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Gesehen: WIE EINST IM MAI

Premiere am 21. März 2014, Staatstheater Theaterscheune

von Jens Pittasch, Kultur

Also liebe Baalina, det baalinat mäschtisch in Schtröbütz. Ja, ick weeß, Ihr wisst nich, wo ditte is - na müssta ma F. frajen, der haut da jetze uff de Pauke und haust ansonsten bei Euch inne Hauptstadt. Wo a eijentlich mit de Cupcakes trompetet, ooch so Cottbus Abtrünnije....
Ja, Überraschung am Ende der hereinspazierenden Schwof-Kapelle, mit der kleinen Pauke umgeschnallt der Trompeter der „Do i smell Cupcakes“, Felix - für uns von da an ein Running-Gag, den sonst sicher keiner im Saal der Theaterscheune versteht. Ist auch nur eine Randbemerkung, musste hier mal sein.
Und das mit dem ´Baalinan´, das stimmt vollkommen. Zunächst mal zieht Heiko Walter vom Leder, mischt hereinwankend Wasser, Bier, Cola und wer weiß was noch von den vorn sitzenden Gästen in seiner Emailletasse, singt sich dabei vom ´lieben Leierkastenmann´ kommend ´immer an der Wand lang´ und verwurschtelt als Berliner-Original-Clochard in lustig, irrem Gerede diverse aktuelle Anspielungen von GroKo und Energie bis zum Augenarzt-Termin und Hoeneß-Millionen.
All das passiert in der maigrün-lichterketten-geschmückten Theaterscheune vor einem riesigen Unter-den-Linden-Bild aus zirka Zille-Zeit. Die zu steif und nur wenig Berlinerisch-schmissig vom Blatt spielende Kapelle, gebildet aus Musikern des Blasorchester Cottbus e.V., hat inzwischen ihr Vorspiel beendet und wurde von der FFB-Band (Frank-Bernard-Band) des Staatstheaters abgelöst. Bei Frank Bernhard liegt auch die musikalische Leitung dieses recht langen Abends, der immer dann bestens funktioniert, wenn ´die Musi spielt´ und dann weniger, wenn Handlung etwas fremdkörperhaft erzählt wird.
Was wir sehen, versteht sich als Operette, ist jedoch eigentlich eine Revue aus Musik und Tanz und als solche auch einstmals, 1913, entstanden. „Berliner Posse“ nannte sich das, rund um eine eher nebensächliche Stückidee reihten sich Couplets, witzig-zweideutige bis politisch-satirische Lieder. Walter Kollo (Musik), Rudolf Bernauer und Rudolph Schanzer (Autoren) nahmen die über Generationen reichende Geschichte zweier Familien als Rahmen, fügten Musik und schon damals beliebte Schlager hinzu - und fertig war das Erfolgsstück. Zugleich markierte es das Ende dieser Spielart, so dass Willi Kollo, Walters Sohn, dessen Werk 1940 zu einer Berliner Operette umgestaltete. Derart, dass die Handlung gestrafft und die Figuren profiliert, zugleich jedoch mehr als 20 Neukompositionen hinzugefügt wurden - was am ersten Teil der Aussage zweifeln lässt.
Bei der Cottbuser Fassung nun, die einen ganzen Handlungsstrang streicht und an die 30 Rollen von nur acht Personen gestalten lässt, entstand - so scheint es - die Berliner Posse neu, nur sehr lang.
Regie führte Matthias Winter, die Choreografie der vielen Tanzeinsätze lag bei Dirk Neumann, Bühne und Kostüme lieferten Hans-Holger Schmidt und Nicole Lorenz.
Kaum abgegangen als Penner tritt Heiko Walter als Oberst von Henkeshofen erneut auf, mit dabei ein buntes Volk (Ballett), Tochter Ottilie (Gesine Forberger) und Schlosserlehrling Fritz (Hardy Brachmann). Anlass: „Das Antlitz der Welt steht zukünftig unter Dampf.“, der erste Zug von Potsdam nach Berlin wird erwartet. Dies und mehr verkündet Heiko Walter als Stoiber-Parodie (dessen Transrapid-Flughafen-München-Gestotter von 2002, ein Internet-Hit) mit De-Funès-Einsprenklern. Was irgendwie als Gag, als Nummer halt, erscheint, soll man aber als ein Stück Handlung verstehen, wie sich später zeigt. Nach Handlung ist aber niemandem im Saal, mitsing-schunkel-sicher wartet das Publikum auf den nächsten Hit, den nächsten Witz - und wird nicht enttäuscht. Ein sehr lebendiger, lärmender „Zug fährt ein“.
Nächstes buntes Bild, das Kind hat Geburtstag. Das Kind ist etwas über Zwanzig (Gesine Forberger) und hat schon ganz andere Interessen, als Papa meint - zumindest, als ihm lieb ist - Fritz genannt. Ottilie wird 18 und Papá hat Basta-Ansagen als Geschenk verpackt, was zur Fritzens Abreise nach Amerika führt, wo er zunächst reich genug für „Otti“ werden will.
Mit einer mächtig-gewaltig-kitschigen Herzschmerzszene haben wir nun also eine unglückliche Liebesgeschichte. Das passt im Rahmen dieser Revue natürlich bestens und ist mit einer kleinen visuellen Überraschung versehen. Gleich darauf singt und klatscht das gerade noch traurige Publikum: „Es war in Schöneberg, im Monat Mai“.
Wie erwähnt wird viel getanzt, doch das Ballett hat nicht nur eigene schön erarbeitete Nummern, sondern spielt recht gut mehrere der vielen Rollen.
Nach der Pause Zeitenwechsel. Wir sind beim „reichen“ (hoch verschuldeten) Baron Ernst Cicero von Henkeshoven, Ottilies Cousin - und inzwischen nach dem Willen Papás ihr Mann. Heiko Walter ist nun Cicero und wirbelte gerade noch steppend mit dem Ballett über die Bühne wirbelte. Dann jet et mit de Tänzers ooch schon uff jeradem Weje in Zilles Milljöh. - Doch Schreck: Mitten hinein platzt per Mountainbike-Stunt Fritze, dem Aussehen nach direkt aus Amerika zurück. Und das mit dem Reichwerden scheint geklappt zu haben. Nur ist seine Liebste ja nun verheiratet und hat eine garnicht mehr so kleine Tochter.....
Abbruch des weiteren Erzählens an dieser Stelle. Et jeht noch wirklüsch janzschön lange weeter mit de Mischpoke. - Soll es eben auch eine Familiengeschichte über Generationen sein. - Am Ende kriegen sich die Enkel. - Allet jut.
Alles gut? Ja, an sich schon. Künstler gefordert auf Höchstleistung und musikalisch-tänzerisch in Höchstform. Die Story wirkt immer sehr hineingeschoben, doch was soll´s? Es ist halt ein Abend der leichten Muse mit einer Vielzahl schöner Einfälle und Details in Spiel und Gestaltung, erwähnt sei die wandlungsfähige Litfaßsäule. Und unbedingt erwähnt für den Fleißpreis Mandy Krügel in sieben oder mehr Rollen.
Es ist Musik, die man halt mögen muss, was aber viele tun. Und die sollten alle hingehen, ordentlich Sitzfleisch mitbringen, Getränke bunkern (schließlich sitzt man an Tischchen), ja nicht allzuviel Handlung erwarten, die kleine Länge überstehen, wenn Fritze (nun Friedrich mit von und zu) 75 wird und dann das Happy-End in Babelsberg erleben.
Und sich danach mit ebenso großem Jubel und Applaus bedanken, wie die Gäste der Premiere.

Es spielen: Heiko Walter (Penner, Henkeshofen, Cicero, Regisseur), Gesine Forberger (Ottilie, Tilly), Hardy Brachmann (Fritz, Fred), Jennifer Hebekerl/Denise Ruddock (Augostura), István Farkas/Juan Bockamp (Harry), Larissa Klaus/Wanda Szelinsky (Vera/Fred - Kind/Engel/Kohlenkind/Blumenkind), Mandy Krügel (Mädchen für alles), Jörn Körner/Michael Rabes (Krause/Lokführer/Plakatkleber/Polizist/Kameramann)
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