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Cottbuser Bildende Kunst: MOSAIK & ATZE

dkw - Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus

von Jens Pittasch, Kultur

Wer älter ist als - sagen wir 40 - den haben sie als Kind sicher begleitet: die Digedags - und später möglicherweise auch die Abrafaxe, mit denen der Verlag das Format MOSAIK weiterführte, nachdem der ideele Träger Hannes Hegen im politischen und künstlerischen Streit gehen musste.
Womit wir auch mitten im Thema der Ausstellung des dkw wären, deren sperriger, offizieller Titel ist: „Atze und Mosaik - Das Geschichts- und Politikbild der Zeit von 1914 bis 1989 in DDR-Comics“. Sperrig-wissenschaftlich wie zunächst die Einführung, die Dr. Thomas Kramer in seine jahrzehntelange Forschungsarbeit in Cottbus gab. Er habilitierte sich 2001 an der Humboldt-Universität zum DDR-Comic MOSAIK, und die nun vorliegende Schau fasst seine Ergebnisse in Bildern, Mustern, Texten und Objekten zusammen.
Zwar sollte den Lesern der DDR-Comics, die vielleicht schon damals ein etwas erweitertes Weltbild entwickelten, klar gewesen sein, dass auch diese Publikationen einem staatlichen, inhaltlichen Gesamtdiktat unterlagen, in welchem Umfang und in welcher Art dies jedoch der Fall war, erschreckt dann doch. Wenngleich „Atze“ beispielsweise so plump-demagogisch war, dass ich das Ding schon als verstehendes Kind nicht anfassen konnte.
Dr. Thomas Kramer aber führt, jeweils klar belegt, den - wie er es nennt - Versuch der kulturellen Durchherrschung der Gesellschaft, der Geschichtsvermittlung im Auftrag der SED vor Augen. Während es dem Künstlerkollektiv des MOSAIK teils gelang auszuscheren, blieb ATZE der Parteilinie auch dann noch treu, als sich in der DDR selbst die Sichtweisen langsam öffneten.
Sehr interessant ist, wie Kramer für alle Geschichten und einzelne Bilder die hohe Treue zu historischen Ereignissen, Schauplätzen und Dokumenten aufzeigt. Auch ich hatte damals, teils in Lexika, teils in historisch/technischen Büchern bereits erstaunt festgestellt, dass man Schauplätze, Geräte und Personen oft 1:1 wiederfinden konnte. Neu dagegen war, nun zu erfahren, dass es für alle Ereignisse, die relevant für die kommunistische Sicht auf die Geschichte waren, verbindliche Bildvorlagen für alle DDR-Medien gab, also auch für die zeichnerische Umsetzung in Comics.
Und doch gelangen den Machern unbemerkt gebliebene, besondere Scherze. So schmuggelten sie Omar Sharif in einer Szene aus „Dr. Schiwago“ als Rotarmisten in ATZE oder stellten Ritter Runkel im Mosaik in die Pose des Berliner sowjetischen Ehrenmal-Helden.
Als 1955 die ersten Ausgaben des MOSAIK erschienen, spielten die Abenteuer der Helden Dig, Dag und Digedag noch in der Südsee oder im Orient - unerreichbar bald darauf für DDR-Leser hinter´m „antifaschistischen Schutzwall“. Also wurde das Zeichnerkollektiv zu politischen Aussagen angehalten. „Die Weltgeschichte ist dazu da, dass irgendwann die DDR gegründet wird.“, fasst Dr. Kramer den Auftrag zusammen. Was unter anderem zu Weltraum-Nazis führte, die von den Digedags selbstredend überlistet werden. Auch Zukunftsvisionen der außerirdischen, kommunistischen Zivilisation auf Neos und aktuelle DDR-Großbaustellen fanden Einzug in die Hefte, um schon den Kleinsten die Überlegenheit der sozialistischen deutschen Republik vor die staunenden Augen zu führen.
„Für mich das perverseste Kapitel war das Abfeiern des Mauerbaus im DDR-Comic.“, erklärt Thomas Kramer, der sich inzwischen sehr emotional in Fahrt geredet hat. ATZE ging hier mit besonders bösen Beispielen immer voran. Mit Geschichten, in denen böse Faschisten der BRD gehindert werden, in den blühenden Garten DDR einzufallen; bis hin zum BUMMI reichen diese Comics, zum Heft für die Allerkleinsten, die Vorschulkinder. Und schon diese wurden subtil zur Denunziation angehalten, etwa zum Melden verdächtiger Menschen beim braven Volkspolizisten. Auch eine sehr starke NVA Propaganda (Nationale Volksarmee der DDR) machte sich breit, mit heldenhafter Darstellung derer Wachsamkeit gegenüber den Imperialisten und idealisierten Bildern der Solidarität mit den Waffenbrüdern in der Sowjetunion.
Dr. Kramer ist nun aufgewühlt und beendet den Vortragsteil, um den Besuchern die Ausstellung selbst näher zu bringen. Da die Schautafeln und Ausstellungsstücke jedoch umfassend textlich erklärt sind, können Sie auch ohne ihn - noch bis 22. Juni - die Chance nutzen, dieses besondere Kapitel DDR-Kultur wieder, aber auch neu, zu erleben.
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