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Gesehen: 5. Philharmonisches Konzert

Staatstheater Cottbus, Großes Haus, 9. März 2014

von Jens Pittasch, Kultur

† ATLI INGÓLFSSON (*1962)
Cottbus Diptych I: Profile | Auftragswerk des Staatstheaters Cottbus | Uraufführung
† FERRAN CRUIXENT (*1976)
Focs d’artifici (Feuerwerk) | Konzert für Schlagzeug und Orchester
† WOLFGANG REIFENEDER (*1960)
Crossover für kleine Trommel solo
† EDWARD ELGAR (1857-1934)
Enigma-Variationen op. 36


Wie schade. Da hatten sich einige Konzertbesucher offenbar von der reinen Ankündigung eines Schlagzeug-Konzerts abschrecken lassen. Wo sonst bei den Philharmonischen Abenden die Reihen im Saal dicht geschlossen sind, gab es deutliche Lücken.
Nun liebe Zuhausebleiber: Sie haben etwas verpasst! Einen wirklich großartigen Konzertabend, sogar im Teil-1, der Uraufführung.
Diese stammt von Atli Ingólfsson. Blicklicht-Leser kennen den Namen aus meinem Bericht zum Cottbus-Soundlab im Dezember 2013. Generalmusikdirektor Evan Christ hatte Komponisten nach Cottbus eingeladen, um hier zu komponieren und im direkten Zusammenspiel mit dem Orchester die neuen Werke zu erarbeiten. Ich schrieb vom Staubsauger-Schlauch an der Posaune und von Spielanweisungen, wie: „spielt Löwe“, „spielt Waldteufel“ und „sehr variierte Lautstärke“. Dieser Schlauch, ergänzt um einen Trichter, war nun sehr prominent auf der Bühne platziert. Ganz oben, ganz hinten, direkt in der Mitte, mit einem eigenen Schlauch-Musiker für´s Herumwirbeln nach Noten. Lacher waren natürlich garantiert, was leider ablenkte - für den Moment allerdings weniger tragisch, denn eine Ablenkung vom anfänglichen Katzenjammer mit apokalyptischen Ein- und Überlagerungen war akzeptabel. „Cottbus Diptych I“ heißt das Stück, thematisch offenbar zunächst ein Albtraum: Was für ein Bild vermittelte bitte unsere Stadt beim Isländer Ingólfsson?
Musikalisch immerhin mit interessanten Klangentdeckungen und sich herausbildenden Motiven, die neugierig und aufmerksam machen und erkennen lassen, dass die Komposition doch mehr Charakter hat, als ein reines Experiment.
Nun - „Diptych I“ deutet darauf hin, dass ein zweiter Teil folgen wird. Seien wir gespannt, was Atli Ingólfsson über Cottbus noch zu erzählen hat.

Auf der Bühne erheblicher Umbau. Links vorn wird sehr viel Schlagwerk herbeigeschafft. Dann geht es los - ohne Trommler. Der kommt wenige Augenblicke nach den ersten Tönen zur Saaltür herein, mit umgeschnallter Snare, beziehungsweise „kleiner Trommel“, wie es hier klassisch korrekt heißt. Auf dieser ´bläst´ uns Peter Sadlo mal gleich den Marsch.
Kurze Zeit später habe ich ein breites Grinsen im Gesicht, wegen dieses Typen: offenes Hemd, Goldkettchen, stylische schwarze Jacke, Igelfrisur und Türsteher-Format und ein Habitus, der alle Aufmerksamkeit sofort bindet.
Peter Sadlo ist eigentlich der Solist im Schlagzeugkonzert von Ferran Cruixent, doch dieser Solist liefert eine irre Performance, eine Show für sich mit seinen an die 20 Instrumenten. Das Zusammenspiel mit dem Orchester, die Koordinierung der Einsätze ist dabei doppelt schwer. Zum einen steht er schräg vor dem Dirigenten, zum anderen ist er ständig in Bewegung. Dass es trotzdem so perfekt klappt ist beider Können zu verdanken.
Am Pult an diesem Abend übrigens passenderweise Markus L. Frank als Gast, ein Spezialist für Entdeckungen und für zeitgenössische Musik.
Als Spezialist für Musik mit artistischen Einlagen zeigt sich während dessen Peter Sadlo; auf einem Bein stehend, mit dem anderen per Pedal die Spannung eines Beckens regulierend, in der rechten Hand zwei Trommelstöcke, in der linken einen Geigenbogen, im Mund auch mal noch eine Trillerpfeife. Alles ist auf diesen Künstler fokussiert, obwohl natürlich das Orchester (teils) mitspielt - und das hervorragend. Auch die Ensembleparts sind mit Schwierigkeiten und Raffinessen gespickt.
Wow, wow - N.U. Unruh und Blixa Bargeld mit ihren Einstürzende Neubauten sind Walzer gegen dieses Spektakel. Rock und Punk sind heute hier im Staatstheater. Und alles Akustik pur, und alles ohne Finger in den Ohren, wie es sonst bei lauten Passagen durchaus mal passiert im Philharmonischen Konzert. Alle sind fasziniert: großer, großer, langer Jubel - dann kommt Peter Sadlo wieder, setzt sich an eine kleine Trommel, die die ganze Zeit einsam vorn auf der Bühne stand und erklärt: Dies sei nicht die Zugabe, er spiele jetzt das im Programm erst nach der Pause angekündigte Stück. Wir würden gleich verstehen, warum. Ein Freund habe es für ihn geschrieben, Wolfgang Reifeneder. Vier Sätze, ein Crossover für Kleine Trommel, mit Zwischentiteln, wie „Militärisch, traditionell“ oder „Hochgradig wienerisch“. Reifeneder, übrigens ein Sadlo-Schüler, meint über seine Arbeiten: „... so sehr ich mich auch bemühe ernsthafte Musik zu schreiben, es wird fast immer etwas Lustiges ...“
Also nimmt Sadlo Platz an der Kleinen Trommel und beginnt eine Vielfalt an Klängen und Tönen zu schlagen, zu klopfen, zu rühren, ... mit drei Trommelstöcken zugleich und mit den Fingern, auf dem Fell, den Seiten, unten - mit dieser (Spiel-)Weise entsteht ein Gesamtkunstwerk, an dem man zirka drei Personen mit je drei Instrumenten beteiligt wähnt. Das Orchester hat während dessen Pause, die Musiker schauen - zunehmend nun auch grinsend - zu. Sadlo ist inzwischen am Boden, wörtlich, er kniet vor seinem Stuhl und betrommelt auch diesen, dann die Ablage, den Notenständer, seine Schuhsohlen, die Bühne .... Jubel, Jubel - trampelnde Begeisterung nun auch beim Publikum. Pause.

Die Pause war hier zwar richtig, doch zu kurz. Allzu stark wirkt der Eindruck des ersten Teils nach, um sich auf die jetzt erklingende ganz, ganz andere Musik einzulassen.
„Enigma-Variationen“ nannte Edward Elgar seine Orchestervariationen von denen wir acht hören, von denen es jedoch 14 gibt und die jeweils konkrete Personen aus dem Freundeskreis des Komponisten beschreiben. So, wie man wohl jemandem per Definition (modernere) Klassik vorspielen würde, ist diese Musik - Spätromantik, die korrekte Gattung.
Was sich experimentell liest, verschlüsselt - rätselhaft, „Enigma“ immerhin, kommt als musikalisch weniger aufregendes Werk daher. Harmonie und Gefälligkeit standen eher Pate, als Spannung und Abwechslung. Was nun nicht schlecht sein muss, leider nur jeden nächsten Ton und Klang so vorhersehbar macht. Die kantenlos auf Wohlklang angelegte Komposition hat es allerdings nach dem geschilderten Beginn des Abends auch sehr schwer. Noch kreist das Sadlo motivierte Adrenalin, und Körper und Geist mögen sich nicht darauf einstellen, dass Elgar nun auf der Bremse steht.
So registriere ich leider nicht gefühlsseitig, sondern nur rational, wie hervorragend Markus L. Frank und unser Philharmonisches Orchester die Variationen erarbeitet haben und erklingen lassen. Und dann, fast am Ende, finden diese nahezu noch den Bogen zum vorherigen Schwung und zu einem rundum großen Abend.
Jens Pittasch
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