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Gesehen: CARMEN

Staatstheater Cottbus, Großes Haus, Premiere 11.10.2013

von Christiane Freitag, Kultur

Georges Bizets „Carmen“ – wohl geläufigste Assoziationen: rassige Zigeunerinnen, dramatisch-verhängnisvolle Liebeleien und Schwärmereien, heiße Tänze alles in spanischer Kulisse. Carmen ist eine der meistgespielten Opern überhaupt, kaum zu glauben, dass sie anfangs in ihrer spießig-biederen Entstehungs- und ersten Aufführungszeit um 1875 wenig erfolgreich war. Erst Monate nach der Uraufführung in Paris gelang Carmen in Wien der Durchbruch auf dem Weg zum erfolgreichen Opernklassiker.
Doch genug des Exkurses, denn all das kann man angesichts der Cottbuser Carmeninszenierung (Regie und Bühne: Matthias Oldag) getrost vergessen. Carmen ist hier im modernen Spanien verortet. So wundert man sich angesichts der Eröffnungsszene schon stark wo hinein man hier geraten ist. Typische Bilder aus Krisengebieten – ausgemergelte Gesichter, Leichen, Kampfgefechte, Not und Elend - flimmern als Projektion über den Gazevorhang, Männer in amerikanischer Armeeuniform postieren sich im Grenzgebiet, verängstigte, in Burkas gehüllte Frauen kauern am Bühnenrand (Männer und Frauen des Opernchores sowie des Extrachores des Staatstheaters; Kostüme: Barbara Blaschke). Einzig und allein ein überdimensional, über all den Soldaten und Burkas prangender Stier erinnert hier an die ursprünglich spanische Szenerie. Er ist rot. Leidenschaftlich rot wie die Liebe. Blutrot wie der Krieg (Bühnenbildrealisierung: Hans-Holger Schmidt). Es herrscht ungeordnet-unbeholfenes Gewusel auf der Bühne: zunächst necken Kinder (Kinder- und Jugendchor des Staatstheaters) die Soldaten, anschließend erwarten selbige mit typisch männlicher Gier die Pause der Zigarettenfabrikarbeiterinnen. Bis dahin wirkt das Spiel der Menge recht steif und wirr, um nicht zu sagen konzeptlos. Das, in Kombination mit der Tatsache, dass es sich offensichtlich um eine freie und moderne Inszenierung handelt, lässt mich Böses erwarten… bis schließlich Carmen (Marlene Lichtenberg) die Bühne betritt und wie magisch Licht ins Dunkel bring. Sie bringt Substanz und Konzept ins Wirrwarr. Das Charisma der Marlene Lichtenberg, es erzeugt die gerade eben noch vermisste Ordnung, zieht alles in seinen Bann. Es gibt zwar für keine Rolle der Welt die ideale Besetzung. Marlene Lichtenberg jedoch ist wirklich, wirklich nah dran. Sie macht sich die Rolle zu Eigen, verleiht ihr ihre unverwechselbare Note. Sie brilliert. Magisch der Moment als sie auf José (Jens Klaus Wilde) trifft. Für einen Moment bleibt die Zeit stehen. Tief schauen sie sich in die Augen. Es ist um beide geschehen. Jens Klaus Wilde windet und singt sich der Carmen verfallen (trotz Verlobter Micaela, Gesine Forberger, die aus ihrer kleinen Rolle eine große macht ) in seiner Rolle leidenschaftlich fast um den Verstand. Vergeblich! Entraubt ihm Escamillo (James Roser, stimmlich leider etwas dünn) später doch beides – Frau und Verstand. Zu allem musiziert das Philharmonische Orchester unter Leitung von Marc Niemann präzise und eher munter.
Das Drama nimmt fortan seinen Lauf und schließlich ein böses Ende.
Nun sind moderne Inszenierungen prädestiniert zu polarisieren, die einem mögen sie, die anderen hassen sie. Dieser Inszenierung dürfte das nicht so gehen, verbindet sie ihre modernen Elemente mit traditionellen, ist also nicht gänzlich verfremdelt. Sie enthebt die Carmen ihres ursprünglichen Orts und platziert sie im heutigen Schmuggler-Milieu, wie es sich in afrikanahen Regionen Spaniens finden lässt. Eine geradezu geniale Inszenierungsidee. Die Parallelen sind bei genauerem Hinsehen offensichtlich - eigentlich verwunderlich, dass nicht eher jemand auf diese Idee kam. Diese Modernisierung ist keinesfalls zu dominant, behält einige „carmentypische“ Elemente bei und kreiert bzw. erfindet einige andere neu. So dass dies eher im Gegenteil für die nötigen Ecken und Kanten sorgt, die diese Inszenierung einzigartig machen. Die Oper erhält durch viele kleine und fein-dezente Inszenierungseinfälle ihren ganz besonderen Charakter um nicht zu sagen Charme. So zum Beispiel zu sehen in den Figurenkonstruktionen von Dancaїro (Heiko Walter) und Remenados (Hardy Brachmann) – den Schmugglern – in dieser Inszenierung dargestellt als „Gangsterrapper“(besonders Hardy Brachmann gelingt hier eine originelle Darstellung). Oder aber in der doppelten Handlungsebene, die sich ergibt wird der Gazevorhang mit parallelen, aber auf der Bühne nicht darstellbaren Ereignissen bespielt.
Die Carmenoper in ihrer Vielgespieltheit wird so zu einem ganz neuen Erlebnis. Matthias Oldag und Team schufen dafür die perfekte Balance aus modernen und traditionellen Elementen, spitzfindig-genialen Inszenierungsideen und zeigen so die Carmen von einer ganz anderen Seite. Unkonventionalität in ihrer Bestform.
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