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Dublin ist nicht nur eine Stadt sondern auch ein Verfahren….

von Stefanie Kaygusuz, Politik

Stell dir vor liebe Cottbusser*in du brauchst einen Ort, an den du fliehen kannst. Vielleicht weil du wegen deiner Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen deiner politischen Überzeugung aus deinen Heimatlanden fliehen musstest und von dem Staat, aus dem du kommst, keinen Schutz vor dieser Verfolgung erhalten hast. Wie auch immer du das Geld für die Flucht zusammenbekommen hast, es hat nicht gereicht für eine Flucht im Flugzeug mit gefälschten Pässen (mit deinem Pass – wenn du einen ausgestellt bekommen hast – kannst du leider nicht fliehen, weil du damit direkt von den Behörden deines Landes einkassiert werden würdest). Du musstest die organisierte Flucht über den Landweg wählen, dafür hat sich deine Familie für die nächsten Jahre verschuldet.
Über Meere in kleinen Booten, dann über diverse grüne Grenzen in den Bergen immer mit der Angst entdeckt zu werden, einen Tag lang sitzt du sogar eingepfercht in einem LKW mit vielen anderen. Da ist die Angst zwischen all den fremden Menschen zu ersticken größer als die Angst vor irgendwelchen Grenzbeamt*innen. Irgendwann wird der LKW angehalten und von uniformierten Menschen geöffnet an deren Jacke das dir unbekannte Wort Zoll steht. Wie die Schmuggler*innen dir eingetrichtert haben rufst du laut „Asyl“ auch die anderen Menschen im LKW stimmen in den Ruf ein. Ihr werdet alle zusammen in ein Haus gebracht an dem mit sehr großen Buchstaben POLIZEI steht und sie nehmen eure Fingerabdrücke, fotografieren dich. Du willst dem Polizisten noch sagen, dass du kurz nach der Überquerung des großen Meeres schon einmal deine Fingerabdrücke abgeben musstest, aber er versteht dich nicht.
Dann wirst du in eine Stadt mit einem langen Namen gebracht „Eisenhüttenstadt“ und musst einem Mann deine ganze Geschichte erzählen. Du nimmst dir dafür sehr viel Zeit, denn du möchtest diesem Mann gut erklären, warum du geflohen bist, warum du Hilfe brauchst, was sie dir im Gefängnis angetan haben. Du redest viele Stunden hast sogar einige Dokumente in Folie eingeschweißt, die deine Geschichte sehr gut beweisen können. Doch am Ende der Anhörung stellt dir der Mann Fragen nach deinem Reiseweg. Du verstehst nicht genau, warum er das wissen muss, schließlich hast du ihm so viele Stunden von deiner Verfolgung erzählt. Auch hast du die Warnung der Schmuggler*innen im Ohr immer zu sagen, dass du mit dem Flugzeug gekommen bist. Das erzählst du dem Mann mit rotem Kopf. Er fragt immer detaillierter nach und du verstrickst dich in Widersprüche und endlich darfst du wieder in die Gemeinschaftsunterkunft zurück. Von dort kommst du ziemlich bald in eine Unterkunft nach Cottbus. Cottbus gefällt dir, denn du findest über Studierende, die du auf einer Party im Muggefug kennengelernt hast, schnell Anschluss. Du kannst einen Sprachkurs machen und außerdem läuft ein Anerkennungsverfahren deiner Studienleistungen. Ja vielleicht darfst du bald in Cottbus studieren. Dass du wegen deiner Hautfarbe ständig angestarrt und manchmal auch angepöbelt wirst, das kannst du ignorieren (meistens zumindest), denn du hast viele Freunde und Bekannte gefunden. Du übersetzt für andere Geflüchtete, und selbst die manchmal unfreundlichen Menschen in den Behörden sind froh, wenn du die anderen begleitest und für sie vermittelst.
Und dann bekommst du eine Brief mit der Aufforderung dich für deine Abschiebung nach Italien (wahlweise auch Griechenland usw.) bereit zu halten, in vier Wochen und maximales Gepäck 20 Kilo. Du verstehst die Welt nicht mehr. Warum denn Italien? Ein Anwalt erklärt es dir für ein Honorar von 50 € (dein monatlich frei verfügbares Taschengeld beträgt 40 €): Deutschland ist nicht zuständig für das Asylverfahren, wenn der Asylsuchende über einen sogenannten Dublin Staat eingereist ist und kann in diesen Dublin-Staat abgeschoben werden. Es dämmert dir, dass es wohl Italien war, wo du auf deiner Flucht schon einmal Fingerabdrücke abgeben musstest. Doch wie kommen die deutschen Behörden an diese? Um diese Frage kreisen deine Gedanken immer wieder. Vielleicht damit du nicht daran denken musst: Wieviel 20 Kilo sind? Wann deine „Reise“ endlich zu Ende sein wird? Wann du in Sicherheit bist? Warum du nicht in Cottbus ankommen durftest? Wo du leben wirst in Italien? Möglicherweise auf der Straße, wie die vielen anderen Flüchtlinge, die du auf deiner Reise durch Italien gesehen hast. Du heißt Ali, Samara, Mohammed, Aynura, Achmad, Samir, Zara, Behiye.
Anmerkungen: Mit dem Dublin- Verfahren wird den Geflüchteten die Möglichkeit genommen, selber zu entscheiden, wo sie Asyl beantragen möchten. Denn das europäische Land, das als erstes betreten wurde (und sei es nur zur Durchreise) ist automatisch zuständig für das Asylverfahren. Die Hauptlast wird damit an die europäischen Außen-
grenzen verlagert. Deutschland und die Länder im Norden Europas gehören zu den Profiteuren dieses Systems. Seit Ende 2013 hat eine regelrechte Welle von Abschiebungen an die Ränder Europas begonnen, wo die meisten Geflüchteten in Obdachlosigkeit und unter miserablen Bedingungen leben müssen.
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