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Gesehen: 3. Philharmonisches Konzert

Staatstheater Cottbus, Großes Haus, 17. November 2013

von Jens Pittasch, Kultur

† BENJAMIN BRITTEN (1913-1976) Passacaglia op. 33b
† DOMINIQUE SCHAFER (*1967) Gravity as the Source of Lightness, Auftragswerk des Staatstheaters Cottbus | Uraufführung
† BENJAMIN BRITTEN Konzert für Violine und Orchester op. 15, Violine: Linus Roth
† JOHANNES BRAHMS (1833-1897) Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90


Ganz, ganz leise, getragen und traurig erklingt die Viola von Sebastian Marschik, sein Solospiel und folgende, tiefe Orchestertöne eröffnen das 3. Philharmonische Konzert. Benjamin Brittens Passacaglia stammt aus seiner Oper “Peter Grimes”, die Martin Schüler im Jahr 2000, in seiner bekannt besonderen semiszenischen Spielweise inszenierte. Benjamin Britten steht im Mittelpunkt des ersten, des modernen Teils dieses Abends. Für England war Britten eine Art musikalischer Erwecker, galt die Insel doch zuvor für gut 300 Jahre als Reich ohne eigene (klassische) Komponisten.
Insel ist auch eines der Stichworte für Benjamin Brittens Schaffen, heißt ´Insel´ doch auch immer ´Meer´. Am Meer war er aufgewachsen, die See und die Menschen dort prägten die Eindrücke des jungen Benjamin und spiegeln sich in seinen späteren Werken wieder. Ich erinnere mich noch gut an einige Passagen, die wir in „Peter Grimes“ sangen, von Fischern, Sturm und Rauheit: „Von Gischt durchnässt, vor Kälte halb erfror´n.. . Wir leben von der See, die Leben bringt. Doch kann es sein, dass sie uns auch verschlingt.“
In der Passacaglia werden die Bläser nun munterer, intonieren eine Begrüßung, einen kurzen Jubel und entwickeln schließlich ein fast jazziges Eigenleben, das bald darauf auf das gesamte Orchester übergreift. Unruhe erklingen lässt jeweils ein Teil der Musiker, während andere das tiefe Schreiten des Grundmotivs erhalten, wie sich auch das Meer seinen Atem nicht von Sturm und nicht von Flaute nehmen lässt. - Dann wieder die Bratsche, und leise, ganz leise - Schluss.
Ein kleines, ein kleines wunderbares Stück, das Lust macht auf mehr. Großartig übermittelt vom Philharmonischen Orchester in Leitung des GMD, Evan Christ.

Nun die Uraufführung. Umbauten gab es nicht, es wurden auch keine sonderbaren Instrumente oder Klangzubehör herbeigeschafft. Dominique Schafer verwendet die normalen Mittel der klassischen Instrumente. Und lässt diese sogleich schön durcheinander spielen. Immerhin schön, mit einigen Impulsen kristallisieren sich gewissen Strukturen, fast schon Motive heraus - Wanderungen der Klänge durch das Orchester. Statt „Gravity as the Source of Lightness” lieber “Chaos als Quelle der Verwirrung” notiert mir Christiane zutreffend in den Block. Wenn man Leichtigkeit (Lightness) mit Unordnung gleichsetzt, mag auch diese dabei sein. Eher aber ist die Komposition anstrengend und zerrt an den Nerven. Gar nicht so schnell vorbei ist dann dieses neue Auftragswerk, dessen Anregung Dominique Schafer im Gedankengut der chinesischen Philosophie fand.

Teil-3, der Solo-Banker kommt auf die Bühne. Über Linus Roth schrieb ich 2011: „Träfe ich [ihn] an anderer Stelle wäre mein Gedanke vielleicht: ein erfolgreicher Motivationstrainer. Kein Guru a la „Chaka“ sondern ein smarter Mann, Stil pur. Ganz Understatement steht er im Maßanzug auf der Bühne, .. .“ - ganz genau, wie heute wieder. Statt Philipp Glass (dessen Violinkonzert seither zu einer oftgehörten Musik für mich wurde) spielt er diesmal die Sologeige bei Benjamin Britten.
Eine wahrhaft tonangebende Geige. In sensationellem Zusammenspiel mit dem Orchester. Unglaublich genau balanciert ist das Zusammenspiel zwischen Evan Christ, seinen mehr als 70 Musikern und Linus Roth. Als wären sie ein Organismus mit einer Idee, die wie von allein in 150 Arme und Hände fließt.
Dem Ganzen kommt zugute, dass es ein tolles Werk ist. Aufregend, spannend geradezu, voller Ideen, in Lebendigkeit sprühende Klänge - voller Herausforderungen für Musiker und Zuhörer, die die einen glanzvoll zelebrieren und die anderen erst einmal aufnehmen und verarbeiten müssen. Das fordert hohe Aufmerksamkeit und fesselt, kaum kann man sich entziehen.
Dann schweigt das Orchester für einige Zeit, während Linus Roth eine Vielfalt mit nur einem Instrument erklingen lässt, die erstaunt. Er streicht und zupft gleichzeitig, lässt seinen Bogen, seine Finger und die Töne springen.
Erneut höchst einfühlsam führt Evan Christ das Orchester heran. Solist und Ensemble finden zur feierlichen Steigerung, dramatisch zugleich - bevor sie übergehen in eine suchende Sanftheit aus dem Gesang der Geige und den zum Ausklang zugleich antwortenden, wie unterstreichenden Musikern.
Als Zugabe spielt Linus Roth einen virtuosen Bach und führt damit zugleich zurück in der Zeit, wobei es von Britten zu Brahms eher ein kurzer zeitlicher jedoch ein weiter musikalischer Weg ist.

Nur 55 Jahre in der Vergangenheit* also liegt Brahms dritte Sinfonie, die er unter sein Leitbild „dauerhafter Musik“ stellte. (* - bezogen auf Britten, 1938/39) Und dieses ´dauerhaft´ würden viele der Konzertbesucher sicher sofort unterschreiben, denn es ist nach wie vor das, was sie eigentlich hören wollen an diesen Abenden.
Sehr erfreulich jedoch, dass Evan Christ mit seiner Programmgestaltung inzwischen auch sehr viele neue Gäste ins Theater führt. Unschwer zu erkennen an den zahlreicher werdenden bunten, meist jungen Farbtupfern im vor fünf Jahren noch formell schwarzen Kleidungsnormativ.
Entspannend und durchaus ebenfalls spannend, sogar abenteuerlich schwing Brahms Werk zwischen purer Harmonie und Herausforderung und führt uns in eine neue Woche des sich nicht immer so einfach erklärenden Lebens. Fast Pathos entwickelt die Sinfonie, fast Verspieltheit dann - fast alles irgendwie erwartet, gewohnt halt - was auch in Ordnung ist.
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