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Der Ikarus vom Partwitzer See

Das Seenland-Festival 2013

von Jens Pittasch, Kultur

Sie flogen hoch, die Träume(r) in Hoyerswerda und verbrannten sich die Flügel. Allerdings nicht die eigenen, sondern die der Allgemeinheit. Denn die hohen Verluste lasten auf kommunalen Gesellschaften und fehlen für andere Vorhaben. Sven Tietze ist Geschäftsführer der Lausitzhalle, einer Tochtergesellschaft der Städtischen Wirtschaftsbetriebe Hoyerswerda. Sein Veranstaltungshaus schreibt seit der Wende rote Zahlen, 1,7 Millionen Euro Minus waren in diesem Jahr bereits kalkuliert, daraus werden nach dem Seenland-Festival 4,2 Millionen.
Nur - sollte uns denn die Gefahr, dass etwas schiefgehen könnte, davon abhalten, etwas zu versuchen? Etwas Großes zu versuchen? Einen ökonomischen Befreiungsschlag? Mit einem Festival für 90.000 Besucher und mit dauerhafter Werbewirkung für eine ganze Region.
Denn von diesen fast 100.000 Gästen ging Sven Tietze aus, als er die kommunalen Verantwortlichen begann, von seiner Idee zu begeistern. Entsprechend ging es nie darum, zu kleckern, es wurde geklotzt. Die Tourbühne der Toten Hosen und die Band selbst wurde gebucht, dazu David Guetta, Ich+Ich und Die Fantastischen Vier; Legenden, wie OMD und The Boomtown Rats mit Bob Geldof. Acht weitere Acts komplettierten ein Programm der Extraklasse, ein Line-up für drei Tage, das in dieser Kombination seinesgleichen sucht und das allemal für - nun sagen wir 70.000 Besucher gut ist.
In Erwartung dicker Anreisestaus fuhren wir zeitig los am Samstag. Einen DJ, der einen USB-Stick einstöpselt und dafür bis zu 175.000 Euro kassiert wollten wir uns klemmen (D.Guetta am Freitag). - Die Wegführung zum Festivalort begann zeitig und vorbildlich: Schilder, Ordner, Richtungstrennung, regulierte Geschwindigkeit, kurzer Halt für drei Euro Parkgebühr, Stellplatz gefunden. Erfreulich für uns, doch bereits verwunderlich: Wir trafen kaum auf ein weiteres Fahrzeug, auch auf den Parkwiesen überwiegend grüne Weite, wenig Blech.
An der Anmeldung kein Warten, dafür freudige Begrüßung. Dann ein weiter Weg rund um einen Zeltplatz (mit viel Platz), vorbildlich mit großem Sanitärtrakt, zusätzlich Dixies überall, Lichtmasten und dicke Stromaggregate. Ein breiter Einlass, nun schon erwartet ohne jeden Stau, ein Festgelände mit eher vereinzelten Gästen aber auch auf keinen Fall mit Platz für Zehntausende.
Für die, die kamen, war es ein Festival an einem wunderbaren Ort (der See nur leider nicht nutzbar sondern kilometerweit umzäunt) bei großartigem Wetter und mit der Chance, tollen Bands sehr nahe zu kommen. Auch die Versorgung zwischendurch war kein Problem, so wenig, wie die Abreise. Dies alles aber „dank“ der geringen Besucherzahl und auch für uns mit der Frage verbunden: Wie soll sich das tragen?
Schon am Ende der Vorbereitungsphase hatten die Veranstalter ihre Erwartung auf 40.000 Gäste korrigiert und das Gelände dann für 15.000 gleichzeitige gebaut. Doch gekommen sind nur 18.000 - an drei Tagen. Andere Quellen meinen 22.000, am Verlust ändert das nichts.

Ebenso hart erwischte es die zeitlich am gleichen See durchgeführte Seenland-Messe. Extra aus Hoyerswerda dorthin übersiedelt, um eine gegenseitige Bereicherung zu bringen, gingen diesen Weg nur 50 der in Vorjahren 140 Aussteller mit. Und die Brandenburger einzubeziehen hatte man irgendwie komplett vermasselt, wodurch es zwar Cottbuser Eisverkäufer, jedoch keine Brandenburger Firmen und generell nur wenige Besucher gab. Festivalgäste dürften, trotz auch dafür geltender Eintrittskarten, nur eine Handvoll zur Messe gekommen sein. Der Fußweg - zwar am See, aber halt am Zaun entlang und zirka 2,5 Kilometern weit, in strahlender Julisonne - verhinderte das.

Womit wir bei der Frage nach dem Weitermachen und nach Veränderungen sind.
Klar wäre es eine tolle Sache, so ein Seenland-Festival. Doch wie hatte es Dädalus seinem Sohn Ikarus versucht klarzumachen: Er sollte nicht zu hoch und nicht zu weit fliegen. Genützt hat es nichts, Ikarus wurde übermütig und stürzte ins Meer. - Übermut dieser Art war jugendlicher Leichtsinn und endete tragisch. Auch im geschäftlichen Bereich muss es die Bereitschaft zum Risiko geben; Unternehmer, die Neues wagen und die mutig sind.
Doch überträgt man das auf die Veranstalter des Seenland-Festivals ergibt sich ein wichtiger Grund des wirtschaftlichen Scheiterns: Diese Veranstalter sind keine Unternehmer, sie tragen kein eigenes Risiko, sie arbeiten nicht mit eigenem Geld, sie sind keine Fachleute für dieses Geschäft - und gerade daher neigen sie zu unkalkulierbarem Leichtsinn.
Das Seenland-Festival sei als Investition in die Region zu verstehen, hatte Sven Tietze seine Pläne verteidigt. Nicht der Gewinn habe im Vordergrund gestanden, sondern die Werbung für das Seenland. Im Ergebnis steht eine „Werbung“ mit 2,5 Millionen Euro ungedeckten Kosten.
Man kann diese aber auch umrechnen als Zuschuss von knapp 140 Euro für jeden Besucher. Wenn nun jeder davon mit einem guten Eindruck nach Hause gegangen ist und diesen weitergibt, so dass im nächsten Jahr möglicherweise 20.000 Besucher zu einem kostenbewusster von Profis geplanten Festival kommen - und einige andere auch ins Seenland fahren für Ausflüge, ist das Geld vielleicht doch nicht so schlecht investiert.
Bezieht man dann noch Brandenburg ein, immerhin gleich am anderen Seeufer gelegen, werden es bald 30.000 Gäste und das Minus ist ausgeglichen.
Auf die Entscheidung der Verantwortlichen sind wir gespannt.
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