom Bund Deutscher Amateurtheater hatte „KRG“ den Sonderpreis für „Demokratietheater“ bekommen. Die Jury begründete ihn damit, dass das Stück „aktuelle Befürchtungen, Ängste und Unmut von Bürgern in Bezug auf die Asyl- und Migrationssituation von der ,Straße’ aufliest“ und Zuschauer „wertungsfrei“ damit konfrontiere.
Genau das war es wohl, was den AfD- Fraktionsvorsitzenden Kalbitz dazu veranlasste zu fragen, „wie viele Stücke mit dezidiert aktuellem gesellschaftlichen und/ oder politischem Bezug ähnlich dem Theaterstück ,KRG.’ in den Jahren dieser Legislaturperiode im Piccolo Theater aufgeführt“ wurden.
Als Antwort darauf wurden Mitte Januar auf Initiative der Mitglieder des Inszenierungsclubs nochmals zwei Vorstellungen der Eigenproduktion gezeigt, und das Haus war ausverkauft. Theaterleiter Drogla gab vor der Vorstellung bekannt, dass an alle Landtagsabgeordnete Einladungen zu dieser Vorstellungen versendet worden waren, und es war dann doch mehr als befremdlich, dass nicht einer der gewählten Volksvertreter der Einladung gefolgt war.
Die jungen semiprofessionellen Amateure stellten genau die Fragen und spielten sie in Gedanken durch, die so bis jetzt viel zu wenig im öffentlichen Raum formuliert wurden:
Stell dir vor, es ist Krieg, und der passiert hier, bei uns. Wohin fliehen wir? Wie wird man mit uns umgehen? Was ist Heimat?
Am Ende dieses sehr bewegenden Abends gab es stehende Ovationen, und ich ging mit einem Mehr an Gedanken und Gefühlen, die noch lange in mir nachklangen, nach Hause.

Hier habe ich sie gespürt, die Kraft, die Theater entwickeln kann. Das muss Theater leisten.

pictures/artikel/IMG_53258118.jpgFotos: KRG.–Eine Heimatbetrachtung des Piccolo Theaterjugendklubs © Michael Helbig
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus