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Gesehen: PEER GYNT

Premiere am 25. Januar 2014, Staatstheater Großes Haus

von Jens Pittasch, Kultur

Er hat es wieder getan!
Nicht er - nicht Martin Schüler - allein, doch im Besonderen. Denn ist seine Spezialität, dieses konzentriert-reduzierte Inszenieren. Und es ist sein Haus, unser Haus, das Cottbuser Staatstheater, dem er seit 2003 als Intendant vorsteht und das er seit 1991 als Operndirektor wesentlich gestaltet.
Dieser „Peer Gynt“ nun hat das Zeug zum Lehrstück und Pflichtstoff. Es ist Theater des Jahres 2014 und dabei vollkommen modern und vollkommen klassisch zugleich. Wollte man ein Format schaffen, das geeignet ist, neue Generationen an die Oper heranzuführen und bisherige zu neuen Eindrücken mitzunehmen, müsste man es so machen. - Muss man nun aber nichtmehr, Martin Schüler hat es getan - erneut.
Auf dem Idealweg aus von ihm geschaffener semiszenischer Spielweise und machtvollen Bildern; in unglaublich punktgenauer Inszenierung - vom kleinsten Detail bis zur großen Geste; im Zusammenspiel aller Künste, die Theater ausmachen; in moderner Sprache, im Hier und Jetzt, zeitgemäß und ganz ohne sich anderenorts plakativ in den Vordergrund spielende Effekthascherei.
Im Cottbuser Peer Gynt passiert Überzeugendes durch pure Spitzenleistung, vom Pinselstrich bis zum „Riesenbaby“.
Der wohl wichtigste Grund, dass dies in dieser Form möglich ist, ist Kontinuität, ist der Zusammenhalt des Schülerschen Ensembletheaters. In dem es keine unwichtigen Mitwirkenden gibt sondern ausschließlich Menschen mit Talenten und Fähigkeiten, mit Persönlichkeit und Identifikation, mit Problemen und Tiefpunkten, mit Motivation, mit zielgerichteter, individueller Förderung und Entwicklung - und daraus folgenden Leistungen und Höhepunkten.
Exemplarisch abzulesen an der überragenden Leistung des Hauptdarstellers, Andreas Jäpel als Peer Gynt. Der 1968 in Dresden geborene Bariton gehört seit 1999 zur Cottbuser Oper. Mit dem Finsterwalder Martin Schüler verbindet ihn nicht nur die Erfahrung einer Jugend im Dresdner Kreuzchor. Mit vielen anderen unseres Staatstheaters verbindet sie die Erfahrung der Gemeinsamkeit, die Stärke des Sich-entwickeln-Dürfens-und-Könnens.
Andreas Jäpel gestaltete in 15 Jahren viele großartige Rollen, zuletzt ganz besonders gefielen mir seine ränkeschmiedenen Figuren in „Hoffmanns Erzählungen“. Und sein Peer bestätigt außerordentlich, was auch sein Gunter („Götterdämmerung“) oder sein Nemo („20.000 Meilen unter dem Meer“) zeigten: Es gibt immer noch eine Steigerung. Man muss aber auch die Chancen haben, sich derart zu entwickeln. Im Cottbuser Staatstheater wird dieser Grundsatz, zumindest im Musiktheater, gelebt - und gilt gleichermaßen für das Philharmonische Orchester und Evan Christ an dessen Spitze, seit 2008.
Der „Peer Gynt“, von dem hier die Rede ist, ist die Oper zum Henrik Ibsen Stoff. Nicht zu verwechseln mit dem Schauspiel und dessen bekannter Bühnenmusik von Edvard Grieg.
Diese Oper gab es in Cottbus 50 Jahre lang nicht zu sehen - und in ganz Deutschland nicht seit 15 Jahren. Denn ihr Schöpfer, Werner Egk, begann seine Karriere ausgerechnet in den 1930iger Jahren und erlebte besondere Ehrungen derart, dass NS-Propagandaminister Joseph Goebbels über ihn notierte: „Ich bin ganz begeistert und der Führer auch. Eine Neuentdeckung für uns beide“. Anlass dieses Lobes war eben jener „Peer Gynt“, 1938. Selbst eine olympische Goldmedaille wurde Egk zuteil, in der Kategorie „Orchestermusik“ für seine „Olympische Festmusik“ 1936. Weitere Werke und weitere nationalsozialistische Ehrungen belegen eine Nähe zwischen Werner Egk und dem Gedankengut dieser Zeit. Worin diese genau begründet ist und welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen seien, wurde in der Folgezeit mehrfach sehr verschieden gesehen. Naheliegend ist, dass Egk, 1901 geboren, selbst sehr begabt, in den 1920ern begeistert von Kurt Weill, Bartok, Orff und Strawinsky, dass er also Herrenmenschen-Idealen durchaus verfallen sein könnte. Betrachtet man seine Oper „Peer Gynt“ näher, scheint es zugleich, dass Egk sich sogar über diese Schein-Eliten stellt, schiebt er den Nazigrößen doch in breiter Front Musik unter, die wesentlich von Kurt Weill geprägt ist, einem Juden, einem verhassten Vertreter sogenannter entarteter Musik.
Wie dem auch sei: In rücksichtslosem Karrierismus nutzt Egk offenbar die Vorteile jeder Zeit. Denn bereits 1950 wird Werner Egk Direktor der „Hochschule für Musik“ in West-Berlin, Präsident des Deutschen Komponistenverbandes und Vorsitzender des Aufsichtsrates der GEMA, 1951 Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste, 1964 Mitglied des Rundfunkrates des Bayerischen Rundfunks, ... - Ehrungen und wichtige Funktionen reihen sich während seines gesamten Lebens aneinander. Lediglich sein musikalisches Werk verschwand von den Bühnen, als sich eine kritische Sicht auf seine Rolle in der Nazizeit durchsetzte. „Peer Gynt“ wurde seit Egks Tod 1983 lediglich viermal in Deutschland gezeigt.
Von alledem wusste Martin Schüler noch nichts, als er dem Stück 1977 in Leipzig begegnete und sich schwor, das Werk einmal selbst auf die Bühne zu bringen. Neunundneunzig Inszenierungen liegen zwischen diesem Vorsatz und der Cottbuser Premiere. Es ist Schülers Stück Einhundert!
Und natürlich war ihm seit 1977 auch die Brisanz des Werkes sehr bewusst geworden. Das Unterfangen bietet nicht einfach Fettnäpfchen, sondern kräftige politische Fallstricke, die ganz ohne Betrachten des Ergebnisses geeignet waren, zu bösen Stürzen zu führen. Es trotzdem zu realisieren erforderte die Gewissheit, dafür die perfekte Umgebung zu haben. Hier, am Cottbuser Staatstheater, hatte Martin Schüler diese selbst mit aufgebaut.
Gelungen ist nun eine Lesart und Darstellung, die alle möglichen Zweifel beseitigt und alle Fragen beantwortet. Inhaltlich äußerst genau erarbeitet in Zusammenarbeit mit Dramaturgin Dr. Carola Bönisch, in genialer Ausstattung durch Gundula Martin, voll musikalischer Raffinesse seitens Evan Christ und seinem Philharmonischen Orchesters. Seitens der Chöre, einstudiert von Christian Möbius und Norienne Januszewski (Kinder) und des Balletts in Choreographie von Adriana Mortelliti, die zugleich einziger Gast der Inszenierung ist.
Denn das gesamte, komplexe und anspruchsvolle Werk liegt ansonsten in den Händen fester, Cottbuser Ensemblemitglieder. Die dafür meist mehreren Rollen Gestalt verleihen und sogar in Nebenrollen schlüpfen (Jens Klaus Wilde).
Sie alle zeichnen sich aus in diesem absoluten Meisterstück. Es freute mich besonders, dass hierbei Solisten neue Möglichkeiten erhielten, sich und Ihr Können zu zeigen, die längere Zeit nicht im Mittelpunkt standen. Allen voran nutzt diese Chance Matthias Bleidorn als Trollkönig. Gruselig schön und stark gesungen gerät der Dämon in die zuvor friedliche Szenerie und setzt, oft im umtriebigen Gefolge seiner Tochter (Gesine Forberger), immer neue großartige Akzente. Ein Umstand, zu dem die Kostümierung und Ausstattung übrigens einen außerordentlich gelungenen Beitrag leistet.
Auch Jörn E. Meier, in drei Rollen, ergreift die Gelegenheiten, die ihm seine Figuren bieten, für darstellerische und gesangliche Empfehlungen. Ebenso, wie Dirk Kleinke, der seine Stimme erneut bestens mit seinem Talent für´s Komische kombinieren kann.
Die weibliche Hauptfigur, Solveig, gibt Cornelia Zink. Zur Charakterisierung ihrer besonderen Qualität hatte ich sie vor einiger Zeit als „Cornelia (Lucia) die Lammermoor“ beschrieben. So intensiv, so gefühlvoll, kraftvoll und voll überspringendem Ausdruck und Gesang sind ihre Figuren - ebenso nun ihre Solveig, der Martin Schüler das Schicksal des Alterns erließ, während sie Jahrzehnte auf Peer wartet.
Apropos Erinnerungen: Fast, wie die drei Rheintöchtern erscheinen diesmal Drei schwarze Vögel (Marlene Lichtenberg, Carola Fischer und Debra Stanley) und beweisen erneut, was schon gesagt wurde: Eine Steigerung des bereits sehr Guten erfolgt Mal um Mal.
Allein aus Platzgründen ist es nicht möglich, darauf einzugehen, wie unsere weiteren Sänger-Darsteller, Solisten und Chöre, das wunderbare Gesamtwerk in eben dieser Form mit ihren verinnerlichten Figuren, Spiel und Klang ermöglichten.
Unbedingt noch zu erwähnen sind die Tänzerinnen und Tänzer des Balletts (nicht nur) für ihren Auftritt in der Bar. Den ich aber sehr gerne stellvertretend für das faszinierend perfekte Zusammenspiel von Musik und Farben, Licht und Klängen, Bühne und Akteuren des gesamten Stückes nenne.
Diese Cottbuser Fassung bietet gesellschaftliche und persönliche Spiegelbilder, bietet Aufarbeitung und Anregung, Klang- und Bildwelten - bietet große Kunst.
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