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Gesehen: NORA ODER EIN PUPPENHAUS

Premiere am 3. Mai 2014, Staatstheater Cottbus, Kammerbühne

von Jens Pittasch, Kultur

Ein Puppenhaus füllt auch die Bühne. Zwei Etagen hoch, raumfüllend, man schaut und schaut, und es gibt immer noch etwas zu entdecken (Gestaltung: Christoph Ernst). Zwei Stunden und zehn Minuten würde dafür Zeit bleiben, ohne Pause. Doch zweierlei sei vorweggenommen: man hat bald nur noch Augen für das faszinierende Agieren der fünf Darsteller - dem es auch zu verdanken ist, dass diese 130 Minuten fast ungemerkt vergehen.
Dann bricht Musik über uns herein - und Licht, viel Licht, laute Musik: „Come on baby, light my fire.“, singt Jim Morrison: „You know that it would be untrue; - You know that I would be a liar; - If I was to say to you; - Girl, we couldn't get much higher…”
Zum großartigen Song benehmen sich einige Leute im Haus garnicht artig. Drei Dick-Zigarren-Anzug-Erfolgstypen erkunden auf ganz eigene Art Zimmer für Zimmer im Erdgeschoss, zwei schicke Damen - ähnlich aufgedreht - die obere Etage. Wo sich, nach dem Gruppenpinkeln der Herren, alle treffen. Schon jetzt, nach wenigen Minuten ist klar: Hier wird gespielt, hier gibt es darstellende Kunst, Szenen voller Details, Aufmerksamkeit fordernd. Bald mehr, als man geben kann - und etwas verbunden mit der Gefahr, dass Worte und Handlung gegen das massiv körperliche Spiel verlieren.
Eins ist diese Inszenierung von Katka Schroth, übrigens Nichte unseres langjährigen Intendanten Christoph Schroth, dafür überhaupt nicht: weder ausschweifend textlastig, noch trocken an Vorgaben klebend - und doch erzählt sie Ibsens 1879 erschienenes Stück „Nora oder Ein Puppenheim“ recht genau, verzichtet dabei auf nicht unbedingt Nötiges und setzt interessante Ideen hinzu.
Die tragen zwar teils nicht zur Handlung bei, sind jedoch einfach köstlich (und zudem für die Darsteller anspruchsvoll; wie Michael Beckers Operngesang und Ariadne Pabst beim Spitzentanz).
Ariadne Pabst ist Nora, „nicht glücklich - nur lustig“, wie diese sagt, ist ihr Leben mit Helmer, ihrem Mann (Oliver Breite) und bereits drei Kindern. Noch lustiger könnte das sogar bald werden - zumindest im mit Geld zu kaufenden Umfang, wird Helmer doch bald Bankdirektor sein. Und seiner „Singlerche“, seinem „Eichkätzchen“, seinem Püppchen dann noch mehr schöne Spielsachen für´s Puppenhaus-Heim kaufen können. Schön haben sie´s - oder?
Wie erwähnt, treten die folgenden persönlichen Verwicklungen - zwischen Krogstad (Jochen Paletschek), Helmer und Nora einerseits und Frau Linde (Laura Maria Hänsel) andererseits - über längere Zeit etwas in den Hintergrund gegenüber der Art, in der sie spielen. „Brachial“ notiert mir meine Begleiterin Christiane in den Block und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Es ist eine Intensität, eine Dichte; gleich zu Beginn das schonungslose Licht, das aus dem Puppenhaus ein Labor macht - Operationen am offenen Herzen und Verstand eingeschlossen. Generell werden Licht, Szenen und körperliche Stil- und Spielmittel sehr bewusst eingesetzt und vermitteln Entwicklungen, die die Personen durchleben, eher, als es dem Einzelnen bewusst wird.
Das Ganze verdichtet sich deutlich, für Puppenspiele oder um sich oder anderen weiterhin etwas vorzumachen bleibt keine Zeit. Die Zeit der Wahrheiten kommt und damit die der Konfrontationen. Emotionen brechen auf, Beherrschung wird (in mehrfachem Wortsinn) durchbrochen, es wird handgreiflich heftig, und all das geschieht (in der Kammerbühne und sinnlich) beängstigend nah.
Es ist gut, mit etwas Abstand darüber zu schreiben, da mit dem ersten Eindruck vor allem das WIE in den Knochen steckte. Erst im Erinnern, mit ins Bewusstsein springenden Szenen, wie jetzt - beim Anschauen der Fotos, verdeutlicht sich das WAS - die Besonderheit, fast Genialität dieser Inszenierung - deren offensichtliche Besonderheit die großartigen schauspielerischen Leistungen sind. Ein Erlebnis, eine Empfehlung, bestes Theater - danke!
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