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Gesehen: WAS IHR WOLLT

Premiere am 26. April, gesehen am 16. Mai 2014, Staatstheater Cottbus

von Jens Pittasch, Kultur

Vor 450 Jahren wurde William Shakespeare geboren. An die 40 Stücke werden ihm zugeschrieben, von denen nicht wenige zu Standardwerken des Theaters wurden und einige Textzeilen zu geflügelten Worten. Eine seiner bekanntesten Komödien ist „Was ihr wollt“. Das kann als Frage gemeint sein, wird jedoch meist als Antwort verwendet: Ihr bekommt, was Ihr wollt. - Die Frage dahinter ist eher: Was wollen wir eigentlich?
Eine Frage, die sich ein Regisseur üblicherweise auch stellt und beantwortet, bevor er eine Inszenierung in Angriff nimmt. Ob das bei Amadeus Gollner auch so war, beantwortet seine dritte (und erste große) Regiearbeit leider nicht. Eher scheint es, ließ er einige seiner Darsteller machen, was diese wollten. So darf sich Heidrun Bartholomäus in der Rolle des Narren über die Gebühr bedeutungsschwer in den Vordergrund spielen und singen. Darf (oder muss?) Matthias Manz erneut in zig Verkleidungen auf unzähligen Instrumenten spielen (was er sehr gut kann, sich aber in mehreren Stück nacheinander abnutzt), wirkt Michael von Bennigsen teils wie sein Sancho Panza im gerade laufenden „Don Quichote“ (weil er das einmal drauf hat und gerade will?) - und spielt all das in einem einzigen Bühnenbild, dessen Aussage und Bespielbarkeit auch eher im Wollen bleibt.
Dabei finde ich es sehr gut, den Schauspielern Raum und Möglichkeiten zu geben, die Handlung mit ihren künstlerischen Mitteln aufzubauen. Diese Schiffsspanten allerdings, mit dem Kiel als ständigem Herein- und Herausweg, sind keine sehr glückliche Wahl (und wirken zudem unfallträchtig, was Aufmerksamkeit an Stellen erfordert, die eher dem Spiel dienen sollten).
Aufmerksamkeit ist ein gutes Stichwort. Denn nach effektvoll-stürmischem Auftakt richtet sich diese sehr schnell auf sehr aufmerksam agierende Schauspieler. Denen als nahezu einziges, weiteres Mittel eine herausstechende Kostümierung gegeben wurde. Die mal sehr gut auch in die Szenen passt (Kleiderwechsel Kapitän-Viola), mal aber auch unverständliche Akzente setzt (leuchtblauer Anzug, Fabian; Ausstattung: Matthias Rümmler).
Die möglicherweise unbeantwortete Frage nach der Regieidee führt im ersten Teil der Inszenierung immerhin dazu, dass alle Beteiligten zunächst aus jeder Figur das individuell Beste machen, ebenso, wie in einigen Reibereien, Ereignissen und Begegnungen miteinander.
Bemerkenswert hierbei Susann Thiede (Gräfin Olivia) im eindrucksvollen Gleichgewicht zwischen herrschaftlicher Aufgesetztheit, Gefühl, Überraschung, Erkenntnis und Aufgedrehtheit. Hoch gefordert auch Kai Börner in seiner lediglich einfach erscheinenden Rolle des Junker Tobias von Bleichenwang. Die ganze Zeit diese affektiert-alberne Figur in dieser köstlichen Weise (und in dieser Maske) zu spielen verlangt viel. Kai Börner kann das.
Ähnlich geht es Gunnar Golkowski, der als Junker Tobias von Rülp unentwegt trinkend und betrunken umhertorkelt und trotzdem, beziehungsweise deswegen, allerlei wichtige Wahrheiten beisteuert.
Auch bezieht sich die Sancho Panza Kritik weniger auf Michael von Bennigsen, als auf die Regie, denn Michael von Bennigsen gewinnt im Stück nicht nur den Preis für schnelle Umzüge sondern auch für gelungene Rollenvielfalt. Er kann nichts dafür, dass Fabian handlungsseitig irgendwie überflüssig ist, dafür gibt er seinem Antonio bestens Gestalt.
Kristin Muthwill spielt eine sehr gute Hauptrolle. Als junge Frau Viola in Illyrien gestrandet, sich zum jungen Mann Cesario verkleidend, da ihr das geeigneter erscheint, um am Hof des dortigen Herrschers Orsino (Thomas Harms) Stellung zu finden, sich dann jedoch in diesen verliebend (was im Stück weitgehend auf der Strecke bleibt), der wiederum Gräfin Olivia liebt, die sich in den „Burschen“ Cesario verliebt und die von Malvolio, ihrem Haushofmeister (Michael Günther), geliebt wird. Außerdem gibt es Sebastian, Violas Bruder (Johannes Kienast), als ertrunken geglaubt, jedoch mit ihr gestrandet und „Cesario“ zum Verwechseln ähnlich. Weshalb Olivia schließlich ihn heiratet, jedoch Cesario meint. Und es gibt Maria, Olivias Kammerfrau (Sigrun Fischer), die gemeinsam mit den Junkern einen wunderbaren Plan ausheckt, um dem eingebildeten Malvolio eins auszuwischen.
Es ist also ein Verwirr- und Wechselspiel mit allen Möglichkeiten, die Theaterregister zu ziehen.
Einigen der hieraus entstehenden Szenen gibt die Inszenierung, wie auch den interessanten Charakteren, viel Aufmerksamkeit. Andere Situationen und Personen (Sebastian, Fabian, Orsino) erschließen sich dagegen kaum, beziehungsweise scheint es, als bliebe (bei ohnehin bereits 2:50h Spieldauer) dafür keine Zeit mehr. So staut es sich gegen Ende weniger turbulent, als gedrängt und vermasselt den Gesamteindruck: Toll gespielt, mit Potenzial in der Umsetzung der Idee.
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