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Gesehen: ÜBERLEBENSKÜNSTLER. Ein Spektakulum

Premiere am 28. Februar 2014, Staatstheater Großes Haus + Kammerbühne

von Jens Pittasch, Kultur

Ein Abend, fünf Stücke - das neue Schauspiel-Spektakulum!
Noch bis Juni ist Gelegenheit, sich den großen Hauptteil anzusehen - und dreimal wiederzukommen! Um dann die Inszenierungen kennenzulernen, die man im Mittelteil zunächst auslassen musste. Denn dort gilt es eine Entscheidung zwischen vier kleineren Werken zu treffen die zeitgleich über Vor-, Hinter-, Kammer- und Probebühne gehen.
„Überlebenskünstler“ ist der Abend überschrieben. Eine Rolle, in der wir uns alle befinden. Und alle waren auch aufgerufen, Überlebenskisten zu packen. Nur fünf Dinge sollte man in einen Karton packen und beim Theater abgeben. Allein um die Ergebnisse wirklich anzuschauen, wäre wohl ein Abend erforderlich. Es scheint, was eine gute Idee ist, dass die Aufgabe gezielt an Schulen herangetragen wurde. Ein großer Teil der Kisten stammt von jungen Mitmachern und ist teils liebevoll, aufwendig gestaltet. Und es finden sich Überlebensschachteln mit wahren Schätzen, Fotos aus längst vergangenen Zeiten beispielsweise, die ganze Familiengeschichten erzählen. Mein erster Tipp also: Kommen Sie möglichst zeitig! Und mein zweiter Tipp: Kommen Sie wieder! - Schauen Sie am besten gleich jetzt ins Internet und reservieren mehr als einen Abend mit den Überlebenskünstlern. Es lohnt sich.
Los geht es für alle Besucher mit „Don Quijote“. Den gibt Gunnar Golkowski, und der sitzt zunächst hoch über der Bühne auf einer Schaukel, einer Philosophenschaukel. Denn im Gegensatz zu Cervantes´ Quijote, der sich in der Scripted-Reality von damals (dem Spätmittelalter) verliert, in den Ritterromanen, hantiert der Cottbuser mit Werken großer Dichter und Denker. Entsprechend größer ist sein Anspruch die begrenzte Welt der Worte, der Theorie zu verlassen ... die echten Erfahrungen sind irgendwo da draußen. Martina Eitner-Acheampong (Bearbeitung, Regie) fand diese plausible Lesart, ihren Quijote ins Heute zu holen und doch genau so viel Historie der bekannten Figur zu belassen, dass die Mischung interessant zu werden versprach. Die passende Visualisierung erhielt die Idee in der schlichten Bühne von Gundula Martin, der tollen Kostümierung von Marie Roth und besonders im animierten Hintergrund von Benjamin Hohnheiser.
Ganz anders als der da auf der Schaukel denken die Menschen in seinem Umfeld. Seine Frau Teresa (Sigrun Fischer) und seine Nichte (Ariadne Pabst) beispielsweise oder der Pfarrer (Jochen Paletschek). Zur Rettung des aus ihrer Sicht von den Büchern verwirrten schreiten sie zur Bücherverbrennung (ein bühnentechnisch übrigens sehr gelungenes Bild) - und erreichen das Gegenteil. Geben sie doch damit erst den Impuls zum Aufbruch in reale Abenteuer. Der Knappe Sancho Pansa (Michael von Bennigsen) wird mit verlockenden Aussichten als Wegbereiter gewonnen, sie schwingen sich auf ihre (angenommenen und wunderbar erspielten) Reittiere Pferd und Esel - und los geht es.
Es folgt die großartige „Erscheinung der Damen“. Zwei quitschbunte junge Frauen sind wohl unterwegs zu einem Markt. Gemüse und Früchte deuten darauf hin. Ihre Sprache allerdings ist nicht gerade die von Dorfmädchen, sie geben sich eher als toughe Girlies, die das seltsame Reitergespann gleich mal auf den Arm nehmen. Doch Don Quijote sieht nicht einfach Bäuerinnen in Marcela (Ariadne Pabst) und Aldonza (Kristin Muthwill), sondern er meint in Aldonza Dulcinea zu erkennen, ein Mädchen, das er irgendwann gesehen hatte und dem er seither verfallen ist.
Wirklich köstlich, dieses Zusammentreffen - großartig in Szene gesetzt und ganz wunderbar gespielt.
Danach wird gesungen, Sancho und Quijote „reiten“ weiter, mit einem so interessanten Reiselied auf der Zunge, dass man sich glatt mehr davon und das als CD wünscht (Text: Martina Eitner-Acheampong, Musik+Einstudierung: Hans Petith).
Weitere interessante Gestalten und einige Erlebnisse kreuzen ihren Weg: So der gegen seinen Knecht Andres (Johannes Kienast) schlagfertige Bauer Juan Haldudo (Daniel Borgwardt), der Ritter mit dem Goldenen Helm (eigenlich ein Barbier, Thomas Harms) - und natürlich treffen sie auf die legendären Riesen, die Windmühlen.
Wirklich sehr gelungen inszeniert und ganz bemerkenswert gespielt ist das Stück bis hierhin, bis zur Pause. Eine vergnügliche Freude, der ihr ernsterer Hintergrund nicht verloren geht, mit Figuren, denen ihre Darsteller wunderbar Ausdruck verleihen.
Und wenn sich auch Gunnar Golkowski nicht die Butter als Hauptdarsteller vom Brot nehmen lässt und ganz und gar überzeugend aufgeht in seinem Quijote, kann Michael von Bennigsens Sancho Pansa doch als besonders erfreuliche Überraschung der Inszenierung gelten. Er zeichnet eine so sympathische Figur, wiedererkennbar für Jedermann, als eben normaler Mensch mit Hoffnungen und Lasten, mit so verständlichen Wünschen und Ängsten, mit Bauernschläue und Trotteligkeit - toll!

Nach Pause, Pausenprogrammen und zweitem Stück, dazu gleich mehr, gibt es leider einen Bruch in der bisher so klaren Inszenierung.
Aus dem Weg wurde ein Ziel, vielleicht. Der ´Ritter von der traurigen Gestalt´ und sein Knappe sind angekommen in einer Schänke - der Burg, auf der er zum echten Ritter geschlagen wird, meint Quijote. Die Gäste dort sind die Darsteller der anderen vier Stücke! Teils turbulent, teils gedankenvoll geht es hier um das Suchen & Finden des Richtigen, um Gutes und Gut-Gemeintes: „So oder so ist das Leben“, sang zur Pause Susann Thiede, und: „Genug ist nicht genug“, Mathias Kopetzki.
Bemerkenswert gestaltet ist der Kampf mit sich selbst, den Don Quijote austrägt, fällt aber irgendwie aus dem bisherigen Stil des Stückes. Mit dem Wegfall der Reise scheint Teil-2 den roten Faden verloren zu haben, was beabsichtigt sein könnte, ist die Reise eben auch zu Ende und das Geschehen an dem Punkt angekommen, der Entscheidungen verlangt. Und das läuft selten rund. Zu unrund jedoch ist es nun und scheint eher als Versuch der Regie, das Konzept wiederzufinden. Statt Finden jetzt aber Suche nach Off-Theater-Art; ist es Ernst, Spaß, beides - und wann was?
Es bleiben auch in zweiten Teil tolle Bilder und sehr gute Momente. Schade drum, dass der Gesamteindruck aber leidet. Möglicherweise lässt sich das später, wenn das Stück alleine läuft, ohne dass die Beteiligten mitten drin für andere Inszenierungen und für die Pausenunterhaltung in völlig andere Rollen schlüpfen müssen, noch etwas hinbiegen. Verdient hätten es alle Macher und Mitwirkenden dieses Quijote.

Glücklicherweise muss ich meinen Bericht nicht mit diesem eher traurigen Eindruck abschließen.
Denn es fehlt das zweite Stück und es fehlen die beiden Pausen. Die nicht einfach eine Unterbrechung waren, sondern eigenes Programm boten. Im Foyer des zweiten Ranges befindet sich der „Überlebenskünstler-Parcours“ (der übrigens auch vor der Vorstellung bereits geöffnet ist, ein Grund, noch zeitiger zu kommen). Nach Stoppuhr gilt es verschiedene, mit Augenzwinkern dem alltäglichen Überlebenskampf entnommene, Aufgaben zu lösen. Außer Puste kann man sich sodann im Kuppelfoyer eine choreografische Installation (aus Körpern) anschauen, die sich AnnaLisa Canton erdachte und mit Verrenkungskünstlern des Extra-Balletts zeigt. In der zweiten Pause gilt es schnell zur kleinen Bühne, gleich neben dem Aufgang vom Parkett, zu kommen. Begleitet von Hans Petith singen dort Susann Thiede, Heidrun Bartholomäus, Oliver Breite, Amadeus Gollner, Mathias Kopetzki und Thomas Harms tolle Überlebenslieder - die akustisch zum wahren Überlebenskampf gerieten, angesichts hoher Gesprächslautstärke im Foyer und nur minimaler Verstärkung.
Noch im Gesang rief lautes Klingeln die Gäste zur nächsten Aufführung. Eine weitere Zumutung für die singenden Schauspieler. Es ist wohl nicht zuviel verlangt, nachzuschauen, ob das Pausenprogramm beendet ist, bevor man nach Uhrzeit oder fertigem Umbau einfach den Rufknopf drückt.

Die Entscheidung für das zweite Stück dieses ersten Abends fiel auf „Im Abseits“. Spielort der Inszenierung von Alexandra Wilke ist die Hinterbühne. Im Halbkreis und Halbdunkel sitzen die Zuschauer um diverse, schräg aus der Ebene geratene Flächen. Mit passenden Möbeln angedeutet die unterschiedliche Art der Räume, die sie repräsentieren sollen. Darin: bereits die Darsteller. Dazwischen: alles voller Abgründe. - Dazwischen? Auch. - Vor allem jedoch liegen diese Abgründe zwischen den Personen und direkt in ihnen. Wie sich schnell herausstellt. Jeder mit sich selbst beschäftigt, leben sie aneinander vorbei. Und haben sie doch miteinander zu tun, dann um aneinander vorbei zu reden; sich achtlos weh zu tun; es dabei auch noch gut zu meinen, wie in der „Sorge“ um das bestmögliche Studium für Tochter Lisa. Lucie Thiede ist Lisa, noch bis zum Sommer Ernst-Busch-Schauspielstudentin und auf der Bühne des Staats- und des Piccolo-Theaters Cottbus von Kindheit an. Anna, ihre Mutter, spielt Sigrun Fischer, den Vater Oliver Breite. In seiner eigenen Wohnung sitzt Opa Josep, Michael Becker. Er hat eine Art Zivi, am Handlungsort in Spanien macht diese Arbeit jedoch ein illegaler Einwanderer, Ricky, gespielt von Asad Schwarz-Msesilamba.
Besonders die Mutter ist voll unerfüllter Erwartungen, die sie mit all ihren materiellen Ersatzinhalten nicht befriedigen konnte. Hier Ursache und Wirkung zu erkennen bleibt ihr jedoch versperrt - wie den Vielen in ähnlicher Situation. Der Vater, der gerade die Nachricht erhielt, nun 30 Prozent weniger zu verdienen (dies bildet die reale Situation in Spanien seit zirka zwei Jahren ab, siehe Einsparprogramme zum Schuldenabbau) will auch immer nur das Beste, was mangels anderer Vorstellungen vom Besten die Erfüllung der Kaufwünsche seiner Frau ist und die mit Geld zu erkaufenden besten Umstände zur Ausbildung der Tochter. Auf Lisa haben sie ohnehin ihre Erwartungen projiziert; ebenso, wie Ricky auf seinen Sohn; nur beide aus sehr verschiedenen Beweggründen. Beide Kinder sollen all das verkörpern, was ihre Eltern nicht erreicht haben. Durchaus ist das für beide Familien überlebenswichtig, einmal - bei Ricky - geht es um´s nackte Überleben, bei Lisa um Mamas Wunschbilder und Wohlstandssicherung.
Als Lisa, wegen der zu guten Einkommensumstände der Eltern, das US-Stipendium verweigert wird, gerät die Lage fast außer Kontrolle. Denn in der Ausgabenliste der Familie gibt es eine richtig dicke Position: Opa.
Alles was in dieser Situation passiert, hat Regisseurin Alexandra Wilke sehr gut gezeichnet. Punktgenau und mit nahegehendem Ausdruck vermitteln die fünf Darsteller jede Phase und jede Zuspitzung. Bühne, Ausstattung und Kostüme betonen Brisanz und Alltäglichkeit zugleich.
„Im Abseits“ zeigt tolle Schauspieler in einer sehenswerten Inszenierung und macht Lust, sich die Stücke anzusehen, die zeitgleich liefen: ELLING (Regie: Milena Paulovics), NATHANS KINDER (Regie: Catharina Fillers) und FALSCHER HASE (Regie: Maike Krause).
Bleibt zu erwähnen, dass für dieses Schauspielspektakulum sehr interessante Gäste auf und hinter der Bühne verpflichtet wurden, die ein eigenes Kapitel verdient hätten. Das sprengt leider unsere Möglichkeiten. Ich habe jedoch einen guten Vorschlag, sie alle und unser Ensemble angemessen zu würdigen: Besuchen Sie das Spektakel!
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