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Gesehen: SHOCKHEADED PETER

Staatstheater, Großes Haus, Premiere, 21.06.2014

von Christiane Freitag, Kultur

Da war es wieder! Eines meiner Kindheitstraumata. Wach und lebendig wie eh und je. Nun auf der Bühne wiederbelebt: Der Struwwelpeter!
Jeder war wohl als Kind auch Opfer der Ausflüge in die schwarze Pädagogik seiner Eltern. Nun ja, ich auch - und dieses Buch fand ich schon immer recht verstörend. Kindern werden Daumen abgeschnitten, Beine abgebissen, sie verbrennen, verhungern, fallen ins Wasser und ertrinken oder werden hinfort in den Himmel getragen. Schaurig, schaurig… .
Und dabei ist die eigentliche Idee hinter dem Werk: ein LEHR-Buch.
Toll! Oder auch nicht. Notwendigkeit ist die Mutter der Erfindungen, und so schrieb der Nervenarzt Heinrich Hoffmann, weil er für seine Kinder zu Weihnachten 1847 schlicht kein adäquates Benimm-Lehrwerk fand, eben selber eins. Und es war sofort ein Erfolg. Irgendwie ja dann doch auch wieder passend für die damaligen pädagogischen Weltanschauungen - wenn auch zweifelhaft aus heutiger Sicht.
Der britische Autor und Regisseur Phelim McDermott, der Regisseur, Bühnenbild- und Kostümbildner Julian Crouch und der Sänger der Band „The Tiger Lillies“, Martyn Jacques, machten aus dem historischen Gruselknigge ein bühnenfähiges Werk und schufen so die „Junk-Opera Shockheaded Peter“, die, 1998 in Leeds uraufgeführt, seitdem ein weltweiter Erfolg ist.
Der hiesigen Inszenierung (Regie: Mario Holetzeck) wird es sehr wahrscheinlich ähnlich ergehen.
Von der ersten Sekunde an hat sie das Publikum im Griff und das konstant bis zur letzten. Während der Beginn noch an die Rocky-Horror-Show erinnert, entwickelt das Stück im weiteren Fortgang eine skurril-gruselige und sarkastisch-makabere Eigenständigkeit. Getragen wird dies zum einen durch das mehr als geniale Bühnenbild (Bühne: Juan León). Eigentlich recht klein, erzeugen Bauweise und Konstruktion immense Tiefe. Gespielt wird dabei mit dem klassischen Bild der sich entfernenden Zimmerdecke, wobei selbige hier auch Projektionsfläche für die jeweilige Lach- und Sachgeschichte, pardon, ich meinte Heul- und Gruselgeschichte ist. Pappkulissen, an Stangen getragen, bebildern hier den jeweiligen Hintergrund wie im überdimensionalen Puppentheater. Und die Gravitation scheint aufgehoben, laufen die Schauspieler schließlich die Wände entlang. Hier ein Türchen, dort eine Öffnung, von überall her kommen schaurige Gestalten oder abscheuliche Struwwelpeter-Hände, und alles sorgt für ein großartig-faszinierendes Gruselkabinett Bühne. In Worten sind all die wunderbösen Ideen eigentlich kaum zu beschreiben noch richtig zu würdigen: Schon mal ein Grund sich das Spektakel selbst anzuschauen!
Der weitere Grund des Erfolgs ist die tolle Leistung aller Schauspieler. Nicht nur hören wir sie von einer besonderen musikalischen Seite, schließlich ist Shockheaded Peter ein Grusical in dem entsprechend „fürchterlich“ gesungen wird (Und wie! Der helle Wahnsinn, musikalische Leitung Hans Petith), sondern wir sehen sie mit Gänsehaut in dunkel-schwarzhumorigem Spiel. Allen voran Gunnar Golkowski, der in seiner Rolle als Theaterdirektor die einzelnen Episoden erhaben-bestimmt verknüpft, dirigiert und kommentiert - der Conférencier des Grauens. Er zieht einen schlichtweg in seinen Bann mit seiner Darbietung, wie er da steht, mit Jokermaske und lila Dompteurskostüm. Es ist trotz anderen Trubels auf der Bühne schwer den Blick von ihm zu lassen kann. Ein Blick gleichermaßen begleitet von Faszination und Furcht.
Doch voll Spielfreude am boshaften Tun mimen und singen, kaum minder beeindruckend, Sigrun Fischer, Kai Börner und Heidrun Bartholomäus. Geradezu zu Operntönen schwingt sich Thomas Harms auf. Die unerzogenen, in schneller Folge dahinsterbenden Göhren sind Lucie Thiede und Johannes Kienast. Mit großartiger Leichtigkeit, erfrischender Fröhlichkeit und kindlicher Naivität stolpern, fliegen, rollern oder tanzen sie durch die Geschichten und zeigen was Kind besser nicht macht und warum.
Die musikalische Begleitung liefert die hitverdächtige Liveband von Hans Petith (Akkordeon, Harmonium, Klavier), Dietrich Petzold (Geige), Susanne Paul/Martin Klenk (Cello, Gitarre)
und Tobi Dutschke/Heiko Liebmann (Schlagwerk), und die vielen schwierig-schönen Choreographien erarbeitete Gundula Peuthert.
Die tollen (Haar-)Tollen und weiteren Masken zu den Kostümen von Susanne Suhr entstanden übrigens in einer Kooperation des Kostümplastikers Wolfgang John mit der Hochschule für bildende Künste Dresden.
Überhaupt gibt es eine Menge Bühnentricks und -zauber und ist diese Inszenierung des Schauspieldirektors Mario Holetzeck einfach zu 100-Prozent Theater.
Was für ein wunderbares - und vollkommen zu Recht vom Publikum umjubeltes Finale des Premierenreigens dieser Spielzeit im Großen Haus.
Das uns zugleich Gelegenheit zur Aufforderung gibt, (nicht nur dieses) Stück ab August unbedingt anzuschauen. Denn bereits am 20.8. (also lange vor der Spielplanpräsentation im Branitzer Park) startet das Schauspiel im Hof der Alvensleben-Kaserne zum „Der Diener zweier Herren“-Sommertheater-Open-Air.
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