Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Gesehen: Der Besuch der alten Dame

Freie Waldorfschule Cottbus, 12. Klasse, 17. September, Premiere im Gladhouse

von Anika Goldhahn, Kultur

Wie viel ist Gerechtigkeit wert? Wie korrupt und beeinflussbar sind wir, wenn es um Geld geht? Und welche Schuld trägt jeder einzelne von uns? Diese Fragen und mehr stellten sich die Schüler der Freien Waldorfschule Cottbus. Die 12. Klasse brachte Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ auf die Gladhouse-Bühne.
Diese verwandelt sich zunächst einmal in einen Bahnhof, auf dem die Güllener ganz aufgeregt auf ihre alte Dame – die Frau Claire Zachanassian – warten. Sie ist Milliardärin und soll die Wirtschaft der verarmten Kleinstadt wieder ankurbeln. Dass die Einwohner Güllens die junge Claire, hochschwanger und entehrt, vor vielen Jahren selbst aus der Stadt verjagt haben, ist jedoch in Vergessenheit geraten. Die alte Dame weiß dies aber noch ganz genau.
Ihr damaliger Freund Ill erkannte die Vaterschaft ihres Kindes nicht an, was dazu führte, dass Claire erst ihr Kind und später auch ihre Würde durch die Prostitution verlor. Aus der Gosse emporgestiegen und zur reichsten Frau der Welt verwandelt, macht sie den Güllenern ein unmoralisches Angebot: „Ich gebe euch eine Milliarde und kaufe mir dafür die Gerechtigkeit.“ Sie fordert den Tod von Ill. Gerechtigkeit oder Moral? Gutes Gewissen oder Wohlstand? Wie werden sich die Bewohner der verwahrlosten Kleinstadt entscheiden? Und wie gehen die Medien mit den Ereignissen um?
Gesellschaftskritischer geht’s kaum. Die Tragikomödie wurde 1956 zum Welterfolg, ist heute aber aktueller denn je. Immer wieder erkennt der Zuschauer heutige Probleme im Stück wieder und kommt nicht um die Frage herum: Was würde ich tun?
Es war keinesfalls der erste „Besuch der alten Dame“ in Cottbus, doch sicherlich der beeindruckendste. Mit Hilfe einer wunderbaren Umsetzung wurden Tränen gelacht und Tränen geweint. Es wurde schockiert und empört. Es wurde nachdenklich gemacht. Vor allem aber wurde unterhalten – mit einem schauspielerischen Talent, dass allen, aber wirklich allen Schülern der 12. Klasse der Waldorfschule innewohnt. Hier Namen hervorzuheben wäre unverschämt, ist es doch unmöglich ein Talent über das andere zu stellen. Faszinierend war auch das von den Schülern selbst gebaute Bühnenbild, das durch seine minimalistische Art äußerst kreativ und variabel zum Einsatz kam. Dies alles wäre aber nicht ohne die Unterstützung aller Schüler, Lehrer, Eltern und Sponsoren möglich gewesen. Die Theaterprojekte der Cottbuser Waldorfschule zeichnen sich dadurch aus, dass sie durch den Gemeinschaftszusammenhalt auf die Beine, und letztendlich auch auf die Bühne, gestellt werden. Eine Gemeinschaft, die Hoffnung gibt, etwas zu bewirken – auch ohne Besuch einer alten Dame.
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus