Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Gesehen: 8. Philharmonisches Konzert

Staatstheater Cottbus, Großes Haus, 25. Mai 2014

von Jens Pittasch, Kultur

- LUÍS ANTUNES PENA (*1973)
Acceleration für großes Orchester | Auftragswerk des Staatstheaters Cottbus | Uraufführung

- WOLFGANG AMADEUS MOZART (1756-1791)
Sinfonie Nr. 33 B-Dur KV 319

- ANTON BRUCKNER (1824-1896)
Sinfonie Nr. 7 E-Dur


Als Gast der Redaktion besuchte Yvonne Ciupack dieses Abschlusskonzert der Spielzeit. Sie ist Schauspielerin der BÜHNEacht und somit zwar nicht vom selben Fach, doch aber künstlerische Fachfrau. Im Gespräch mit Jens Pittasch schilderte Yvonne ihr ganz persönliches Konzerterlebnis.

Jens: Der Abend begann mit einer der Uraufführungen extra für Cottbus komponierter Stücke. Was meinst Du zu dieser sehr modernen Musik?
Yvonne: Laut Beschreibung beschäftigt sich das Stück damit, wie Arbeits-, Sozial- und Privat-Prozesse beschleunigt wurden. Ich hatte mir das im Programmheft aber noch nicht durchgelesen. Und eher einen bedrohlichen Eindruck wahrgenommen. Eine Beschleunigung war deutlich zu spüren, aber als Zuhörer hatte ich ein stark ortsgebundenes Gefühl. So als wäre ich in einer sehr dunklen Höhle eingesperrt und müsse nun blind den Ausgang suchen.
Jens: Immerhin aber ein sehr starker Eindruck.
Yvonne: Allerdings. Und dieses Empfinden wurde durch das ´Violin-Zupf-Echo-Spiel´ verstärkt. Die Streicher zupften ihre Instrumente und wechselten sich dabei so ab, dass man das Gefühl hatte, ein Echo schwebt durch den Raum. Ich interpretierte das Stück also anders, aber ich empfinde das keineswegs als negativ. Ich fand die Stimmung großartig. Etwas gruselig, spannend, aber nicht beklemmend. Bei solchen Titeln könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass auch junge Leute wieder Lust auf philharmonische Konzerte bekommen könnten. Von mir aus gern: mehr davon!
Jens: Dann kam das bei Dir genau richtig an. Denn neben der Absicht das musikalische Spektrum mit der modernen Musik zu erweitern ging es dem Generalmusikdirektor Evan Christ darum, neue Zielgruppen anzusprechen. Das ganz junge Publikum mit den Familienkonzerten und die Jugend beispielsweise mit moderner Musik.
Yvonne: Ah, Evan Christ war auch der Dirigent an diesem Abend, zu ihm komme ich noch.
Jens: Mit ihm und für Euch ging es dann klassisch weiter.
Yvonne: Stimmt. Mit Mozart. Als Anschluss zum modernen Teil war das sehr schön. Instrumental war da natürlich nichts zu bemängeln. Interessant war das Cembalo. Es hat diesen typischen Klang aus Mittelalterfilmen. Man hatte dadurch das Gefühl am königlichen Hofe zu sein. Das Besondere aber war für mich ganz klar Evan Christ: Schon im Programm wurden die ´Gesten´ mit denen Mozart wohl arbeitete angedeutet, was Evan Christ aber daraus machte war fantastisch. Er führte eine Kommunikation mit dem Publikum, indem er sich immer wieder zu den Besuchern drehte und Mimik und Gestik einsetze. Es hatte viele humoristische Elemente und ich habe mich dadurch doppelt unterhalten gefühlt. Einmal hatte man die schöne Musik und dann dazu die lustigen Andeutungen des Dirigenten. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass kaum ein anderer Zuhörer diese Kommunikation verstanden oder gar wahrgenommen hatte. Das fand ich etwas schade. Wenn ich in die Gesichter der Anderen geblickt habe, wirkten die irgendwie leer.
Jens: Diese Sichtweise ist interessant. Denn von anderer Seite habe ich gehört, dass sich Gäste über das ´Gehampel´ aufgeregt hätten.
Yvonne: Darauf sollte er nicht hören. Ich muss sagen, das war mir schon bei unserem letzten Besuch beim philharmonischen Konzert aufgefallen: die Kommunikation mit dem Publikum ist fast nicht vorhanden. Ich weiß, dass das auch nicht typisch ist für klassische Konzerte, aber das würde mir persönlich als frischer Wind gefallen.
Jens: Passend zum angestrebten Generationswechsel.
Yvonne: Ja, Recht machen kann man es eh nicht jedem. Mich aber würden die ´Besonderheiten´ der Konzerte sehr interessieren. Also bei fünften beispielsweise dieser Trichteraufsatz für die Trompete und nun das alte Tasteninstrument. Oder auch die Intentionen der Künstler. Klar, dazu steht was im Programmheft und man kann zur Einführung gehen. Doch dann fühlt man sich immer so hin gesetzt und muss einfach zwei Stunden die Klappe halten und die Ohren spitzen. Eine stärkere Kommunikation auch während des Konzerts würde mich begeistern. Daher hat mir auch diese 33. Sinfonie Mozarts so gut gefallen. Generell bin ich kein riesen Mozart-Fan, aber ich habe mich sehr angesprochen gefühlt.
Jens: Es stimmt. Ich bin auch jahrelang nicht mehr zu den Philharmonischen Konzerten gegangen, da es mir einfach zu steif und anstrengend war. Und die gleichen steifen und wegen falscher Garderobe erst böse guckenden Leute dann aber an den unpassendsten Stellen mit Bonbonpapier rascheln.
Yvonne: Ohne jemanden angreifen zu wollen - ich fand es wirklich schade, dass viele der Zuhörer für diese Auflockerung gar nicht offen waren oder zumindest nicht reagierten. Das war wirklich traurig. Ich hatte das Gefühl, dass einige ´Konzert-Zombies´ für die zwei Stunden Konzert ihr Hirn einfach abstellen. Ankommen-Hinsetzen-Nach-vorne-Starren-Klatschen-fertig. Für den Großteil des Publikums wohl Routine? Das Gefühl ´allein unter Tausenden´ zu sein, hat mich an diesem Abend sehr geprägt.
Jens: Wenn ich Dich so höre - ich werde bei Evan Christ einmal anregen, Gespräche wie unseres auch direkt zu suchen. Er hat ja in verschiedener Form Kontakt zum Publikum, auch zum jüngeren - doch möglicherweise ist das eine gute Ergänzung und gegenseitige Erfahrung.
Wie ging es an diesem Abend denn weiter?
Yvonne: Naaa ja: Nach der Pause war dann leider auch mein Gesicht leer. Nach einem heißen Sommertag ist man ja abends sowieso etwas müde, wenn man dazu aber noch Stücke hört, die sich nur im Schneckentempo entwickeln, wird man auch schon mal im Theater schläfrig.
Jens: Oh, so schlimm? Was gab es denn zu hören?
Yvonne: Bruckner. Besonders die ersten beiden Teile wollten keine frische Stimmung bei mir aufkommen lassen. Generell war der Bruckner stark einem Leitthema unterzogen. Was einen dann doch langweilte, weil es sich ständig wiederholte. Einen inneren Kampf kämpfte ich dann im zweiten Satz, dem Adagio. Es kündigte sich mit "sehr feierlich und langsam" an, was mir bei meiner Müdigkeit schon etwas Sorge bereitete. Aber als es dann einfach nicht enden wollte, fielen mir die Augen zu.
Jens: Was ich nicht schlimm finde. Wenn ich dort bequemer sitzen könnte und die Raschler und Huster nicht wären, würde ich gern häufiger die Augen schließen und einfach die Musik wirken lassen. Ab und zu gelingt es irgendwie - unter bösen Nachbarschaftsblicken, wenn man sich so hinlümmelt.
Yvonne: Na mit den letzten beiden Bruckner Sätzen wärst Du zum Glück wieder etwas wach gerüttelt worden. Was ich aber prima an Bruckner fand: Bläserfreunde kamen hier voll auf ihre Kosten. Ich persönlich mag Blasinstrumente sehr gerne und besonders die Querflöte, die hier sehr oft zum Einsatz kam, das hat bestimmt nicht nur mich sehr gefreut.
Jens: Also insgesamt ein positives Fazit?
Yvonne: Natürlich, es war ja auch dieser Bruckner technisch toll, nur aus meiner Sicht einfach zu sehr genau das unkommunikative, langatmige Stück, die ein junger Mensch bei einem klassischen Konzert - zumindest laut Klischee - erwartet. Dass sich die Melodien musikalisch langsam entwickeln und sehr von Leitthemen geprägt sind, ist natürlich Geschmackssache. Aber leider war auch jeglicher Zauber und jede Kommunikation mit dem Publikum verschwunden. Etwas schade, dass das Konzert so endete, sonst hätte ich bestimmt wieder Grund gehabt auch unter meinen jungen Kollegen Werbung für das Philharmonische Konzert zu machen.
Jens: Na Du kannst das bestimmt trotzdem machen, denk´ Dir das Konzert einfach nochmal anders herum.
Yvonne: Ja, sehr gut. - Und es geht ja auch nicht nur um junges Publikum. Übrigens: Dass das Orchester des Staatstheaters es aber drauf hat bei jungen Leuten zu landen, hat es schon bewiesen. Ich erinnere da an das Konzert, ich glaube im Rahmen eines BTU Sommerfests. Zum einen waren dabei die Titel sehr gut ausgewählt, zum Beispiel die Titelmelodie von Star Wars - ein absoluter Pluspunkt an einer Technischen Uni -, und da hatte Evan Christ auch gezeigt, dass er sehr offen für junges Publikum ist. Und war er nicht sogar schonmal beim Kinder Campus?
Jens: Ja, 2011 - da gab es Experimente zum Schall. Es waren einige Musiker mit ihren Instrumenten dort. Sie zeigten, wo die Töne herkommen und die Kids und anderen Gäste konnten es selbst probieren.
Yvonne: Ah, richtig. So muss man es machen. - Na jedenfalls: Ich komme gern wieder zu einem der Konzerte und wünsche den Musikern schonmal eine schöne neue Spielzeit - und vorher
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus