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Ein Handbuch zur Revolution?

Gene Sharps „From Dictatorship to Democracy“

von Tanja Claußnitzer, Daniel Häfner, Politik

Reprint eines Blicklicht-Artikels vom September 2011 zur Reflexion über die Ereignisse in der Ukraine

Seit Anfang des Jahres sind auf den Straßen der Welt Stimmen der Auflehnung zu hören. Es wird geklagt, gestreikt, gestritten – kurzum, es wird protestiert. Eine regelrechte Welle von Protesten war in der arabischen Welt unübersehbar – und erfolgreich.
Der Verlauf und die Dynamik der gewaltfreien Revolutionen überraschen. Doch ein fast vergessenes, oder besser unbekanntes Buch könnte als Anleitung dieser Revolutionen verstanden werden. So war es auch nicht verwunderlich, dass so manches in Kairo verwendete Symbol aus den gewaltfreien Revolutionen Serbiens und der Ukraine (2004) wieder zu erkennen war.

Die Frage, wie aus gelungenen aber auch gescheiterten Revolutionen gelernt werden könnte, stellte sich der amerikanischer Politikwissenschaftler Gene Sharp vor etwa 20 Jahren. Begleitend zum weltweiten Demokratisierungsprozess veröffentlichte Sharp 1993 einen Leitfaden für gewaltfreie Revolutionen „From Dictatorship to Democracy“. Ausschlaggebend für die überwiegend schematische Ausarbeitung von knapp einhundert Seiten war die Inhaftierung der bekannten Freiheitskämpferin Aung San Suu Ky 1993 in Birma. Gene Sharp, bekennender Demokrat und Pazifist, verfolgte und analysierte in diesen Jahren die blutige Niederschlagung der dortigen Oppositionsbewegung - die tragisch missglückte Revolution gegen das Militärregime.

Leitgedanke des Buches ist der gewaltfreie Sturz einer Diktatur durch gezielte Aktionen in einer strategischen Dramaturgie und der anschließende Schritt zur Etablierung eines funktionierenden demokratischen Systems. Denn aus einer erfolgreichen Revolution resultiert nicht automatisch eine demokratische Regierungsform (siehe Iran). Das Handbuch weist mit Nachdruck auf die unumgängliche Tatsache hin, dass nur mit gewaltfreien Aktionen das Ziel der Auflösung der Diktatur zu erreichen ist. Gene Sharp verweist auf die eigenen Kräfte der Bewegungen und die innere Stärke; als Prämissen zählen Entschlossenheit, Selbstvertrauen und Disziplin.

Am Anfang jedes Umsturzes steht selbstverständlich zunächst die Bewusstmachung, dass die eigene Bevölkerung einer diktatorischen Kontrolle ausgesetzt ist. Eine Diktatur ist stets abhängig von der willigen Gehorsamkeit der Menschen. Entsprechend gilt es, der Bevölkerung Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie sich widersetzten können. „Denn der Tyrann verfügt über die Macht, nur das durchzusetzen, dem wir uns mangels Stärke nicht widersetzen können.“ (Krishnalal Shridharani).
Wesentliche Maßnahmen sind so darauf ausgerichtet, die Quellen der tyrannischen Macht auszutrocknen: Autorität, menschliche und materielle Ressourcen, Fertigkeiten, Wissen, Sanktionen. Dem Regime müssen diese Machtpfeiler entzogen werden, um die Regierungsgewalt zunehmend zu schwächen.
Jedes dieser Regime hat zudem Schwachstellen, wie innerinstitutionelle Konflikte oder eine hohe Fehlerrate bei einer geringen Anzahl an Entscheidungsträgern. Diese Schwachstellen gilt es zu erkennen, zu nutzen und damit die Diktatur zu (Zer-)Fall zu bringen.

Entscheidend ist eine langfristig angelegte Strategie die einzelne Maßnahmen und Aktionen zusammenfasst. Im Sinne einer Grand Strategy, die den Entwurf der folgenden Maßnahmen schrittweise einrahmt, werden Vision und Idee ausgewählt, abgestimmt und aufbereitet. Entsprechend wird ein Plan erarbeitet, welcher die Konfliktlage, vorhandene Kapazitäten, sowie Stärken und Schwächen der sich gegenüberstehenden Parteien darlegt. Auf spezifische Ziele folgt die Festlegung spezifischer Methoden, beziehungsweise politischer „Waffen“. Gene Sharp hat im Anhang seines Buches die von ihm gesammelten Aktionsformen und Methoden niedergeschrieben. Eine Sammlung von 198 „gewaltfreien“ Waffen und Methoden lässt sich in drei Kategorien untergliedern: Protest, Nichtzusammenarbeit und Intervention.

Witze, Sprachspiele, Prozessionen, Streiks, Boykotte, Mahnwachen und Wahlbeobachtung sind einige der Methoden, die er nennt, und mit dieser Aufzählung wieder ins Bewusstsein ruft. Mit dabei sind ganz unterschiedliche Methoden, ganz niedrigschwellige Aktionen wie das Tragen eines Symbols, bis hin zu Aktionen fernab der persönlichen Alltagsroutine wie Streiks.

Strategisch werden alle Aktionen so gesetzt, dass Oppositionelle immer mehr an Selbstsicherheit gewinnen und langsam mutiger werden. Ziel ist es, die Exekutive, etwa Militär und Polizei, zur Aufgabe zu bringen. Das hört sich alles theoretisch und utopisch an, aber z.B. in Serbien verbündete sich die Polizei am Ende der Proteste mit den Oppositionellen und auch in Ägypten verhaftete die Militärpolizei zwar Oppositionelle, ließ diese aber von selbst wieder frei, weil sie einsah, dass die Revolution erfolgreich sein würde.

Zentral für alle Revolutionen ist es auch, ein Symbol zu gestalten, welches in den Alltag integriert werden kann und gleichermaßen Stärke und ein einheitliches Ziel demonstriert. Wer kennt sie nicht die „orange“ Revolution in der Ukraine im Jahr 2004? Orange, als Farbe, wurde von den Dissidenten lange Zeit als Symbol des Protestes getragen und später sogar als Modefarbe angenommen. Nach ähnlichem Muster funktionierten auch die anderen sogenannten Farbrevolutionen, wie die Rosenrevolution in Georgien 2003 oder die Tulpen-Revolution in Kirgistan 2005.

Wichtig für diese gelungenen gewaltfreien Umstürze war der Aufbau eigener Kommunikationskanäle, wie neuerdings das Internet. Die zunehmende Präsenz von virtuellen Netzwerken, wie Facebook, Twitter etc. ermöglichte es, sich in der Welt unabhängiger zu bewegen, zu kommunizieren und zu informieren.

Das besondere an den arabischen Revolutionen ist nun, dass sie nicht wie in Europa um Wahlen herum stattfanden. Zum Beispiel in der Ukraine (2008) und in Serbien dienten die Wahlen in den semi-repräsentativ-demokratischen Systemen als Taktgeber für die Bewegungen. Die Oppositionellen konnten durch eigene Umfragen immer nachweisen, dass Wahlfälschungen vorlagen und verbreiteten dies über eigene und internationale Medien. Dadurch entzogen sie den oft schon angeschlagenen Systemen die Legitimation. Nach zahlreichen, oft kleineren, Aktionen und einer dezentralen Organisation kam es dann zu Massenprotesten und oft auch zivilem Ungehorsam. Die Situation eskalierte – von Seiten der Opposition immer gewaltfrei – und die Exekutive gab auf.

Und es funktionierte: in der DDR, in Serbien 2000, in Georgien 2003, in der Ukraine 2004, im Libanon und Turkmenistan 2005, in Tunesien und Ägypten. Doch in der Geschichte gibt es keinen Automatismus, keine Gewähr - und so scheiterten auch zahlreiche gewaltfreie Revolutionsversuche: z.B. in Birma und Tibet, im Iran, in Syrien und Libyen.

Seither sind Diskussionen entstanden, inwieweit das Buch in Inhalt und Aussage beträchtlichen Einfluss hatte und als stiller Begleiter der o.g. Revolutionen fungierte. Nachweisbar ist, dass die Bewegung in Ägypten von den Oppositionellen aus Tunesien und Serbien unterstützt wurde. Nach dem Sturz Milosevics durch die serbische Bewegung OTPOR, organisierten OTPOR-Aktivisten Lehrseminare zur Verbreitung von gewaltfreien Methoden in Anlehnung an Sharps Leitfaden. So tauchte zum Beispiel auch das Symbol der serbischen Revolution von 2000 im Jahr 2011 auf dem Tahir-Platz in Kairo auf.

Eben dieses führt gleichsam zur Kritik. Gene Sharp wird – meist durch die autokratischen Systeme selbst – auch als Agent der CIA gesehen. Und eines stimmt – die erfolgreichen Revolutionen hinterlassen meist ein System nach westlichem Vorbild – kapitalistisch/marktwirtschaftlich mit einer repräsentativen Demokratie. Nach manchen Revolutionen werden auch nur die Eliten ausgetauscht, wie in der Ukraine die (post-)sowjetische Nomenklatur durch die neuen Oligarchen. Finanzflüsse zur Unterstützung der Oppositionsbewegungen aus den USA von privaten Mäzenen lassen sich nachweisen. Und welche Gruppen bestimmen überhaupt die angewandte Strategie und die Zielsetzung der Revolutionen?

Eines bleibt jedoch festzuhalten: der Grad der Freiheit ist nach den erfolgreichen Revolutionen für die betroffenen Menschen höher, auch wenn danach nicht zwangsläufig die beste aller Welten ausbrechen wird.

Tragende Rolle zur Popularität Gene Sharps und dessen Leitlinien ist unzweifelbar das Internet. So erlebt ein Buch, welches schon fast als vergessen galt, durch den Online-Austausch seit wenigen Jahren enorme Bekanntheit. Das Buch ist mittlerweile in mehr als 40 Sprachen übersetzt und wird vom Albert-Einstein-Institut kostenlos im Internet zur Verfügung gestellt.

Gene Sharp: „From Dictatorship to Democracy. A Conceptual Framework for Liberation.“, Einstein Institut, 1993, www.aeinstein.org


von Tanja Claußnitzer und Daniel Häfner, zuerst erschienen im ROBIN WOOD Magazin 3.2011 und in der Ausgabe 09/2011 der Blicklicht und wurde lediglich redaktionell (Formulierungen und Jahreszahlen) und nicht inhaltlich bearbeitet. Foto: jf1234.
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