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Gesehen: LA TRAVIATA

Premiere am 29. März 2014, Staatstheater Cottbus

von Jens Pittasch, Kultur

Es kam zur spontanen Fanclub-Gründung an diesem Premierenabend. Mit dem aufgeführten Stück hatte das nichts zu tun, alles dafür mit dem Darsteller dessen männlicher Hauptrolle: Alexander Geller.
Der 35-jährige Tenor in der Rolle des Afredo Germot überzeugte zwar anfangs, mit undifferenziertem 200% Schmettern, noch nicht gesanglich, dafür alle Besucher, die auf Männer stehen umgehend mit seinem Erscheinen. Nach der Pause war die übermäßige (An-)Spannung dann weg und er zu allen Tönen aller Betonungen und aller Emotionen fähig. Auch spielerisch wird er nach kurzer Zeit in Cottbus schnell zulegen, denn ab der neuen Spielzeit bereichert Alexander Geller unser Ensemble.
Und kann dabei insbesondere von Cornelia Zink lernen, seiner Cottbuser Spielpartnerin; sie ist „La Traviata“ - „die vom Wege abgekommene“ Edelkurtisane Violetta Valéry.
Violetta liegt am Boden, als sich der Vorhang zu einem gruselig faszinierenden Anblick öffnet. Was für ein Kontrast zwischen dem Totenkopf umrandeten, riesigen Bullauge, das die Bühne (Walter Schütze) dominiert und der erklingenden Musik in ihrer Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Auch die wenig bekleidete Frau am Boden mag sich ins musikalische Bild nicht fügen - so wenig, wie in die folgende Ausgelassenheit des plötzlich hereinbrechenden Partyvolkes.
Italienisch singen sie vom Paradies für eine Nacht und verschwinden schließlich in diese, gefolgt von der Musik, die nun aus der Tiefe der Bühne - fast verborgen - weiter erklingt. Und die im passenden Moment wieder hervortritt, um Szene und Handlung zu betonen.
Sofort ist klar, dass dies ein Abend der Stimmen sein wird. Cornelia Zink macht nicht erst mit ihrer Arie der Violetta (erneut) deutlich, auf welch besonderem Niveau sie seit einiger Zeit singt und spielt. Auch der Chor (Einstudierung Christian Möbuis) ist in Klang und Aktion großartig aufgelegt. Dann natürlich der bereits erwähnte Alexander Geller - und als Gast und Entdeckung dessen Vater im Stück, Giorgio Germont, Michael Bachtadze. Der in Deutschland lebende Georgier war äußerst kurzfristig für den erkrankten Andreas Jäpel eingesprungen und genau die richtige Ergänzung für Zink und Geller.
Das Trio und auch der Chor sorgen für häufigen und intensiven Szenenapplaus, ganze Bündel von Funken sprangen zum Publikum über, woran die musikalische Interpretation die Evan Christ und sein Philharmonisches Orchester fanden einen wesentlichen Anteil hat.
Ebenso, wie das an sich statische Bühnenbild, diese Wand, weit vorgezogen, so dass die Oper fast zum Kammerspiel wird und der Raum für Aktionen sehr begrenzt ist - die aber dieses Loch hat, das ins Nirgendwo zu führen scheint, hinter dem doch aber eigentlich unsere, die normale Welt liegt. Durch einfache Mittel (Licht und Projektionen) gestattet dieser Aufbau große Wirkungen. Und auch kleinere, die nicht immer funktionieren, wie ein Hintergrund-Wet-Shirt-Badespaß. Man hat die latente Frivolität der Gesellschaft, die Violetta Valéry um sich versammelt, inzwischen auch so verstanden.
Zu dieser gehören mit Annina, Vertrauter und Dienerin Violettas (Carola Fischer), Flora, einer Freundin (Marlene Lichtenberg), Gaston (Dirk Kleinke), Baron Douphol (Niccolo Paudler), Marquis v. Obigny (Ingo Witzke), Doktor Grenvil (Jörn E. Werner) und Joseph (Matthias Bleidorn) weitere Personen - deren Cottbuser Darsteller in dieser Inszenierung des Südtirolers Manfred Schweigkofler eines vereint: alle motivieren sich vom schon großen zum noch größeren, größten Klang.
Ein Höhepunkt jagt somit den anderen im Musiktheater, gerade noch „Peer Gynt“, nun diese „La Traviata“ - diesmal nicht „einfach daran beteiligt“ sondern von einer Klasse, für die die Superlative ausgehen: Cornelia Zink; sie ist ein Star ihres Fachs, und wir dürfen dabei sein. Das hebt sie zwar hervor - besonders erfreulich jedoch ist: dem gesamten Stück mit allen Beteiligten gelingt dieses Niveau.
Tosender Applaus, berechtigter tosender Applaus. Danke!
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