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Gesehen: DER DIENER ZWEIER HERREN

Premiere am 10. August, gesehen am 14. August 2014, Staatstheater, im Hof der Alvensleben-Kaserne

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_87482734.jpgHoch geht es her im Klein-Venedig aus Sand und Holz.
Mit dem neuen Sommertheater-Open-Air haben Regisseur Mario Holetzeck und seine Darsteller und Musiker ein im besten Sinne wahres Spektakel auf die besondere Bühne gebracht, die sich Juan León großartig erdachte und die von unseren Theaterhandwerkern äußerst fachmännisch - dem robusten Spiel, wie auch jedem Wetter trotzend - realisiert wurde.
In der Mitte eine Art BMX-Bahn, die Brücken der Lagunenstadt, viel Sand an Stelle viel Wasser; links und rechts mit je drei riesigen Schwingtüren wohl die Palazzi (hier Saloons ähnlich). Auf einem Instrumente einer kleinen Band. Und quer darüber eine Seilbahn. Eine Bahn auch unten. Schienen und ein Zugseil laufen zwischen den Bauten.
Die Zuschauer sitzen an den Seiten, sich gegenüber, wie in einer Sportarena. Was durchaus zu interessanten Beobachtungen der jeweiligen Gegenseite führt und im Spiel auch gleich zu Wettbewerben.
Denn ein großer Clownesker tritt auf: Applaus. Er wolle doch nur zur anderen Seite meint er: Applaus. Schritt, Schritt: Applaus, Applaus. Begrüßung rechts: Applaus. Begrüßung links: mehr Applaus - und schon hat er das Publikum in einem Wettstreit ums lautere Klatschen und Jubeln und auch gleich eine Mitspielerin für Sonderaufgaben ausgemacht: Veronika.
Die Stimmung ist schonmal bestens und an sich kaum noch zu verderben. Die Show kann beginnen. Gunnar Golkowski, eben dieser Große, legt sich in den Sand. Veronika ruft: „Jetzt geht´s los!“ und Truffaldino, eben Gunnar Golkowski, wird von einem Boot über den Haufen gefahren. Das fährt auf Rädern über die erwähnten Schienen durch den Sand, der nun ein Canale ist. Weil aber Sand leicht mal die Schienen verschmutzen kann, hat das Boot vor seinen vier Rädern vier lustige, rote Besen.
Lacher Boot, Lacher Truffaldino - äußerst turbulent geht es los und so bleibt es auch.
Im Boot ein Mann, der offensichtlich eine Frau ist, Sigrun Fischer (im Moment) als Federico Rasponi, wer sie wirklich ist, kommt natürlich noch heraus. Truffaldino heuert als Diener bei Federico an und hat seinen ersten Herren. Nun das Patchwork-Regenbogenfahnen-Segel gehisst und hinein nach Venedig.
In „die Stadt der ewig kackenden Tauben“, wie Michael Becker erklärt, als Gastwirt Brighella, der uns auch die beiden ersten Familien der Stadt vorstellt, die sich ob dieser unmöglichen Gleichzeitigkeit auch sofort in den Haaren liegen. Doch Stop „in the name of love“ mit dem Streit (ein musikalisch-szenischer Running Gag), statt dessen lieber „O sole mio“: Ein langer Heirats- und Handelskontrakt führt zur Verlobung von Clarice (Ariadne Pabst), der Tochter der gänzlich roten Familie de´Bisognosi, mit Silvio (Johannes Kienast), dem Sohn der vollkommen weißen Lombardis.
Schwarz darin Truffaldinos erster „Herr“ und Schwarz der zweite, ein weiterer Fremder, der die Stadt erreicht, Florindo Aretusi (Michael von Bennigsen).
Genug der Beschreibung des Geschehens. Schon hier lässt sich erahnen lässt, wieviel Spiel(!) raum für Durcheinander und Verwechslungen Goldonis Stück bietet, das als Höhepunkt der Commedia dell’arte gilt. Und diese wiederum fordert nicht nur Handlung, sondern Improvisation - und die überall versteckten oder auch mal deutlichen Improvisationen sind es auch, die diese Inszenierung zum Erlebnis machen und vergessen lassen, dass das Ganze auch mal droht in Längen, im Trubel oder im Treibsand zu versinken.
Es brennt geradezu ein Wettbewerb der unerwarteten Spitzen, Seitenhiebe und Schlagfertigkeiten - und mehr als einmal schaffen es die Darsteller ihre Mitspieler um Fassung ringen zu lassen, während die Zuschauer Tränen lachen. Ohnehin wird das Publikum immer wieder direkt einbezogen oder angesprochen.
Besonders ist es der Abend des Gunnar Golkowski. Wie er zwischen zirkusreifer Clownerie und Schauspielkunst wechselt, hinreißend charmant sowohl Regieidee, wie spontane Aktion gestaltet, ist sein Meisterstück.
Köstlich ist Michael Becker als umtriebiger Gastwirt und mit seinen Zwischenspielen.
Im besten Sinne gereift ist Ariadne Pabst die laute und leise, schrille und stille Facetten ganz wunderbar gestaltet.
Oliver Breite und Amadeus Gollner zeichnen ihre rote-weißen Familienoberhäupter mit so menschlichen und so schön überzeichneten Marotten. Mit Spielfreude, Witz, Spontanität und sympathischen Eigenarten ihrer Figuren zeichnen sich ebenso Heidrun Bartholomäus, Sigrun Fischer, Johannes Kienast und Michael von Bennigsen aus.
Schauspielkapellmeister Hans Petith hatte die musikalische Leitung seiner Band & Akustikgruppe mit Lu Schulz und Dietrich Petzold die sich mit Pfeifenrauch tapfer der Mücken erwehrte und dem Treiben einen idealen Klangteppich lieferte.
Zwölf Mal en suite lief diese schöne Sommerunterhaltung im August, wünschen wir dem Stück einige weitere Staffeln, der nächste Sommer kommt bestimmt.


Foto: Marlies Kross
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