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Gesehen: TOUCH DOWN

Piccolo Theater Cottbus, Jugendklub 27. Mai 2014

von Jens Pittasch, Kultur

Vor dem Besuch des Stücks hatte ich Szenenfotos gesehen. Und gedacht: Hm, irgendwie kennst Du diese Bilder, diese Gruppierungen, die Verwendung der Tafel, ... - und ging schließlich mit Vorbehalten zur Aufführung.
Natürlich, selbst wenn es so gewesen wäre, dass stilistische, spielerische und szenische Mittel eine ähnliche Wiederverwendung erfahren hätten, wie in voran gegangenen Inszenierungen von Matthias Heine, wäre es an sich nicht schlimm. Schließlich wird am Piccolo Theater typische Jugendarbeit geleistet, und der Jugendklub von gestern ist nicht der von heute. Spätestens alle drei Jahre, meist schneller, ist ein Generationswechsel erfolgt.
Und für die Gruppenarbeit im Jugendtheater gibt es selbstverständlich bewährte Grundmittel, die eine solche Gemeinschaftsleistung erleichtern bzw. überhaupt erst möglich machen. Gilt es doch hier mit allen zu arbeiten, jeden einzubeziehen, individuelle Talente ebenso zu nutzen, wie den Impuls des Teams. - Eine Absicht, die am Piccolo seit Jahrzehnten hervorragend gelingt - apropos: Matthias Heine ist in diesem Jahr seit 10 Jahren dabei. Gratulation, Respekt und Dank für seine wundervolle Leistung!
Um auf meine Bedenken zurück zu kommen. Die Begründung, die ich eben genannt hatte und die durchaus berechtigt ist, erwies sich als vollkommen unnötig. Denn es gibt in „Touch Down“ keine Wiederholungen eingefahrener Stile und Ideen. „Touch Down“ ist ebenso neu, wie die junge Schauspielgruppe.
Wobei das „Neu“ nicht die Bedeutung dieses Abends und der Inszenierung ausmacht; die eigentliche Wirkung des Stückes liegt in dessen unglaublicher Nähe und Intensität, einer oft bedrückenden Intensität - bedingt durch das Thema und faszinierend beängstigend vermittelt von jedem einzelnen Schauspieler.

„Und es werden kommen hundert gen Mittag an Land
Und werden in den Schatten treten
Und fangen einen jeglichen aus jeglicher Tür
Und legen ihn in Ketten und bringen vor mir
Und fragen: Welchen sollen wir töten?
Und an diesem Mittag wird es still sein am Hafen
Wenn man fragt, wer wohl sterben muss.
Und dann werden Sie mich sagen hören: Alle!
Und wenn dann der Kopf fällt, sag ich: Hoppla!
Und das Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird entschwinden mit mir. „

„Touch Down“ beginnt als Hörspiel, noch zuvor ist Seeräuber-Jenny zu hören (aus Brechts Dreigroschenoper, oben die gesamte letzte Strophe).
Um das, was einer anderen Jenny geschah, wirklich geschah in Steubenville (Ohio) 2012, geht es in „Touch Down“ - und darum, wie das geschehen konnte. Die Piccolo-Handlung dazu ist an der Realität orientiert, konkret jedoch von den Jugendlichen der Theatergruppe und ihrem Spielleiter Matthias Heine selbst entwickelt. - Mit dem einzig möglichen Fazit, dies sei vorweggenommen, dass es unter diesen Umständen eigentlich nicht nur so kommen musste und mit geradezu folgerichtiger Normalität jederzeit wieder kommen wird - sondern sicher und ganz „selbstverständlich“ auch ständig wieder passiert. Nur wird es halt selten öffentlich. Und ohne (erneut) auf den speziellen US-Verhältnissen herumhacken zu wollen, besonders auch ohne die Situationen hierzulande schönzureden - doch es sind nunmal diese besonderen US-Umstände, die Geschehnisse wie in „Touch Down“ fördern.
Wussten Sie eigentlich, dass ausgerechnet die Schwangerschaft der 17-jährigen Tochter der erzkonservativen, radikal evangelikal missionierenden Sarah Palin (Tea-Party Vizepräsidentschaftskandidatin) deren Bewerbung ums zweithöchste US-Amt etwas durcheinander brachte? Statt Aufklärung gibt es in den USA Abschreckung und statt Information Verbote. Ihr ´Wissen´ über Sexualität beschaffen sich die Jugendlichen von Pornoplattformen und verwechseln Stellungen mit Einstellungen wie Liebe, Zuneigung und Partnerschaft.
52,1 pro 1000 junge Frauen zwischen 15-19 werden in ´Gottes-eigenem-Land´ schwanger und führen damit die weltweite Statistik einsam an. Irland liegt auf Rang 10 mit 15,2. In Deutschland sind es zirka 10.
Ach - und man muss nicht raten, um zu erfahren, wer an der Spitze der Vergewaltigungs´hitliste´ liegt: die USA. Dabei werden vermutlich nur 16 Prozent der Fälle überhaupt gemeldet. Durchschnittsalter bei Vergewaltigung: 14!
Deutschland hier nicht ´ganz so weit zurück´ wie bei den Schwangerschaften, sondern auf dem traurigen 6. Platz.
Mag also auch die Aufklärung hier besser sein, „Touch Down“ hat für uns eine hohe Relevanz. Und so wundert es weniger, als es in der darstellerischen Brutalität erschreckt, was uns die Piccolo-Jugendlichen vermitteln.
„Woman Is the Nigger of the World.“, lassen sie John Lennon singen, während sie an der Tafel Begriffe und Situationen sammeln, die ihnen sexuell abwertend oder in Anspielungen alltäglich begegnen - untereinander, in Situationen mit Lehrern, Trainer, Verwandten, Ärzten, ... sie berichten davon - und in ihrer Konzentriertheit wird die Schreibwand schnell zu einem gruseligen Spiegel eines Alltags, der nur selten nach Außen dringt, zu Eltern schon garnicht - wie einigen Anwesenden in den blassen Gesichtern abzulesen ist.
Und doch ist es eben Normalität, die man zugleich auch nicht pauschal verteufeln kann, verbieten (siehe USA) ohnehin nicht. Das Probieren, das Aufbegehren, das Entdecken - Das Freiheiten-Ankosten, die dabei ebenso normale Nähe zur Grenzüberschreitung gehört zum Jungsein - doch: Die Grenze? Wo ist sie eigentlich? Die der Erwachsenen ist es wohl kaum, die vergessen habe, wie es ihnen selbst ging, einige Jahre zuvor. Die von „Kindern“ reden und diese auch so behandeln, wo Heranwachsende längst der Kindheit entfliehen.
Die sich in einer eigenen Welt behaupten müssen, in der es oft rau zugeht, in der sich heftige Kämpfe aus Gruppenzwang, Provokation, Dazugehören, Positionen, Ausgrenzung, Macht und Gewalt abspielen. Wer anders ist, wie Jenny, muss dem nicht passieren, was ihr passiert ist? Außerdem hat sie doch nichts gemerkt, war ja betrunken; dazu Gras, Koks - und wer weiß was die noch probiert hat. Selbst schuld, oder?
Schnell kann man zum Opfer werden, oder Täter - und wer ist wer?
Ein sehr beindruckendes, bedrückend, verstörend, großartiges neues Stück.
Ansehen!
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