Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Gesehen: 1. Philharmonisches Konzert

Staatstheater Cottbus, Großes Haus, 22. September 2013

von Jens Pittasch, Kultur

Wahlabend. Gerade flimmerten die Prognosen über die Bildschirme, wenn wir nach Hause kommen, wird das Ergebnis feststehen. Anstelle Diagramm-RealTime werden wir Klassik genießen und uns entspannen. - So die Idee.
Nun, mit der Entspannung wurde es nichts. Mit dem Genuss schon, wenn man diesen auf die musikalische Handwerkskunst des Philharmonischen Orchesters bezieht - und auf ausgewählte Teile des Programms. In das führt uns Generalmusikdirektors Evan Christ mit dem Hinweis ein: Es wird laut und wir erreichen die akustischen Grenzen des Hauses.
Zunächst aber beginnt es zart und ruhig - für wenige Takte. Dann erhebt ALEXANDER SKRJABIN mit seinem „Le Poème de l’extase“, op. 54, das erste Mal deutlich eine musikalisch vielfältige Stimme. Nein Stimmen sind es, eine Stimmungsvielfalt, begleitet von einem permanenten, stets schwingenden Grundton der Schwermut und Zurückhaltung - den erwachenden Mut immer wieder schluckend. Aus dieser Situation heraus die Ausbrüche fast unkontrolliert, mit starkem Eigenleben, mit anderen, eigenen Ambitionen - die eingangs erwähnten Pegel antestend - fast pyroklastisch die vorherige Mäßigung verdeckend; doch nein, es bleibt ein Aufbäumen. Neu bauen sich, klein, doch mit weniger Fragen beginnend, kraftvolle Harmonien beeindruckend auf. Sie stehen im Wechselspiel mit Abschnitten, die kleine Tänze sein könnten, dann jedoch zum Lautstärketest-No.2 führen, bis hin zum imposanten Finale.
Aus dem Programmheft erfahren wir, dass es Alexander Skrjabins eigentliche Absicht war, in in einem eigens zu bauenden Tempel in Indien ein mehrtägiges „Mysterium“ aufführen, das die Anwesenden durch Wort, Ton, Farbe, Duft, Berührungen, Tanz und bewegte Architektur in Ekstase versetzen sollte. Doch eine Blutvergiftung beendete sein Leben zu zeitig.

Der Konzertabend geht weiter, mit „Mysterious Malika“: Die Reihe der im Auftrag des Staatstheaters geschaffenen Uraufführungen wird auch in der neuen Saison fortgesetzt. MALIKA KISHINO komponierte „Zur Tiefe“ und entführt mit dessen Klängen in mystische Tiefen, so die Ankündigung. Das Stück beginnt, wie von einem der modernen Werke inzwischen leider erwartet. Fistelnde Streicher, allerlei andere Laute, Schlagzeug und Schläge auf Metall, ein jazziges, allstimmiges Durcheinander, das schon allein deshalb nicht „Zur Tiefe“ führen kann, da es deren Eingang mit Effekten verstopft: Tinitusfiepen, wieder Gefistel, Surren und Brummen - den Musikern wird einiges abverlangt. Was immerhin bemerkenswert klingt und in dieser Meisterschaft auch seinen ganz eigenen Reiz findet.

Zu Teil-3 des Abends zitiert das Programmheft eine Quelle, die auf ganz andere Weise bemerkenswert in ihrer Qualität ist: „KrisKringle14“ auf Youtube. - Kein Scherz!
Ich wüsste zu gern, was Komponist WOLFGANG RIHM dazu meint, um dessen Stück „Lichtes Spiel“ es geht. KrisKringle14 .... liebe Studierende, wenn mal wieder ein Professor die Relevanz Eurer Zitate kritisiert verweist auf diese Weihe der Hochkultur.
Da ich nicht wiederholen mag, was dieser Webexperte vermerkte, hier mein eigener Eindruck. Zunächst: Eine Solistin in Orange tritt auf, Tianwa Yang - Violine. Hinter ihr in kleiner Besetzung das Orchester, die Streicher, wenige Bläser.
Wolfgang Rihm´s „Leichtes Spiel“ vermittelt Ruhe, ist eher getragen, wären nicht die hineingewobenen Finessen, die zwischen Ensemble und Solistin schwingen und für deren Interpretation Tianwa Yang ganz sicher eine herausragende Wahl ist, wenngleich mir selbst für eine Beurteilung genau ihres Könnens schlicht der Vergleich fehlt.
Die Komposition kommt ganz ohne die musikalischen Kraftausdrücke der vorangegangenen beiden Werke aus, ist geradezu etwas müde ... nein, schön ruhig, meditativ fast über längere Zeit, mit einem geheimnissvollen Schluss.
Nur mit einer Zugabe entlässt das erfreute Publikum die Solistin in die Pause.
Zu Beginn schrieb ich, mit der Entspannung wurde es nichts. Der Grund dafür liegt im abschließenden Teil des Abends konkret und in der sich auch daraus ergebenden Gesamtlänge allgemein.
DMITRI SCHOSTAKOWITSCH wird nachgesagt, in seiner Musik die „Geheimgeschichte Russlands“ zu erzählen. Noch weiter fassen das andere und sprechen vom „apokalyptischen Soundtrack zum 20. Jahrhundert“. Immer geht es um den Kampf zwischen dem Guten und einem sehr kraftvollen Bösen. Und so richtig weiß man hinterher nicht, wie es ausgegangen ist. Wohl, weil es einfach noch nicht vorbei ist.
Die Anfänge der Sinfonie Nr. 7 C-Dur op. 60 liegen VOR dem Juni 1941. Das zu wissen ist wichtig, denn später wurde aus dem Werk „Die Leningrader“ und Schostakowitsch selbst nährte den Mythos der Komposition unter Bombenbeschuss. Dabei waren er und das Orchester des Bolschoi-Theaters nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion nach Kujbyschew ausgeflogen worden waren, 1.800km entfernt.
Doch Schostakowitsch lebte in einer Zeit, in der es besonders vorteilhaft war, Erwartungen der Partei- und Staatsführung zu erfüllen - sich also mit Opportunismus bis Andienerei auf der einen Seite kleine Freiheiten auf der anderen zu schaffen. Schostakowitsch´ Ausdrucksmittel aber war die Musik, lasse ich also seine eigenen und die ideologischen Ausdeutungen anderer beiseite und schreibe über das, was ich höre: Der Beginn ist gefällig, daher auch irgendwie nichtssagend. Beginnt hier der Anspruch zu wirken, den Evan Christ mit seiner Erziehung zu neuen Klanggewohnheiten in mehreren Jahren geweckt hat?
Kleine Solis von Flöte und Geige ertönen nun, etwas plakativ auf einem getrommelten Grundton. Ein gesetzter Teil folgt und spiegelt Anspruch vor, der zugleich in einer einfallslosen Motivwiederholung steckenbleibt, was durch zunehmende Lautstärke nicht besser wird - wie große Wahlplakate nur die Inhaltslosigkeit kleinerer betonen.
Gerade in der Pause haben wir erfahren, wie inhaltsleerer Populismus und Plakativität beim überforderten Wähler wirken (zur Erinnerung, es ist Wahlabend).
Und irgendwie klingt für mich der Beginn dieser 7. Sinfonie nach einem lustlosen Komponisten, der sich sagte: ´Euch zeige ich´s mal.´ Der mit einem Motiv, copy ´n´ paste, zeilenlang, dabei immer noch ein paar „ff-ff-ff“ mehr an deren Beginn - während der Kopierer läuft noch einen Wodka - wilde Spiegelblicke zum eigenen, verzerrt-hämischen Grinsen sendet. Viel hilft viel, dann Abwechslung für Arme, in Form: „leise, Gas raus“, fügen wir mal Holzbläsertupfer ein, dann Schmachtgeigen, dazwischen Blechblas-Tönchen, die Geigen nun zögerlich, dann klappert die Trommel wieder. Der Kopierer ist fertig, nächster Satz.
Dessen erste Takte bleiben der Schlichtheit des Werkes treu. Als E-Musik getarnte U-Musik die nun immerhin beginnt, die warum auch immer gesetzten Grenzen zu hinterfragen. Leider schleichen sich hierbei, im ansonsten so präzis-kunstvollen Spiel unseres Orchesters einzelne Unsauberkeiten ein.
Ein Satz schließt sich an, der in seinem Aufbäumen von langer Ruhe endlich das thematisch Seichte abwirft und den Musikern, angeführt von Evan Christ, Gelegenheit gibt, „ein paar Schippen“ Spielfreude nachzulegen und die ganz leisen, wie ganz deutlich-lauten Passagen zu zelebrieren. Erhebend, feierlich, kontrovers klingt die Komposition nun, hat alle Banalität verloren. Dies zu meistern ist ein Weckruf an das Orchester, das ihn gerne aufgreift, und es ist an Aufruf an das Publikum, vor dem Folgenden nun Atem zu holen, die Sinne zu weiten - sich einzulassen einerseits, sich nicht überrollen zu lassen zugleich.
Ein wirklich gutes Thema an einem Bundestagswahlabend, besonders wach(sam) zu sein, wenn uns etwas einlullen will.
Wenngleich Schostakowitsch am Schluss dann wieder mächtig übertreibt, Mahler lässt grüßen, das Ende deutet sich endlos an - doch wie sagte ich vorhin: Wohl, weil es einfach noch nicht vorbei ist.
Die Hälfte der Konzertgäste steht und spendet gemeinsam mit der sitzenden sehr langen Applaus.
Ausnahmsweise seien einige Musiker gesondert erwähnt, die mit ihren solistischen Aufgaben den langen Abend kurzweiliger werden ließen:
Konzertmeisterin: Elena Soltan, Solo-Piccolo: Stefanie Platzer, Solo-Flöte: Dagmar Klauck, Solo-Oboe: Sabine Kaselow (Gast), Solo-Klarinette: Christoph Moser, Bassklarinette: Peter Voigt, Solo-Fagott: Stefan Rocke (Gast), Solo-Horn: Volker Schenck (Schostakowitsch), Susanne Kugler (Skrjabin, Gast), Solo-Trompete: Jürgen Probst, Kleine Trommel: Reinhart Wronna. Vielen Dank.
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus