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Gesehen: 6. Philharmonisches Konzert

Staatstheater Cottbus, Großes Haus, 13. April 2014

von Jens Pittasch, Kultur

ATLI INGÓLFSSON (*1962)
Cottbus Diptych II: Slur | Auftragswerk des Staatstheaters Cottbus | Uraufführung

JÖRG DUDA (*1968)
„Longing for Silence" Op. 75/1b
Konzertstück Nr. 2 für Bassposaune und Orchester | Uraufführung

ANTONÍN DVOŘÁK (1841-1904)
Sinfonie Nr. 9 e-Moll op. 95 (Aus der Neuen Welt)


Hm, erneut viele freie Plätze zum Philharmonischen Konzert, dabei lief mit Dvořáks „Aus der Neuen Welt“ ein wirklicher Klassiker - sehr vergleichbar entstanden übrigens, wie die Cottbuser Composer-in-Residence-Werke. Und einer dieser Komponisten, Atli Ingólfsson, eröffnete den Abend.
Diesmal ohne Staubsaugerschlauch (siehe Teil-1, Blicklicht, April 2014) gab es „Diptych II: Slur“. - „Slur“ heißt mal Bogen-Bindung, mal Makel-Beleidigung. Nun, eine Beleidigung ist dieses Ergebnis des Cottbus-Soundlab sicher nicht. Erneut zeigt sich, dass die musikalischen Ideen über ein Experiment hinausgehen. Als Beleidigung (der Ohren) mag es, den Reaktionen nach, der eine oder andere Zuhörer leider empfunden haben. Vor allem aber gelang Atli Ingólfsson tatsächlich ein Bogen zu „Diptych I: Profil“. Von interessanten Klangentdeckungen und sich herausbildenden Motiven hatte ich zuletzt geschrieben. In „Slur“ entwickelt sich das Ganze zu einer Art Industrial Jazz auf klassischen Instrumenten, ist ein Klangkurvengependel mit Generalpause und unvermeidlichen Schlussquietschern - jedoch garnicht „to slur“ also weder verschmiert noch undeutlich. Nun müsste man nur noch beide Teile zusammen hören. Spätestens auf der nächsten „Impulse“-CD ist dafür sicher Gelegenheit.
Kennen Sie Jörg Duda? „Longing for silence“ - Sehnsucht nach Stille, ist sein Konzertstück überschrieben, das eigens für den Solisten des Abends, Stefan Schulz an der Bassposaune, komponiert wurde - und dessen Uraufführung nun in Cottbus erfolgte.
Stefan Schulz ist Professor an der UdK, Mitglied der Berliner Philharmoniker, studierte in Berlin und Chicago und kann auf eine interessante künstlerische und pädagogische Vita verweisen. Er hörte Jörg Dudas erstes Tubakonzert auf CD und beauftragte den Komponisten daraufhin, ein „großes ´romantisches´ Konzert für Bassposaune und Orchester“ zu schreiben. - Nun, romantisch ist es geworden, mit Tendenz zum Kitsch.
Zurückhaltend-sanft, gesetzt wie eine dezente Gesangsstimme, erklingt die Posaune nachdem das Orchester mit ganz ähnlich zarten Tönen eine kurze Einleitung gespielt hat.
Es ist eine Komposition mit Filmmusik-Charakter, die ideale Begleitung zu einem bunt-sorglosen Disney-Märchen voller Romantik, mit Happy-Begin und Happy-End. Zwischendurch erlebt die Hauptfigur (Bassposaune) viel Schönes, auch Phantastisches, kaum Gefährliches, bedingt Spannendes; Kling-Klang, Sing-Sang und Tanz allenthalben. MDR-Wunschmusik zum Damenkränzchen, eher langweilig, dafür aber nicht lang - immerhin sehr schön musiziert von Stefan Schulz und dem Philharmonischen Orchester unter Leitung von Ivan Repušić (als Gast).
Erst nach einer Zugabe darf Stefan Schulz in die Pause. Und er nutzt diese um zu zeigen, wie weitaus vielfältiger er mit der großen Posaune umgehen kann.
Klangvoll, sich zu kleinen Triumphen aufschwingend, beginnt Dvořáks Sinfonie Nr. 9 e-Moll op. 95 (Aus der Neuen Welt). Einzelstimmen werfen Motive in den Ring, die das Orchester mal aufgreift, mal mit interessanten Variationen unterlegt und schließlich in Symbiose durch eine Vielfalt der Stimmungen führt - leise & verspielt, akzentuiert & kraftvoll - die Neue Welt, wie auch wir uns die USA in Teilen vorstellen können.
Antonín Dvořák war 1892 aus Böhmen nach Amerika geholt worden, um als Direktor des National Conservatory of Music of America einen national-amerikanischen Musikstil zu entwickeln. Die US-Mix-Nation vermisste im ausgehenden 19. Jahrhundert eine eigene, nordamerikanische (Musik-)Tradition (wo hätte sie auch herkommen sollen), und wie Joseph Smith 1827 kurzerhand ein nordamerikanisches Evangelium (er)fand und damit eine neue Kirche begründete (die Mormonen), sollte Dvořák - so sein Auftrag: „Amerika von der Vorherrschaft der europäischen Kunstmusik lösen und ein nationales amerikanisches Gegenstück schaffen“. Während andere Folgen derartiger Minderwertigkeitskomplexe den bekannten us-imperialen Weltgendarmismus hervorbrachten, gelang dem von dieser Motivation eher unbelasteten Tschechen Dvořák ein zeitlos-eindrucksvolles Werk. Er kombiniert indianische Tonarten mit Spirituals, böhmische mit amerikanischer Volksmusik, Harmonien und Stimmungen, Eindrücke und Ideen. Im Ergebnis ist das, je nach Sichtweise, überhaupt nicht oder ganz und gar amerikanisch - eben multikulturell.
Nachdenklich beginnt der zweite Satz. Abschiedsstimmung, vielleicht auch Heimweh, liegt in den Tönen, bis mit einem großen Erwachen und mit Motiven des ersten Satzes dann die Freude zurückkehrt. Die Vorfreude vielleicht auf das Kommende in der neuen Welt und auch auf ein Wiedersehen in der alten. Ruhig und mit Hoffnung klingt dieser Teil aus.
Frisch wirbelt der dritte Satz herein, fordernd und bestimmt, fröhlich und lebenslustig.
Welten liegen auch zwischen den Stücken dieses Abends, stärker könnte der Kontrast zwischen Jörg Dudas „U-Musik“ und dieser unterhaltenden „E-Musik“ kaum sein, mit Idee und Anspruch von Dvořák einfallsreich erdacht und vom Kroaten Repušić und unserem Orchester in großem Können interpretiert. Glanzvoll bestätigen sie dies im vierten Satz mit seinem bekannt-mitreißendem Auftakt, dem sehnsuchtsvollen Mittelteil mit fast rockigen Einschüben und dem großartigen Finale.
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