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Gesehen: 20.000 MEILEN UNTER DEM MEER

Premiere am 14. Juni 2014, Staatstheater Großes Haus

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_87480253.jpgFast in Griffweite stehen sie in langer Reihe. Meine Jules Verne Bücher des Verlags Neues Leben aus den 70-iger Jahren. Alle damals verschlungen, mehrfach gelesen, Grundlage einer Science-Fiction-Leidenschaft, die Regale füllte, mich mit geisterhaften Eigenbauantennen-Enterprise-Westfernsehbildern fesselte und noch immer nach jeder Neuverfilmung oder Fortsetzung schauen lässt.
Tja, Verfilmung - da sind wir auch schon beim ersten Problem. Ich mag es nicht, Filme zu Büchern zu sehen, die ich in und auswendig kenne und zu denen in meinem Kopf längst eigene, gefestigte Figuren und Bilder entstanden sind. Insofern wirklich eine Ausnahme ist zumindest ein Film zum 20.000 Meilen Stoff, gedreht 1954, mit Kirk Douglas als Nad Land. Drehbuchautor Earl Felton griff an einigen Stellen zwar kräftig in die Originalhandlung ein, doch die Bilder dieses Films und einige seiner Darsteller prägten neue Nemo-Nautilus-Eindrücke. Später kam dann noch Omar Sharif hinzu, der in den 1970-igern als „Herrscher einer versunkenen Welt“ den geheimnisvollen Kapitän spielte.
Dann erfuhr ich vom Projekt des Musicals „20.000 Meilen unter dem Meer“ an unserem Staatstheater und war begeistert. Natürlich ließe sich aus diesem Stoff ein Bühnenwerk machen, mit dem man die Menschen begeistern könnte. Ein Stück, das sich lange Zeit spielen lässt und Säle füllt.
Auch Jan Dvořák bezieht sich ausdrücklich auf die 54-iger Disney-Verfilmung als Motivation dieses Musical schaffen zu wollen. Frei nach Jules Verne schrieb er Buch, Songtexte und Musik zunächst für die Uraufführung 2011 in Eisenach, passte das Ganze dann leicht an für Vorstellungen in Weimar, um das Stück nun für die große Cottbuser Bühne und die Möglichkeiten des Philharmonischen Orchesters erneut zu überarbeiten und zu ergänzen.
Das Ballett kam ganz neu ins Spiel, Choreograph Dirk Neumann, Regisseur Thomas Fiedler und Ausstatter José Luna entwarfen mit den Tänzern fluoreszierende Unterwasserwelten, ließen den Kampf mit dem Kraken ganz neu entstehen und bereicherten viele weitere Szenen.
Um musicaltypisch auch die Liebe ins Spiel zu bringen und überhaupt ein paar weibliche Elemente (Frauen fehlen bei Jules Verne) gibt Jan Dvořák Kapitän Nemo eine Tochter (Debra Stanley) und der Nautilus eine Mamsell (Carola Fischer) und einen weiblichen Maat (Gesine Forberger).
Als dann die ersten Klänge der Ouvertüre ertönen, freue ich mich, wie gut diese zur allseits bekannten Geschichte und auch den Filmerinnerungen passen. Denn es könnte ebenso gut Filmmusik sein, klassisch zwar, doch mit poppigen Anklängen. Eine elektrische Gitarre macht auf sich aufmerksam und auch ein modernes Schlagzeug. Klar wird, dass der Komponist Jan Dvořák sich mit seiner Musik deutlich von der der Massenspektakel-Musical abhebt. Was gut ist, doch auch das zweite Problem.
Professor Aronnax (Heiko Walter) eröffnet als Erzähler das Spiel, bereitet vor auf das kommende Geheimnis. Dann Vorhang auf und wir sind an Deck. Gemeinsam mit vielen Neugierigen auf Ungeheuer-Watching-Tour. Die spielerisch und gesanglich gut aufgelegten Damen und Herren des Opernchores bringen durch klug gesetzte Bewegungen wahrhaft das Schiff zum Schaukeln, so dass man sich unwillkürlich mit ihnen den Wellen entgegen stemmt.
Von vornherein befindet sich Heiko Walter in einer Paraderolle und lässt sich die Chance auch nicht entgehen, diese mit viel Charakter und Stimme zu füllen.
Soloaufgaben haben auch mehrere Mitglieder des Opernchores. Wie alle Solisten sind sie ausgestattet mit Mikroports um ihre Stimmen auch in Bewegung oder abgewandt vom Publikum zur Geltung kommen zu lassen. Doch hier sind wir bei Problem Nummer Drei.
Auf dem Schiff richtet sich die Aufmerksamkeit nun auf Ned Land, einen erfahrenen Harpunier, der allerhand echte Erlebnisse und Seemannsgarn zum Besten gibt. Bestens gespielt und gesungen von unserem zweifellos idealen Musical-Mann, Hardy Brachmann.
Alle gemeinsam erleben gleich darauf das Zusammentreffen mit dem vermeintlichen Seeungeheuer, worauf sich nach einem schönen Schiffverschwindeumbau Professor Aronnax und sein Assistent Conseil (Merten Schroedter) auf dem offenen Meer wiederfinden. Bühnentechnisch sehr gut gelöst, wie auch die folgende Gefangennahme per Eisernem Vorhang und dann - eindrucksvoll - der Nautilus.
Auch Nemos erster Auftritt macht Eindruck und sorgt für Respekt, Andreas Jäpel ist den Vorbildern der Filme durchaus gewachsen und singt ohnehin besser.
Toller Bühnenzauber entfaltet sich unter Wasser mit dem bereits erwähnten Ballett, erneut sehr schönen musikalischen Teilen und dem Chor als sirenenhaftem Hintergrundklang.
Die Handlung spitzt sich zu und mitten darin zeigt Gesine Forberger eine bemerkenswerte stimmliche Kombination zwischen Oper und Musical und viel Format als Maat. Ihr und Nemo zur Seite wirkt, mit kleinerer Aufgabe, die er jedoch gut löst, Matthias Bleidorn als Offizier.
Besonders erwähnenswert ist auch, dass Regisseur Thomas Fiedler und Ausstatter José Luna bei ihren vielen Effekten auf 100% Theater setzen und der Verlockung von Computeranimationen oder Videosequenzen widerstanden haben. Zwar wird mit Bildeinblendungen gearbeitet, doch auf besondere Weise.
Alles könnte also tatsächlich das erwartete Musical mit Hitpotenzial sein, wären da nicht diese drei Probleme. Zunächst der Herausforderung, die die Bekanntheit des Stoffes mit all den sich aufdrängenden Vergleichen bietet. Hier hat Jan Dvořák, vor allem durch seinen Schachzug Tochter eine gute Grundlage, eigene Akzente zu setzen - nutzt diese jedoch kaum. Zumindest kommt es in Cottbus nicht so heraus, was auch daran liegen mag, dass sich Debra Stanley mit dieser Rolle und dem Musicalgesang etwas schwer tut.
Dann wird ein erfolgreiches Musical von einprägsamer Musik getragen, idealerweise ergänzt durch auskoppelbare Hits. Jan Dvořák unterliegt hier im Bestreben, eben nicht klischeegerecht zu komponieren und macht Einiges einfach zu kompliziert und dadurch zu sperrig, um eingängig und mehr, als ein Achtungserfolg zu werden.
Das dritte Problem könnte ein in Cottbus hausgemachtes sein, die Klangqualität. Wie erwähnt, musiziert das Philharmonische Orchester nicht allein akustisch. Es gibt elektronisch abgenommene Instrumente und verstärkte Stimmen. Warum jedoch Marc Niemann (musikalische Leitung) der Tontechnik kaum eine Chance gibt, zwischen Originalklang und Verstärkung eine Ausgewogenheit zu finden, erschließt sich nicht. Er ist mit dem Orchester stets viel zu laut, noch ein Stück lauter klingt dann teils die elektrische Gitarre hervor oder drängt sich das Schlagzeug in den Vordergrund, die Stimmen jedoch versacken irgendwo dazwischen. Nur vermuten lässt sich, dass dieses Zusammenspiel viel zu spät mit allen Beteiligten und technischen Finessen geprobt wurde. Und zu erwarten ist daher, dass sich diese Abstimmungen im weiteren Verlauf verbessern. Denn gleich siebenmal en-suite lief das Stück im Juni, eine weitere Staffel folgt Ende August. Karten sollte man sich schnell sichern!
Denn ohne das Problem No.3 ist Jan Dvořáks Bühnenversion des großen Unterwasser-Abenteuers vielleicht kein Musicalhit, dafür jedoch durchaus eine Empfehlung für Jules Verne Fans, Freunde der Bühnenkunst und Musikliebhaber.


Foto: Marlies Kross
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