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Gesehen: 7. Philharmonisches Konzert

Staatstheater Cottbus, Großes Haus, 4. Mai 2014

von Jens Pittasch, Kultur

- LUÍS ANTUNES PENA (*1973)
1441 für großes Orchester | Auftragswerk des Staatstheaters Cottbus | Uraufführung

- AARON COPLAND (1900-1990)
Appalachian Spring

- GORDON SHERWOOD (1929-2013)
Blues Symphony op. 118 | Uraufführung

- GEORGE GERSHWIN (1898-1937)
Rhapsody in Blue


„1441“ heißt das erste Stück.
#1441 ist die Nummer der UN-Resolution, die zum Irak-Krieg führte.
Mit 1441 brachte Luis Antunes Pena neue Dimensionen ins Cottbus-Soundlab; politisch und musikalisch. Die politische Seite lässt auch den Amerikaner am Pult nicht unberührt. Evan Christ richtet persönliche Worte ans Publikum, erklärt die besondere Motivation zur Entstehung des Stückes, geht kurz auf die wenig gute Rolle ein, die US-Amerika dabei spielte - und weist auf instrumentale Besonderheiten, wie pickende Hühner (ein Holzspielzeug) und Megaphone hin.
Was wir dann hören, ist ein faszinierend umgesetztes Stimmengewirr in beängstigenden Steigerungen und bedrückenden Stillen, Megafonrauschen mit (Hühner-)Knacken darin als im Hintergrund laufender Funkverkehr - alles ist in äußerster Anspannung, in größter Gefahr.
Beindruckt findet man sich in diesem wirklich sehr spannend erzählten Stück der jüngeren Geschichte, ja sogar der jüngsten. Denn diese Musik spricht nicht nur von dem, was im Irak war, sondern passt sehr gut zu dem, was in Sachen NSA oder Ukraine gerade ist: „Information warfare“ - der Informationskrieg zu dem Manipulation und Falschmeldungen gehören und eine Politik, die Entscheidungen auf diesen „Erkenntnissen“ gründet - mit den bekannten Folgen: ob ´Überfall´ auf den Sender Gleiwitz, Maidan-´Helden´ oder Krim-´Befreiung´. Insofern reicht „1441“ weit zurück und weit voraus und verdient inhaltlich und musikalisch höchste Anerkennung.

Nun beginnt der andere amerikanische Teil des Abends. Denn an sich soll sinfonische Musik der USA in dessen Mittelpunkt stehen. Ein Stück kulturelle Heimatvermittlung des Generalmusikdirektors Evan Christ für sein Cottbuser Publikum.
“Appalachian Spring” von Aaron Copland klingt zunächst nach etwas “Heidi in den Bergen”, dann nach „Peter und der Wolf“, mit Episoden zwischen Disney und „Fluch der Karibik“.
Fast überraschend erlangt die Komposition dann Unabhängigkeit von diesen Klischees und blüht thematisch („Spring“) auf. Große Freude und Verspieltheit nahezu, bei zugleich hoher Konzentration und Präzision im Orchester, mit glänzend aufgelegten Bläsern.
Und so ergibt sich am Ende der Eindruck eines Werks der großen Emotionen, äußerst gefühlvoll gespielt, mit sehr viel mehr Substanz, als zunächst vermutet. Eine Empfindung, die auch zur Entstehungsgeschichte des Stücks passt, bei dem anfangs weder Auftrag noch Titel noch Musik einen Zusammenhang zu bilden schienen - sich beim Zuhörer genau dieser dann jedoch bildet.

Eine weitere Uraufführung folgt, die „Blues Symphony“ von Gordon Sherwood.
Doch zunächst spricht erneut Evan Christ zu uns: „Ich habe das Bedürfnis etwas zu sagen ... das ist ein Stück für die Cottbuser..“, als er es kennenlernte wusste er, dass er genau diese Musik mit nach Cottbus nehmen würde, für seine Cottbuser. „Gordon Sherwood hat erfahren, dass Cottbus sein Stück spielen wird, er wollte eigentlich kommen - doch ist dann am 2. Mai 2013 gestorben.“ Genau ein Jahr darauf nun, am 2. Mai 2014, erfolgte in besonderer Würdigung des Komponisten die Cottbuser Uraufführung.
Wie schade, dass Gordon Sherwood diese Umsetzung seiner Arbeit und den berechtigten Jubel der Konzertbesucher nicht mehr erlebte. Ihm gelang eine atemberaubende Schöpfung, sein sinfonischer Blues ist die beste denkbare Verbindung beider Musikwelten. „Win-win“ in Reinform, ein grandioses, so nahgehendes, aufwühlendes Werk - das pure Leben. Wollte man ein Stück in den Weltraum senden, um uns fremden Völkern ohne Worte zu beschreiben, dann genau so. Und bitte mit einer Aufnahme dieser Cottbuser Interpretation durch Evan Christ und sein Philharmonisches Orchester - mit bemerkenswerten Soli von Alexander Muhr und Jens Willenberg (Klarinetten), Henning Plankl und Lu Schulz (Sopransax), Peter Voigt und Uwe Broeske (Altsax), Petra Sauerwald (Tenorsax) und Thomas Seibig (Bariton- und Basssax).
Apropos Aufnahme, diese gibt es, denn am 25. Mai wurde der Cottbuser Sherwood im Kulturradio des rbb gesendet: Bitte bringt uns davon eine CD!

Der bisher am Rand stehende Konzertflügel wird herbei geholt. In strahlend rotem Kleid kommt Claire Huangci auf die Bühne, einstmals das Wunderkind, das mit zehn Jahren ein Privatkonzert für den US-Präsidenten gab, inzwischen weltbekannte und vielfach geehrte Ausnahmepianistin, die (meist) in Deutschland lebt und an der Musikhochschule Hannover ihr Können verbessert. Ein Ansinnen, das zumindest fraglich erscheint, angesichts dessen, was wir gleich hören sollen.
Claire Huangci ist unsere Solistin für das Werk, das vermutlich die meisten Besucher zu diesem Konzertabend geführt hat, Gershwins „Rhapsody in Blue“.
Und wer nun, wie ich gerade noch, gemeint hatte, die „Blues Symphony“ sei kaum zu toppen, sah sich getäuscht. Es tut mir leid, doch für diesen Abschluss des Abends gehen mir schlicht die Superlative aus. - Gefühlt zwanzighändig spielt Claire Huangci in perfekter Schönheit, Zartheit, Kraft und Energie und motiviert das Orchester zu ebensolcher Begleitung. Es ist etwas ungerecht, doch stellvertretend für jeden der Musiker nenne ich auch hier die Solisten: Alexander Muhr (Klarinette), Frank Würtzl (Trompete) und Nikolas Naudot (Posaune).
Stürmischer Jubel und endloser Applaus. Als Zugabe (danke für die Auflösung, Elke) eine Klavierfassung des Pas de deux aus Tschaikowskis Nussknacker: „Man - ist die gut!“, steht zu Claire Huangci nun in meinem Block.
Was bleibt zu sagen? Es war EIN EREIGNIS!
Vielen Dank.
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