Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Gesehen: LE SACRE DU PRINTEMPS. FRÜHLINGSWEIHE

Premiere am 27. September, gesehen am 4. Oktober 2013, Staatstheater, Kammerbühne

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_23658555.jpgVor 100 Jahren hatte Igor Strawinski nicht daran gedacht sein Werk, als Urheber, international schützen zu lassen und musste so hinnehmen, dass die Walt Disney Studios, für eine Filmfassung 1938, gut die Hälfte der Komposition strichen.
Es ist anzunehmen, dass ihm jedoch die Überarbeitung sehr gefallen hätte, die „Le sacre du printemps“ zur Cottbuser Aufführung szenisch und klanglich erfahren hat.
Lars Scheibner (Choreographie, Regie, Libretto) und Jacob Steinberg (Dramaturgie, Libretto) nahmen die Jahreszeiten aus dem Spiel und verlegten alles in eine Endzeit. Statt eines Opfers im zweiten Teil sind alle Menschen bereits (sich selbst?) zum Opfer gefallen, all ihre Kleider bilden ein Meer der Lumpen, das den Raum bedeckt und im Hintergrund das Halbrund einer (Welt?-)Kugel.
(Bühne und Kostüme: Robert Pflanz)
Das alles können wir im Dunkel mehr erahnen, als sehen, kurz nachdem uns ein Schreck durchfahren ist (dessen Ursache hier verborgen bleibt). Noch davor, im Foyer, gab es einen Vorspann, eine Einführung ins Stück mit Lars Scheibner und dem Cottbuser Ballettmeister Dirk Neumann, verbunden mit einer Einladung auch zum Nachspann. Da ich meine Eindrücke gern pur und wirken lasse, kann ich diese Angebote zum Gespräch zwischen Machern und Gästen nicht beschreiben.
So sitze ich also dieser Unmenge an Kleidungsstücken gegenüber und muss unwillkürlich an die „Kinderschuhe aus Lublin“ denken, auch wenn es da vorn Schuhe gar nicht gibt: „Zu hundert, nackt in einer Zelle, / ein letzter Kinderschrei erstickt.... / Dann wurden von der Sammelstelle / die Schuhchen in das Reich geschickt.“ (Auszug, Gedicht von Johannes R. Becher)
Aus dem Dunkel all der Sachen blinkt es bunt, während die Töne einer Klangperformance (Thomas Sander) die Frage stellen, ob wir - und die langsam sichtbar werdende Person - gerade aus oder in einem bösen Traum erwachen. Das Blinken ist ein elektronischer Hund, ein Spielzeug, ein ´Schuhchen´ ...
Vom Beginn der Bewegung dieses Einzelnen an wird deutlich, was im Verlauf der Inszenierung immer weiter an Kraft gewinnt - eine große Ausdrucksstärke jedes Tänzers; unerkennbar als Person und kaum als Mensch haben sie nichts, als ihren Körper.
Dieser Erste (oder Letzte?) kommt mit Hilfe eines mystisch leuchtenden Atemgerätes wieder ins Leben, findet Andere und belebt auch sie. Als all die Lumpen von ihnen abfallen und von der Szenerie zugleich, bleiben schmutzig-nackte Wesen - und - in einer anderen Welt, unter metallener Kuppel, am strahlenden Flügel in orangenen Laboranzügen, zwei Pianisten. Dieser faradaysche Käfig schluckt die schädliche Strahlung der Außenzone, schleudert die Töne des Klaviers jedoch hinaus: „Le sacre du printemps“, vierhändig, live - spektakulär, faszinierend, ungewohnt. Na und? Gut so, sehr gut!
Und die Herausforderung für Tänzer, Musiker und Publikum nimmt nun erst richtig Fahrt auf. Eine Augen- und Ohrenweide. Wunderbar. Dies ist kein Ort für Einzelleistungen, dafür aller zehn Akteure. Ausdrucksvoll tanzend Jennifer Hebekerl, Inmaculada Marín López, Denise Ruddock, Venira Welijan, Juan Bockamp, István Farkas, Stefan Kulhawec und Jason Sabrou; virtuos musizierend Saessak Shin und Christian Georgi - gemeinsam, mit dennoch vielen Einzigartigkeiten und Außerordentlichem. Spiel und Tanz, Ausdruck und Klang wogen hin und her zwischen Überleben und Vergehen, Ausbruch und Verzweiflung - und überlassen das Ende (oder den Anfang?) der Interpretation jedes Zuschauers.
Vorsicht! Anders! - Danke!


Foto: Marlies Kross
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus