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Gesehen: Das Alice-Projekt

Theater an der Wendeschleife, Premiere im Gladhouse, 20. August 2013

von Jens Pittasch, Kultur

Aus einer Schule kommt das beständigste, freie Jugendtheater unserer Stadt. Vor mehr als zwanzig Jahren entwickelte Angelika Koch mit engagierten Jugendlichen ihres Deutschkurses das erste Stück zu einer Geschichte, die wohl jeder kennt oder zumindest von ihr gehört hat: Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ ist ein Buch über Selbst- und Welterkenntnis, über Freundschaft und Moral und zugleich auch eine Kritik am Verfall solcher Werte.
„Warum sollen wir vor einem Hut Angst haben?“, ist die Gegenfrage des Erwachsenen an das kleine Kind, das ihm ein selbstgemachtes Bild zeigt. Doch auf dem Bild hat es eine Riesenschlange gemalt, die einen Elefanten verdaut.
Alles ist eine Frage der Betrachtung und vor allem der Phantasie. Wir sehen nicht die Welt, die da ist, sondern die wir - jeder anders - interpretieren.
Dieser Bogen schließt sich nun für Angelika Koch nach 20 Jahren mit dem „Alice-Projekt“. Denn es kann gut sein, dass dies ihre letzte Inszenierung ist, zumindest als Mitarbeiterin im Schuldienst. Was das für die Arbeit der Theatergruppe bedeutet, ist noch offen. Es gibt einerseits eine junge Mitstreiterin, Manuela Pohl, andererseits wurde durch die Verkürzung der Schulzeit auf 12 Jahre die Theaterarbeit ohnehin sehr schwierig. Die Stoffdichte stieg, Stunden wurden von „Nebenfächern“ wie DS abgezogen, es gibt mehr Hausarbeiten, . . .
Und doch gelang dieses neue Stück, „Das Alice-Projekt“, eine Reise in das Unterbewusstsein von 13 Versuchsteilnehmern im Traumlabor des Doktor Cobb.
Nur ganz entfernt angelehnt ist diese Arbeit an Lewis Carrols Buch „Alice im Wunderland“. Die Theatergruppe verwendet Zitate, wie das weiße Kaninchen, den Raum mit all den Türen, die Grinsekatze und einiges mehr als Rahmen und gleichermaßen Verdeutlichung der Suche ihrer Handelnden. Im Mittelpunkt steht die Frage: „Wer bin ich?“
Gespielt wird der spannend inszenierte Weg zu Antworten in einem Gladhouse der verkehrten Welten. Die Zuschauerreihen streben von der Bühne aus in den Saal und brechen damit die vorgegebene Ordnung auf. Wo sonst getanzt wird, in der Ebene unter den Zuschauern, ist die Spielfläche. Dreizehn Hulahupp-Reifen liegen dort und Kissen, aus Stoffbahnen. Und es wurden Auftrittsgassen gehangen, ganz, wie im richtigen Theater.
Doch bevor jemand auftreten kann, verzögert sich der Beginn etwas durch den großen Besucherandrang. Es ist ausverkauft und draußen stehen noch Wartende. Die Gladhouse-Verantwortlichen erlauben das Zusammenrücken, alle finden Platz. Während sich die Gäste noch ordnen schlürft bereits eine Gestalt im weißen Kittel über die Bühne, schweren Schrittes, gestützt auf einen Schirm, dirigiert den einen oder anderen Zuschauer damit zu einem freien Platz und bringt ansonsten schön symmetrische Ordnung in Ringe und Kissen.
Er ist Traumforscher und „der Doktor im Haus“ erfahren wir, zu jedem der kleinen Lager ruft er eine seiner 13 Testpersonen. Wie bereits in der letzten Inszenierung, "Der goldene Drache" 2012, sind es nicht mehr nur Schüler, die hier spielen. Möglicherweise deutet die Erweiterung um Studenten, Azubis, einen Altenpfleger, eine Referendarin und eine Seniorin ja bereits darauf hin, wie es doch weitergehen kann, mit dem Theater.
Denn schnell wird klar: Hier passiert Theater. Theaterspiel auf hohem Niveau. Klar gibt es einige typische Elemente des Gruppenspiels, jedoch von jedem im Kontext des Stückes verwendet, verwandelt und individuell mit Nachdruck, Konzentration und Hingabe gestaltet.
Die Alice-Figur wandert zwischen mehreren Darstellern und gewinnt mit jeder weitere Ebenen. Und wer gerade noch Hauptrolle war, ist vielleicht gleich darauf ein überzeugendes Wunderland-Fabelwesen der zweiten Reihe, doch mit besonderer Macke und eigenem Charakter. Jedes toll gestaltet mit sehr viel Freude, der man den Fleiß der Erarbeitung (was gut ist) jedoch nicht mehr ansieht.
Ton, Licht und Ausstattung verdienen ein ganz eigenes Lob. Auch hier: Theater!
Die Möglichkeiten des gastgebenden Hauses werden ideal eingesetzt und mit eigenen Mitteln sehr gut ergänzt. Sie bieten Betonung, setzen Spannung und ergänzen das Spiel der Charaktere.
„Wer nicht weiß wohin, für den spielt es keine Rolle, welchen Weg er geht.“, heißt es an einer Stelle. Diese hier sind auf einem schönen Weg. Und im Erwachen und Erwachsen-Werden, ganz gleich, ob Rolle oder Leben, finden sie die Erkenntnis, dass es den einen Weg nicht gibt. Das nahezu jeder der richtige sein kann und auch die Kategorisierung in Richtig und Falsch sehr relativ ist.
Wer die leider nur die eine Vorstellungsreihe Ende August verpasst hat, dem sei geraten, die Macher via Facebook zu beobachten und zu weiteren Aufführungen zu ermutigen: facebook.com/tadw.cb.
Es spielten unter Leitung von Angelika Koch und Assistenz von Manuela Pohl: Christopher Pape, Jutta Fister, Shary Gajardo, Marvin Götze, Mandy Henkel, Viviane Lange, Dorothea Lehmann, Sarah Lemke, Verena Mauß, Eric Müller, Laura Scholz, Benjamin Sult, Saskia Wacke und Amely Wittig.
Es wäre schön, gut und wichtig, dass es für sie und uns Cottbuser weitergeht.
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